Teil III / Bitcoin

Kapitel 11

Konsens, Zeit, Unveränderlichkeit


In den vorigen Kapiteln haben wir gesehen, wie aus einer langen Linie von Vorarbeiten der Cypherpunks ein System hervorgegangen ist, das im Oktober 2008 als Whitepaper veröffentlicht wurde und das im Januar 2009 zum ersten Mal lief. In diesem Kapitel schauen wir uns das Innere dieses Systems an. Nicht in seinen technischen Details bis hinunter zu jedem einzelnen Bit, sondern in den drei Prinzipien, ohne die Bitcoin nicht funktionieren würde und ohne die der Leser nicht versteht, was hier wirklich geschehen ist.

Diese drei Prinzipien lauten Konsens, Zeit und Unveränderlichkeit. Sie hängen so eng miteinander zusammen, dass man kaum eines davon ohne die anderen erklären kann. Trotzdem versuche ich es Schritt für Schritt, weil jedes davon eine eigene Tiefe hat, die es zu verstehen lohnt.

Beginnen wir mit dem Konsens.

In jeder Form von menschlicher Gemeinschaft gibt es ein grundlegendes Problem. Wie können sich viele Menschen, die einander nicht persönlich kennen, auf eine gemeinsame Wahrheit einigen? Wie kommt es, dass tausend Beteiligte alle denselben Stand der Dinge anerkennen, obwohl keiner von ihnen einen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit hat? In den klassischen menschlichen Gesellschaften wurde dieses Problem über Autoritäten gelöst. Der König hat entschieden. Der Priester hat die Wahrheit verkündet. Der Notar hat das Dokument beurkundet. Der Richter hat das Urteil gefällt. In allen diesen Fällen ist die Wahrheit nicht aus dem Konsens der Beteiligten hervorgegangen, sondern aus der Entscheidung einer Stelle, der die anderen vertrauten oder zu vertrauen hatten.

In der digitalen Welt verschärft sich dieses Problem. Wenn ein Computer in San Francisco eine Behauptung aufstellt und ein Computer in Tokio eine andere, dann gibt es zunächst keinen natürlichen Schiedsrichter. Beide Computer sehen ihre eigenen Daten und können nicht ohne Weiteres prüfen, was der andere wirklich sieht. Wenn Hunderte oder Tausende von Computern parallel daran teilnehmen, eine gemeinsame Geschichte zu führen, dann wird das Problem ungleich größer. Unter ihnen sind möglicherweise Computer, die ehrlich sind, die ein verlässliches Bild übermitteln. Unter ihnen sind aber möglicherweise auch Computer, die lügen, die abgestürzt sind, die übernommen wurden, die mit Absicht falsche Daten in das Netzwerk einspeisen, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Wie kann man unter diesen Bedingungen überhaupt eine verlässliche Übereinstimmung erreichen?

Dieses Problem hat in der Informatik einen klassischen Namen. Es heißt das Byzantinische Generals-Problem, beschrieben in einer berühmten Arbeit aus dem Jahr 1982 von Leslie Lamport, Robert Shostak und Marshall Pease. Die drei Autoren schilderten es in einer bildlichen Form, die seither in jeder Informatikvorlesung erzählt wird. Stellen wir uns vor, eine Anzahl byzantinischer Generäle habe eine feindliche Stadt umstellt. Die Generäle befinden sich an unterschiedlichen Stellen rund um die Stadt. Sie müssen sich auf eine gemeinsame Strategie einigen, entweder gemeinsam anzugreifen oder sich gemeinsam zurückzuziehen. Wenn sie sich nicht einigen, wenn etwa die Hälfte angreift und die andere Hälfte sich zurückzieht, dann werden alle vernichtet. Die Generäle können nur über Boten miteinander kommunizieren, und unter den Boten und Generälen kann es Verräter geben. Wie können die ehrlichen Generäle unter diesen Bedingungen zu einer gemeinsamen Entscheidung kommen, ohne dass die Verräter sie sabotieren?

