Teil III / Bitcoin
Kapitel 10
Bitcoin als Konsequenz
Was am 31. Oktober 2008 geschah, ist auf den ersten Blick unscheinbar. Eine E-Mail. Ein Anhang von neun Seiten. Ein anonymer Absender. Verteilt auf einer Mailingliste, die in der breiten Öffentlichkeit niemand kannte, an einen Verteiler von ein paar hundert Menschen, die sich seit Jahren mit Kryptographie beschäftigten und die in ihrem Alltag mit den großen Fragen unserer Zeit auf den ersten Blick wenig zu tun zu haben schienen. Es war keine Pressekonferenz. Es gab keine Fernsehkameras. Es gab keinen Investor, der hätte vorstellen können, was hier präsentiert wurde. Es gab nur diese eine E-Mail, geschickt am Vorabend von Halloween, mit dem Betreff Bitcoin P2P e-cash paper.
Und doch beginnt mit dieser E-Mail die zweite Hälfte des Buches. Denn alles, was wir in den vorhergehenden Kapiteln beschrieben haben, die Diagnose des Geldsystems, der Bruch von 1971, die unverhandelbare Welt, die Frage nach einer Wahrheit, die nicht auf Vertrauen, sondern auf Verifikation beruht, all das findet in dieser Mail seine technische Antwort. Eine Antwort, an der zu diesem Zeitpunkt schon viele Menschen über Jahrzehnte gearbeitet hatten, ohne dass sie selbst je vermutet hätten, dass eines Tages eine Person oder eine Gruppe die letzten fehlenden Teile zusammenfügen und in einem unscheinbaren Anhang an die Welt schicken würde.
Bitcoin ist kein Anfang. Bitcoin ist eine Antwort. Eine Antwort, deren Bestandteile lange vorher entwickelt worden waren, und ohne die das, was 2008 erschien, schlicht nicht möglich gewesen wäre. In diesem Kapitel geht es um die Menschen und die Ideen, ohne die Bitcoin nicht hätte entstehen können. Es geht um die Cypherpunks, eine kleine, weltweite Bewegung von Menschen, die in den späten achtziger und in den neunziger Jahren erkannt haben, was später erst der Welt klar wurde. Dass die Frage der Privatsphäre und der Frage des Geldes in der digitalen Welt fundamental zusammenhängen, und dass sie ohne den Schutz der Kryptographie nicht beantwortbar sind.
Die Geschichte beginnt in einer Region, die für solche Geschichten typisch ist. In der San Francisco Bay Area, an den Universitäten, in den Forschungslaboren, in den Wohnzimmern technisch interessierter Menschen, die Anfang der neunziger Jahre erkannt hatten, dass das Internet, das damals langsam aus den Universitäten in die Öffentlichkeit wuchs, eine doppelte Möglichkeit in sich trug. Es konnte die größte Befreiung der Menschheitsgeschichte werden, ein Werkzeug zur Verbreitung von Wissen, zur Kommunikation über alle Grenzen hinweg, zur Stärkung der Einzelnen gegenüber Mächten, die bisher die Information kontrolliert hatten. Es konnte aber genauso gut zum mächtigsten Überwachungsapparat werden, den die Menschheit je gesehen hatte. Welche dieser beiden Möglichkeiten Wirklichkeit werden würde, hing nicht von den Technologien selbst ab, sondern davon, wie sie konstruiert waren und wer sie kontrollierte.
