Teil I - Der Riss
Kapitel 1
Das selbstverständliche Weltbild
Es gibt Annahmen, die so tief in uns sitzen, dass wir sie gar nicht mehr als Annahmen wahrnehmen. Sie fühlen sich an wie die Welt selbst. Wir leben in ihnen, treffen Entscheidungen aufgrund von ihnen, richten unsere Pläne nach ihnen aus, ohne sie je geprüft zu haben. Sie bilden so etwas wie einen Grundton, der mitschwingt, ohne dass jemand ihn anschlägt.
Eine dieser Annahmen lautet: Es wird schon halten.
Damit ist keine konkrete Sache gemeint, sondern alles Mögliche zugleich. Das Geld auf dem Konto, das morgen noch dort sein wird. Die Rente, die irgendwann kommen wird, weil sie ja immer gekommen ist. Die Versorgung mit Strom, mit Wasser, mit Lebensmitteln, die selbstverständlich da ist, weil sie immer da war. Die Stabilität von Banken, von Währungen, von Institutionen, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten Teil des Bildes sind und die deshalb, so denken wir, auch in fünf, zehn, fünfzig Jahren Teil des Bildes sein werden.
Niemand sagt das so. Niemand setzt sich an den Tisch und erklärt offen, dass er an die Selbsterhaltung der bestehenden Ordnung glaube. Aber gehandelt wird so. Gespart wird so. Geplant wird so. Und darin liegt die Kraft dieser Annahme. Sie wird nicht ausgesprochen und nicht verteidigt. Sie ist einfach da, wie die Luft.
Wenn man genauer hinsieht, besteht dieses selbstverständliche Weltbild aus zwei miteinander verbundenen Überzeugungen.
Die erste lautet, dass sich komplexe Systeme steuern lassen. Wenn etwas nicht funktioniert, dann muss es jemand reparieren, der weiß, wie es geht. Die Wirtschaft schwächelt, dann muss man sie ankurbeln. Die Preise steigen, dann muss man sie bremsen. Die Banken straucheln, dann muss man sie auffangen. Hinter all diesen Sätzen steht die Annahme, dass jemand am Hebel sitzt, dass dieser Hebel funktioniert, und dass die Person, die ihn bedient, weiß, in welche Richtung sie ziehen muss.
Die zweite Überzeugung folgt daraus. Wenn etwas in Schieflage gerät, wird schon eingegriffen. Der Eingriff ist gut, weil er stabilisiert. Stabilität ist gut, weil sie schützt. Schutz ist gut, weil er Unsicherheit reduziert. Eine Kette, die so plausibel klingt, dass sie kaum jemand zu Ende denkt.
Beide Überzeugungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie haben einen historischen Ursprung und sind das Erbe einer Epoche, in der vieles tatsächlich gesteuert werden konnte. Brücken wurden gebaut, Krankheiten besiegt, Kommunikationsnetze geknüpft. Es gab Probleme, und es gab Lösungen, und meistens funktionierten die Lösungen. Aus dieser Erfahrung ist eine Haltung entstanden, die sich unbemerkt verschoben hat. Aus der Erkenntnis, dass sich manches steuern lässt, wurde irgendwann die Überzeugung, dass sich das Wesentliche steuern lässt. Und aus dieser Überzeugung wurde schließlich die stille Erwartung, dass schon jemand alles Wesentliche steuern werde.
Genau bei dieser leisen Verschiebung beginnen die Probleme.
Nehmen wir das Sparbuch.
Stell dir eine Großmutter vor. Eine Frau, die fünfzig Jahre lang gespart hat. Sie hat es richtig gemacht. Sie hat nicht geprasst, nicht spekuliert, nicht über ihre Verhältnisse gelebt. Sie hat das Geld, das übrig blieb, brav auf das Sparbuch gelegt, so wie es ihre Eltern getan hatten und so wie es jeder verständige Mensch in ihrer Generation getan hätte. Damals, als sie anfing zu sparen, hätte das Geld, das sie heute auf dem Konto hat, für ein kleines Haus gereicht. Heute reicht es für ein gebrauchtes Auto.
Niemand hat ihr etwas weggenommen. Es steht alles noch da. Die Zahl auf dem Sparbuch ist sogar gestiegen. Und doch ist etwas verschwunden, das niemand benennen will.
Wenn man dieser Großmutter erklärt, was passiert ist, wird sie zunächst nicht zustimmen. Sie wird sagen, dass das Geld doch noch da sei, dass da doch eine Zahl stehe, dass die Bank doch nichts genommen habe. Sie kennt das Wort Inflation. Sie hat sie selbst erlebt, in der Nachkriegszeit, später in den siebziger Jahren. Aber sie denkt Inflation als Ereignis, als etwas, das kommt und wieder geht, als äußere Erschütterung, die man durchsteht wie einen kalten Winter. Was sie nicht denkt, ist Inflation als Mechanismus. Als stillen Vorgang, der über Jahrzehnte im Hintergrund läuft, ohne jemals laut zu werden. Diebstahl, Betrug, ein Verlust durch Unfall, das sind klare Ereignisse mit Anfang und Ende. Eine schleichende Entwertung über fünfzig Jahre, die niemand sichtbar verursacht und die das Ergebnis eines Lebenswerks halbiert oder drittelt, ist keine Kategorie, in der sie denkt. Damit ist sie nicht allein. Das Wort Inflation kennt jeder. Aber nicht jeder zieht daraus Konsequenzen für das eigene Handeln, und kaum jemand erklärt seinen Kindern, was es wirklich heißt, wenn ein ganzes Erspartes über die Jahrzehnte still zerrinnt. Es ist da, es ist bekannt, und es wird einfach hingenommen.