Im Jahr 1992 gründeten drei Männer in der Bay Area eine Mailingliste, die im Lauf der folgenden Jahre zur intellektuellen Heimat einer ganzen Bewegung werden sollte. Eric Hughes, Mathematiker und Programmierer. Timothy May, ein ehemaliger Ingenieur bei Intel, der sich nach seiner Pensionierung der Frage gewidmet hatte, wie Kryptographie und Politik zusammenhängen. Und John Gilmore, ein Open-Source-Pionier und einer der Mitgründer der Electronic Frontier Foundation. Sie nannten ihre Mailingliste, und damit auch sich selbst, die Cypherpunks. Das Wort spielte auf die Cyberpunk-Literatur an, jene düsteren Zukunftsvisionen der achtziger Jahre, in denen Konzerne und Staaten die Kontrolle über die digitale Welt errungen hatten und in denen einzelne Hacker versuchten, ihre Freiheit gegen diese Übermacht zu verteidigen. Die Cypherpunks wollten verhindern, dass diese Romane Wirklichkeit werden.
Im Jahr 1993 schrieb Eric Hughes einen Text, der zur Gründungsurkunde dieser Bewegung wurde. Er trug den Titel A Cypherpunk's Manifesto und ist heute noch im Internet leicht zu finden. Er beginnt mit einem Satz, der seither millionenfach zitiert wurde und der den Kern dessen ausdrückt, worum es ging. Privacy is necessary for an open society in the electronic age. Privatsphäre ist notwendig für eine offene Gesellschaft im elektronischen Zeitalter. Hughes argumentierte, dass eine Gesellschaft, in der jeder Schritt jedes Bürgers nachvollziehbar sei, keine freie Gesellschaft mehr sein könne. Privatsphäre sei nicht ein Luxus für Menschen, die etwas zu verbergen hätten, sondern die Voraussetzung dafür, dass Menschen frei denken, frei sprechen und frei handeln könnten. Und die einzige Möglichkeit, Privatsphäre in der digitalen Welt zu schützen, sei die Kryptographie. Nicht Gesetze, die jederzeit geändert werden könnten, sondern Mathematik, deren Wirkung von keiner Regierung aufgehoben werden konnte.
Aus dieser Grundüberzeugung wuchs in den folgenden Jahren ein bemerkenswerter Strom technischer und konzeptioneller Arbeit. Die Cypherpunks bauten Verschlüsselungssoftware, schrieben Aufsätze, entwickelten Werkzeuge zum anonymen Versenden von E-Mails, kämpften vor amerikanischen Gerichten für das Recht, starke Kryptographie überhaupt verwenden zu dürfen. Sie waren keine homogene Gruppe. Manche waren ausgesprochen libertär, manche eher liberal, manche kamen aus der Hackerszene, andere aus der akademischen Welt. Was sie verband, war die Überzeugung, dass die Architektur der digitalen Welt entschieden werden würde, ob diese Welt ein Ort der Freiheit oder ein Ort der Kontrolle würde.
Eines der frühesten und für unser Thema wichtigsten Projekte aus diesem Umfeld war DigiCash, eine Firma, die 1989 von dem amerikanischen Kryptographen David Chaum gegründet wurde. Chaum hatte bereits 1982 in seiner Doktorarbeit Konzepte für anonyme digitale Zahlungen entwickelt, die seiner Zeit weit voraus waren. Er nannte sein digitales Geld ecash und versuchte mit DigiCash, es in der Praxis zu realisieren. Das Unternehmen schloss in den späten neunziger Jahren wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, war aber für die Cypherpunk-Bewegung ein prägender Bezugspunkt. Es zeigte, dass digitale Zahlungen mit echter Privatsphäre möglich waren, wenn auch im Fall von Chaum noch über einen zentralen Server abgewickelt. Hal Finney, von dem wir gleich noch ausführlich sprechen werden, schrieb 1992 auf der Cypherpunk-Liste über Chaums Arbeit einen Satz, der seine ganze Hoffnung zusammenfasste. Hier sei jemand, der dem zunehmenden Verlust der Privatsphäre und der Zentralisierung von Daten eine völlig andere Richtung entgegensetze. Eine Richtung, die Macht in die Hände der Einzelnen lege und nicht in die Hände von Regierungen und Konzernen. Der Computer als Werkzeug der Befreiung, nicht der Kontrolle.
Bis hierher war alles, was im Cypherpunk-Umfeld an digitalem Geld diskutiert wurde, an einen Mittelsmann gebunden. Es war ein Schritt in die richtige Richtung, aber es war noch nicht das, was eigentlich gebraucht wurde. Solange eine zentrale Stelle die Bücher führte, ließ sich das System abschalten, zensieren, beschlagnahmen. Was fehlte, war eine Lösung, in der überhaupt keine zentrale Stelle mehr nötig war. Eine Lösung für das Double-Spending-Problem, das wir in Kapitel 8 ausführlich beschrieben haben, ohne einen Mittelsmann.
In den späten neunziger und in den frühen zweitausender Jahren entstanden in mehreren parallelen Anläufen Vorschläge, die diesem Ziel immer näher kamen.
Im Jahr 1997 veröffentlichte ein britischer Kryptograph namens Adam Back ein Verfahren mit dem Namen Hashcash. Es war ursprünglich nicht als Geld gedacht, sondern als Schutz gegen Spam-E-Mails. Die Idee war einfach. Wer eine E-Mail verschicken wollte, musste vorher eine kleine, mathematisch aufwendige Aufgabe lösen. Für eine einzelne E-Mail dauerte das nur Bruchteile von Sekunden, und der Absender merkte es kaum. Wer aber Millionen von Spam-Mails verschicken wollte, hätte für jede einzelne dieselbe Rechenarbeit aufbringen müssen, was den Spam wirtschaftlich unmöglich machen würde. Hashcash funktionierte, fand aber nie eine breite Verwendung gegen Spam. Es überlebte aber in einer ganz anderen Bedeutung. Das Prinzip, einen Rechenaufwand als Eintrittsschwelle in ein System zu setzen, sollte später in Bitcoin als Proof of Work zum Herzstück werden. Was Adam Back gegen Spam erdacht hatte, wurde Jahre später zum Sicherheitsmechanismus eines globalen Geldsystems.
Im November 1998 veröffentlichte Wei Dai, ein Kryptograph chinesischer Herkunft, in der Cypherpunk-Mailingliste einen Vorschlag, den er b-money nannte. Es war eine konzeptionelle Skizze für ein digitales Geld, das ohne Mittelsmann auskommen sollte. Wei Dai beschrieb darin, wie eine Gruppe pseudonymer Teilnehmer gemeinsam ein gemeinsames Buch über die Eigentumsverhältnisse führen könnte, ohne dass eine zentrale Stelle nötig wäre. Vieles, was später in Bitcoin konkret realisiert wurde, ist in b-money bereits in skizzenhafter Form angelegt. Wei Dai selbst hat das System nie praktisch umgesetzt. Es blieb bei dem Vorschlag. Aber dieser Vorschlag wurde in den folgenden Jahren von vielen gelesen, weitergedacht, diskutiert. Und als Satoshi Nakamoto im Oktober 2008 sein Whitepaper veröffentlichte, war eine der Quellen, die er ausdrücklich nannte, b-money von Wei Dai.
Ein zweiter Vorschlag, der in dieselbe Zeit fällt und der Bitcoin in noch vielen weiteren Details vorwegnimmt, kam von Nick Szabo, einem amerikanischen Juristen und Informatiker, der sich seit den frühen neunziger Jahren mit digitalen Verträgen und digitalem Geld beschäftigte. Szabo entwickelte zwischen 1998 und 2005 eine Idee, die er Bit Gold nannte. Es war ein System, in dem digitale Knappheit dadurch erzeugt werden sollte, dass Teilnehmer eine bestimmte Rechenarbeit verrichten mussten, deren Ergebnis dann in einer verketteten Folge gespeichert wurde, ähnlich wie wir es heute in der Blockchain finden. Bit Gold wurde nie als laufendes System implementiert. Aber die Nähe zu Bitcoin ist so groß, dass manche Menschen bis heute überzeugt sind, Nick Szabo sei in Wahrheit Satoshi Nakamoto. Er hat das immer wieder bestritten.