Ich habe das Gespräch mit der Großmutter in vielen Varianten geführt, über viele Jahre, mit vielen Menschen. Nicht immer mit Großmüttern. Manchmal mit Geschäftspartnern. Manchmal mit Freunden. Manchmal in der Familie. Es ist erstaunlich, wie weit das selbstverständliche Weltbild auch in Köpfe reicht, die ansonsten scharf analysieren können. Die Annahme, dass Sparen sicher ist und dass eine Zahl auf einem Konto bedeutet, was sie zu bedeuten scheint, sitzt so tief, dass selbst der mathematische Beweis des Gegenteils oft nicht ausreicht. Man kann die Zahlen vorrechnen. Man kann zeigen, wie viel zwanzigtausend Mark im Jahr 1975 wert waren und wie viel zehntausend Euro im Jahr 2025 wert sind. Es hilft nichts. Das Weltbild ist häufig stärker als die Rechnung.
Ähnliches gilt für das Rentensystem. Es funktioniert nach einem einfachen Prinzip. Die heute Arbeitenden bezahlen die heute Rentenbeziehenden, und sie tun dies in der Erwartung, dass die nach ihnen Arbeitenden später für sie das Gleiche tun werden. Solange genug junge Menschen nachkommen und solange die Wirtschaft mitwächst, geht die Rechnung auf. Verändern sich diese beiden Größen, und sie verändern sich, wird die Rechnung schwierig. Jeder, der sich einmal eine halbe Stunde mit Demographie beschäftigt hat, weiß das. Trotzdem bleibt die Selbstverständlichkeit bestehen, dass die Rente in dreißig Jahren ungefähr so funktionieren wird wie heute. Sie wird nicht. Sie kann nicht. Aber das Weltbild verlangt, dass sie es wird, und solange das Weltbild das verlangt, fragt niemand laut nach.
Wer dieses selbstverständliche Weltbild verstehen will, kommt nicht umhin, sich anzusehen, was in den letzten Jahrzehnten tatsächlich geschehen ist. Nicht in einem einzelnen Land, nicht in einem einzelnen Sektor, sondern über die ganze Breite der entwickelten Welt. Vier Stationen genügen, um das Muster sichtbar zu machen.
Im Jahr 2000 endete eine Phase großer technologischer Euphorie. Die sogenannte Dot-Com-Blase platzte. Über mehrere Jahre hatten Anleger geglaubt, dass Internetunternehmen jeden Preis wert seien, weil die Zukunft ihnen gehöre. Als die Erwartungen sich nicht erfüllten, brachen die Kurse zusammen. Hunderte Milliarden an angenommenem Wert verschwanden binnen Monaten. Die Reaktion der Notenbanken war eine kräftige Senkung der Zinsen. Damit sollte verhindert werden, dass der Schock die übrige Wirtschaft erfasst. Es funktionierte kurzfristig. Was es zugleich auslöste, war eine neue Welle billigen Geldes, die in andere Bereiche floss, unter anderem in den Immobilienmarkt der Vereinigten Staaten.
Acht Jahre später kam dort, was kommen musste. Die Hypothekenkrise von 2008 weitete sich aus zur größten Finanzkrise seit den 1930er Jahren. Banken, die für unzerstörbar galten, gerieten ins Wanken. Manche fielen. Die meisten wurden gerettet, weil ihre Kollaps-Folgen für unkontrollierbar gehalten wurden. Der Begriff too big to fail hat sich seither im Alltag verankert. Was kaum jemand gerne laut sagt: Diese Rettung kostete Geld, das es nicht gab und das deshalb geschaffen werden musste. Über die Maßnahmen der Notenbanken in den folgenden Jahren wurden mehrere Tausend Milliarden in das System gepumpt. Niemand wollte das. Aber alle hielten es für notwendig.
2020 traf die Welt eine Pandemie. Was an dieser Stelle interessant ist, ist nicht die medizinische Bewertung, über die man lange streiten kann, sondern die ökonomische Reaktion. Wirtschaften wurden bewusst heruntergefahren. Ganze Branchen lagen still. Um die entstandenen Lücken zu füllen, schufen Regierungen und Notenbanken in wenigen Monaten Geldsummen, die in normalen Zeiten Jahrzehnte gebraucht hätten. Es war die größte Geldschöpfung in Friedenszeiten in der Geschichte. Auch hier wieder: Niemand wollte das. Aber alle hielten es für notwendig.