Damit kommen wir zu einer der berührendsten Figuren in der ganzen Vorgeschichte von Bitcoin. Zu Hal Finney. Er verdient an dieser Stelle eine ausführliche Würdigung, weil seine Geschichte etwas Wesentliches über den Geist der Cypherpunks aussagt.
Harold Thomas Finney wurde am 4. Mai 1956 im kalifornischen Coalinga geboren. Sein Vater war Erdölingenieur. Er studierte am California Institute of Technology, einer der führenden technischen Hochschulen der Vereinigten Staaten, und schloss 1979 mit einem Bachelor in Elektrotechnik ab. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst in der frühen Videospielindustrie, an Klassikern wie Adventures of Tron und Astrosmash für die Atari-Konsole. In den späten achtziger Jahren wechselte er in die Welt der Kryptographie und wurde, nach Phil Zimmermann selbst, der zweite Entwickler im PGP-Projekt. Pretty Good Privacy, abgekürzt PGP, war eines der ersten ernsthaften Werkzeuge zur Verschlüsselung von E-Mails für jedermann. Es war ein Symbol des frühen Cypherpunk-Kampfes für digitale Privatsphäre und wurde von amerikanischen Behörden zeitweise als Munition eingestuft, weil es als militärisch relevante Technologie galt und somit angeblich nicht exportiert werden durfte. Finney war einer der Männer, die diese Technologie in den Alltag der Menschen brachten.
Schon in den frühen neunziger Jahren war Hal Finney einer der aktivsten Stimmen auf der Cypherpunk-Liste. Er betrieb anonyme E-Mail-Remailer, schrieb Essays, beteiligte sich an Kryptographie-Wettbewerben, und er war zutiefst überzeugt, dass die Mathematik und die Programmierung das wichtigste Werkzeug zur Verteidigung menschlicher Freiheit in der digitalen Welt waren. Im Jahr 2004 entwickelte er ein System namens Reusable Proof of Work, abgekürzt RPoW, das die Idee von Adam Backs Hashcash weiterführte und versuchte, daraus eine Form digitalen Werttauschs zu machen. RPoW funktionierte noch nicht ohne eine zentrale Komponente, war aber ein weiterer Schritt auf dem Weg zu dem, was später Bitcoin werden sollte.
Als Satoshi Nakamoto am 31. Oktober 2008 seine E-Mail mit dem Bitcoin-Whitepaper an die Cryptography-Mailingliste schickte, einer Nachfolgeliste der ursprünglichen Cypherpunks-Liste, gehörte Hal Finney zu den wenigen, die sofort verstanden, was da geschah. Während die meisten Reaktionen anderer Listenteilnehmer reserviert bis skeptisch ausfielen, antwortete Finney mit einem Satz, der bis heute in die Geschichte eingegangen ist. Bitcoin seems to be a very promising idea. Bitcoin scheint eine sehr vielversprechende Idee zu sein.
Am 9. Januar 2009 veröffentlichte Satoshi die erste Version der Bitcoin-Software, Version 0.1. Am 11. Januar 2009 setzte Hal Finney einen Tweet ab, der heute als einer der berühmtesten Tweets der Internetgeschichte gilt. Er bestand aus zwei Wörtern. Running bitcoin. Bitcoin läuft. Es war keine Werbeaussage, kein visionärer Aufruf, kein Marketingmoment. Es war die schlichte Mitteilung eines Programmierers, dass das neue System auf seinem Rechner funktionierte. Einen Tag später, am 12. Januar 2009, schickte Satoshi Nakamoto ihm zehn Bitcoin. Es war die erste Bitcoin-Transaktion zwischen zwei Menschen in der Geschichte. Hal Finney war der Empfänger. Er war damit der erste Mensch nach Satoshi selbst, der bestätigen konnte, dass das System tatsächlich tat, was sein Erfinder versprochen hatte.
Wenige Monate später, im August 2009, wurde Hal Finney mit einer der grausamsten Krankheiten konfrontiert, die einen Menschen treffen können. Amyotrophe Lateralsklerose, abgekürzt ALS, im englischen Sprachraum bekannt unter dem Namen Lou Gehrigs Disease. Es ist dieselbe Krankheit, an der auch der britische Physiker Stephen Hawking litt. Sie greift die Nervenzellen an, die die Muskulatur steuern, und führt über die Jahre zu einer fortschreitenden Lähmung des gesamten Körpers, während der Geist vollständig erhalten bleibt. Es gibt für sie bis heute keine Heilung.
Wie Hal Finney mit dieser Diagnose umging, sagt mehr über ihn aus als jede technische Leistung. In einem Essay im Oktober 2009 schrieb er, er hoffe, weiter lesen zu können, durch das Internet zu surfen, an Gesprächen per E-Mail und Messenger teilnehmen zu können. Vielleicht werde er sogar noch programmieren können. Sein Traum sei es, weiter zu Open-Source-Projekten beizutragen, auch aus einem unbeweglichen Körper heraus. Das werde ein Leben sein, das sich sehr wohl zu leben lohne. Er hat diesen Traum gelebt. Über fünf Jahre hinweg, während die Krankheit ihm einen Muskel nach dem anderen nahm, programmierte er weiter, mit Hilfe von Augensteuerungstechnologien, die seinen Blick in Buchstaben übersetzten. Er arbeitete an einem Projekt namens bcflick, das die Sicherheit von Bitcoin-Wallets verbessern sollte.
Im März 2013 veröffentlichte er in einem Bitcoin-Forum einen langen, mit den Augen geschriebenen Text mit dem Titel Bitcoin and Me. Er beschrieb darin seine frühe Begegnung mit Satoshi, seine Faszination für das System, seine Hoffnungen, was Bitcoin werden könnte. Er schrieb auch über seine Krankheit. Er sei jetzt im Wesentlichen vollständig gelähmt. Er werde durch einen Schlauch ernährt, ein zweiter Schlauch unterstütze seine Atmung. Es sei eine Anpassung, aber sein Leben sei nicht so schlecht. Er liebe immer noch das Programmieren, und es gebe ihm Ziele.
Hal Finney starb am 28. August 2014 im Alter von 58 Jahren. Er hatte mit der Alcor Life Extension Foundation eine Vereinbarung getroffen, kryokonserviert zu werden. Seine Frau Fran Finney hat seither jedes Jahr einen Spendenlauf zur Erforschung von ALS organisiert, in Erinnerung an den Mann, der noch vor seiner Krankheit ein leidenschaftlicher Läufer gewesen war, und in Anspielung auf seinen berühmten Tweet Running bitcoin.
Wer die Geschichte von Hal Finney kennt, versteht etwas Wichtiges über den Geist der Cypherpunks und über den Geist der frühen Bitcoin-Bewegung. Es ging diesen Menschen nicht um schnellen Reichtum. Es ging ihnen nicht um Spekulation. Es ging ihnen um eine Idee. Um die Idee, dass Mathematik und Programmierung in der Lage sind, der Freiheit des Einzelnen einen Schutz zu geben, den ihm keine staatliche Institution je würde geben können. Hal Finney hat für diese Idee bis zum letzten Atemzug gearbeitet. Sein Beispiel steht stellvertretend für eine ganze Generation von Menschen, deren Namen weniger bekannt sind, die aber gemeinsam die Grundlagen dafür gelegt haben, was wir heute Bitcoin nennen.