Wenig später folgte die Energiekrise, ausgelöst durch geopolitische Verwerfungen und durch jahrzehntelang gewachsene Abhängigkeiten, die niemand hatte enden sehen wollen. Wieder griff der Staat ein. Wieder wurden Hilfen verteilt, Preise gedeckelt, Schirme aufgespannt. Wieder kostete das Geld, das es nicht gab.
Vier Krisen in fünfundzwanzig Jahren. Vier Mal dasselbe Muster. Eine Struktur, die für stabil gehalten wurde, gerät ins Wanken. Es wird eingegriffen. Die Struktur wird gestützt. Nach dem Eingriff ist sie nominell wieder ganz und tatsächlich weniger tragfähig als zuvor. Denn jeder Eingriff hinterlässt Spuren. Mehr Geld im System, mehr Schulden, mehr Abhängigkeit der Marktteilnehmer von der Erwartung, dass beim nächsten Mal wieder eingegriffen wird. Die Selbstverständlichkeit, dass Strukturen halten, wird nicht durch die Krisen erschüttert. Sie wird durch jede Rettung verstärkt.
Das ist eines der erstaunlichsten Phänomene unserer Zeit. Je öfter eingegriffen werden muss, desto mehr glauben wir, dass die Eingreifenden wissen, was sie tun. Je größer die Beträge, die mobilisiert werden, desto sicherer scheint die Hand, die sie mobilisiert. Je tiefer die Probleme, die übertüncht werden, desto unsichtbarer wird der Riss darunter.
Ich möchte an dieser Stelle einen wichtigen Hinweis anbringen, weil ich glaube, dass er für das ganze Buch gilt. Was ich gerade beschreibe, ist keine Anklage. Es ist keine politische Aussage gegen eine Partei, eine Regierung oder eine Person. Die Menschen, die diese Eingriffe vornehmen, sind in der überwiegenden Mehrzahl Menschen mit guten Absichten. Sie handeln im Rahmen dessen, was sie für möglich halten, und in der Logik des Systems, in dem sie sich bewegen. Es geht hier nicht um Schuld. Es geht um eine Struktur, die nach ihrer eigenen Logik weiterläuft, und um ein Weltbild, das diese Struktur stützt, ohne sie ausreichend zu hinterfragen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wer das selbstverständliche Weltbild kritisiert, wird oft so verstanden, als kritisiere er die Menschen, die in ihm leben. Das wäre falsch und auch nicht hilfreich. Wir alle leben in diesem Weltbild. Auch ich habe lange darin gelebt, ohne es zu bemerken. Es ist nicht peinlich, es nicht früher gesehen zu haben. Es ist normal. Es ist genau die Art von Annahme, deren Stärke darin besteht, unsichtbar zu sein.
Worum es hier geht, ist die ruhige Feststellung, dass dieses Weltbild an seine Grenzen kommt. Nicht, weil jemand es zerstören will, sondern weil die Realität, die es beschreiben soll, sich verändert hat. Komplexe Systeme lassen sich nicht in dem Maße steuern, in dem das Weltbild es voraussetzt. Eingriffe haben Folgen, die ihrerseits Eingriffe nötig machen. Stabilität, die durch immer größere Stützen gehalten wird, ist keine Stabilität mehr, sondern eine andere Form von Instabilität, die nur noch nicht sichtbar ist.
Damit könnte das Kapitel enden. Aber es fehlt noch ein Gedanke, der für alles Weitere wichtig ist.
Wenn das selbstverständliche Weltbild nicht mehr trägt, was tritt an seine Stelle? Die naheliegende Antwort wäre, ein anderes Weltbild. Eine andere Theorie. Eine andere Politik. Eine andere Schule des Denkens, die das alte ablöst. Aber das ist nicht der Weg, den dieses Buch beschreiben wird. Denn die Geschichte der letzten Jahrhunderte ist voll von Theorien, die andere Theorien abgelöst haben, und am Ende stand jedes Mal wieder ein Weltbild, das genauso selbstverständlich war wie sein Vorgänger.
Was an die Stelle des selbstverständlichen Weltbildes tritt, ist nicht ein neues Weltbild. Es ist eine andere Art zu sehen. Eine Art, die sich weniger auf Annahmen verlässt und mehr auf das, was man prüfen kann. Eine Art, die genau dort hinsieht, wo das Weltbild bisher den Vorhang zugezogen hat. Eine Art, die fragt, was die Dinge eigentlich sind, bevor sie sie gestaltet sehen will.
Diese andere Art zu sehen kommt nicht von einem Schreibtisch. Sie kommt aus einer praktischen Erfahrung mit etwas, das das selbstverständliche Weltbild eigentlich nicht vorgesehen hatte. Sie kommt aus der Begegnung mit einem System, das niemand steuert, das trotzdem funktioniert, und dessen Funktionieren nicht auf Vertrauen beruht, sondern auf Überprüfbarkeit.