Mit dieser Vorgeschichte im Rücken kommen wir zurück zu der E-Mail vom 31. Oktober 2008. Sie wurde an die Cryptography-Mailingliste auf metzdowd.com geschickt, einer Liste, die von ehemaligen Cypherpunks betrieben wurde und die für genau diese Art Diskussionen der Ort war, an dem ernsthafte Kryptographen sich austauschten. Der Absender nannte sich Satoshi Nakamoto. Niemand wusste, ob das ein echter Name oder ein Pseudonym war. Es war ein Pseudonym, wie sich später herausstellen sollte, und die wahre Identität dahinter ist bis heute unbekannt.
Die E-Mail hatte den Betreff Bitcoin P2P e-cash paper. Sie begann mit dem Satz, dass der Verfasser an einem neuen elektronischen Geldsystem gearbeitet habe, das vollständig peer-to-peer funktioniere, ohne eine vertrauenswürdige dritte Partei. Im Anhang befand sich ein neunseitiges PDF mit dem Titel Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System. Es enthielt die Beschreibung eines Systems, das alle bisherigen Vorarbeiten zusammenführte und das, im Gegensatz zu allen Vorgängern, auch tatsächlich funktionieren konnte. Der Schlüssel zu dieser Möglichkeit lag in einer eleganten Kombination dreier Bestandteile, die wir in den vorhergehenden Kapiteln bereits einzeln kennengelernt haben. Die kryptographische Signatur jeder einzelnen Transaktion. Die Verkettung von Blöcken über Hash-Funktionen. Und ein Anreizsystem, das es für jeden Teilnehmer attraktiver machte, das ehrliche System zu unterstützen, als zu versuchen, es zu betrügen. Dieses Anreizsystem nutzte das Prinzip, das Adam Back als Hashcash entwickelt hatte. Den Beweis durch Arbeit. Proof of Work.
Über die Identität des Verfassers ist bis heute spekuliert worden, ohne dass je eine Klarheit erreicht wurde. Es gab Kandidaten, deren Namen immer wieder genannt wurden, Nick Szabo, Hal Finney, Adam Back, einige andere. Es gab Menschen, die sich selbst als Satoshi ausgaben, ohne den entsprechenden Beweis liefern zu können. Es gab journalistische Recherchen, die in unterschiedliche Richtungen führten. Was übrig bleibt, ist ein Mysterium, das nicht durch Zufall ein Mysterium ist. Der Verfasser hat sich, nach den letzten Aktivitäten in den Foren im Jahr 2010 und nach einer letzten E-Mail im Frühjahr 2011, vollständig zurückgezogen. Er hat keine Bitcoins von seinen geschätzten frühen Beständen verkauft. Er hat keinen Ruhm gesucht, kein Geld, keine Anerkennung. Diese Zurückhaltung ist ein Teil der Bitcoin-DNA. Sie macht aus Bitcoin etwas, was sich von jeder anderen technischen Innovation der Menschheitsgeschichte unterscheidet. Es gibt keinen Steve Jobs, keinen Bill Gates, keinen Mark Zuckerberg, an dem die Bewegung hängen würde. Das System wirkt aus sich selbst heraus, nach Regeln, die offen sind, nach Mathematik, die jeder überprüfen kann, ohne dass eine Person, eine Familie, ein Unternehmen, eine Regierung Einfluss nehmen könnte.
Am 3. Januar 2009, um 18 Uhr 15 und 5 Sekunden Weltzeit, geschah dann das, was bis heute als der eigentliche Geburtsmoment von Bitcoin gilt. Satoshi Nakamoto erzeugte den ersten Block der Bitcoin-Blockchain, den sogenannten Genesis Block. Er hatte die Nummer Null. Er war der erste in einer Kette, die seither ohne Unterbrechung gewachsen ist und bis heute jeden zehnten Minuten um einen weiteren Block ergänzt wird.
In den Daten dieses Genesis Blocks hat Satoshi etwas hinterlegt, das in die Bitcoin-Geschichte als einer ihrer ikonischsten Momente eingegangen ist. In einem Feld, das normalerweise nur technische Hilfsdaten enthält, im sogenannten Coinbase-Parameter, schrieb er einen Satz, der seither auf ewig in der Blockchain steht und der von jedem Bitcoin-Knoten der Welt mitgeführt wird. Der Satz lautet, im englischen Original. The Times 03/Jan/2009 Chancellor on brink of second bailout for banks. Übersetzt heißt das: The Times, 3. Januar 2009, Schatzkanzler vor einer zweiten Bankenrettung.
Es war die Schlagzeile der Londoner Times vom selben Tag. Sie spielte auf die damalige Lage der britischen Finanzpolitik an, in der der Schatzkanzler, also der britische Finanzminister, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Steuergelder einsetzen musste, um die taumelnden britischen Banken vor dem Zusammenbruch zu retten. Satoshi hat diesen Satz nicht zufällig gewählt. Er hatte zwei Funktionen. Zum einen war er ein technischer Zeitstempel, ein Beweis, dass der Block frühestens an diesem Tag erzeugt worden sein konnte, denn die Zeitung existierte erst seit dem Morgen des 3. Januar. Zum anderen war er, und das ist der wichtigere Teil, ein politisches Statement. Eine Botschaft, die in die Grundsubstanz des Systems eingeschrieben wurde und die heute, mehr als sechzehn Jahre später, immer noch dort steht und jederzeit nachgelesen werden kann. Sie sagt, ohne ein einziges weiteres Wort, warum Bitcoin entstanden ist. Es ist die Antwort auf ein Geldsystem, in dem die Bevölkerung dafür haften muss, wenn die Banken sich verspekuliert haben. Es ist die Antwort auf eine Welt, in der Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden. Es ist die Antwort auf einen Zustand, in dem niemand mehr genau sagen kann, was an seinem Geld wirklich seines ist und was am Ende durch eine politische Entscheidung wieder davongetragen werden kann.
Für die Erzeugung dieses ersten Blocks erhielt Satoshi eine Belohnung von fünfzig Bitcoin, die an eine bestimmte Adresse gingen. Aus einer technischen Besonderheit der Software heraus sind diese ersten fünfzig Bitcoin bis heute nicht ausgebbar. Sie liegen in der Blockchain, sie sind sichtbar, sie sind dokumentiert, aber niemand kann sie bewegen, auch Satoshi selbst nicht. Es ist, als hätte der Erfinder dem System mit dem ersten Block gleich ein symbolisches Zeichen mitgegeben, dass dieses Geld nicht für ihn ist, sondern für alle.
Der zweite Block wurde erst sechs Tage später erzeugt, am 9. Januar 2009. Es war derselbe Tag, an dem Satoshi die erste Version der Bitcoin-Software öffentlich machte. In den darauffolgenden Tagen lud Hal Finney die Software auf seinen Rechner, ließ sie laufen, twitterte Running bitcoin, und empfing am 12. Januar die ersten zehn Bitcoin in der Geschichte. Damit war das System nicht mehr nur eine Idee in einem PDF. Es war ein Netzwerk, das mit Strom lief, das Block für Block wuchs, das nach Regeln funktionierte, die niemand mehr ändern konnte, ohne den Konsens aller anderen Teilnehmer zu erreichen.
Was an diesem 3. Januar 2009 begann, hat sich seither nach seinen eigenen Regeln entfaltet. Niemand hat es geplant, niemand steuert es, niemand kann es aufhalten. Es wächst Block für Block, Tag für Tag, Jahr für Jahr, ungerührt von politischen Entscheidungen, von Notenbankzinsen, von Konjunkturzyklen, von Modeströmungen. Es ist die erste menschliche Erfindung, die aus sich selbst heraus läuft, ohne dass eine Autorität sie tragen müsste.
Wie genau diese Regeln funktionieren, wie der Konsens unter Tausenden von Teilnehmern erreicht wird, ohne dass jemand das letzte Wort hätte, wie die Zeit in das System eingewoben ist, wie die Vergangenheit unveränderlich gemacht wird, das ist das Thema des nächsten Kapitels.