Lamport und seine Kollegen haben bewiesen, dass dieses Problem in einer rein nachrichtenbasierten Kommunikation nur unter sehr einschränkenden Bedingungen lösbar ist. Es war seither ein offenes Problem, ob und wie es in einem offenen, weltweiten Netzwerk gelöst werden könnte, in dem nicht einmal die Anzahl der Teilnehmer bekannt ist und in dem jeder zu jeder Zeit ein- oder austreten kann. Über zwei Jahrzehnte lang galt es als praktisch unlösbar.

Bitcoin hat es gelöst. Und die Art, wie Bitcoin es gelöst hat, ist so elegant, dass sie selbst in der Informatik zu Recht als ein Durchbruch gefeiert wird, dessen Reichweite weit über das Geldsystem hinausgeht.

Die Lösung lautet, in ihrem Kern, sehr einfach. Statt sich auf eine zentrale Autorität zu einigen oder auf eine bestimmte Mehrheit der Stimmen, einigt sich das Bitcoin-Netzwerk auf den Vorschlag desjenigen Teilnehmers, der eine bestimmte, messbare physikalische Leistung erbracht hat. Dieser Teilnehmer hat das Recht, einen neuen Block zu der bestehenden Kette hinzuzufügen, und alle anderen erkennen seinen Vorschlag an, weil sie objektiv prüfen können, dass die Leistung erbracht wurde. Diese Leistung heißt im Bitcoin-System Proof of Work, übersetzt Nachweis durch Arbeit. Sie besteht darin, eine bestimmte mathematische Aufgabe zu lösen, deren Lösung sehr viel Rechenarbeit erfordert und deren Korrektheit anschließend von jedem anderen Teilnehmer in Bruchteilen einer Sekunde überprüft werden kann.

Wie sieht diese Aufgabe konkret aus? Es geht darum, einen bestimmten Hash-Wert zu finden, der unter einem vorgegebenen numerischen Schwellenwert liegt. Was ein Hash ist, haben wir in Kapitel 8 schon kennengelernt. Es ist eine Art digitaler Fingerabdruck, der aus einer beliebigen Datenmenge eine kurze, charakteristische Zeichenfolge erzeugt. In Bitcoin verwendet das Protokoll die Hash-Funktion SHA-256. Wenn ein Miner einen neuen Block bilden will, dann nimmt er alle aktuellen, gültigen Transaktionen, fügt einige technische Daten hinzu, darunter den Hash des vorherigen Blocks und einen veränderbaren Zähler, den sogenannten Nonce, und berechnet daraus den Hash dieses Blocks. Wenn dieser Hash zufällig unter dem geforderten Schwellenwert liegt, hat er die Aufgabe gelöst und darf den Block veröffentlichen. Wenn er darüber liegt, ändert er den Nonce um eins, berechnet den Hash erneut, prüft erneut und so weiter.

Diese Suche nach dem richtigen Nonce ist nicht durch Cleverness oder durch besondere Tricks abzukürzen. Sie ist mathematisch so beschaffen, dass es keinen schnelleren Weg gibt, als alle Möglichkeiten der Reihe nach durchzuprobieren. Die einzige Möglichkeit, schneller zu sein als die anderen, ist, mehr Rechenleistung einzusetzen, also mehr Maschinen, die parallel suchen. Der Schwellenwert, unter den der Hash fallen muss, wird vom Netzwerk so eingestellt, dass im Durchschnitt alle zehn Minuten irgendein Miner irgendwo auf der Welt eine gültige Lösung findet. Wird die gesamte Rechenleistung im Netzwerk höher, weil mehr oder schnellere Maschinen mitsuchen, dann senkt das Netzwerk den Schwellenwert und macht die Aufgabe schwieriger. Wird die Rechenleistung niedriger, hebt es den Schwellenwert und macht sie leichter. Diese Anpassung passiert automatisch alle 2016 Blöcke, also ungefähr alle zwei Wochen. Sie ist eine der schönsten selbstregulierenden Eigenschaften des Systems. Bitcoin hat keine zentrale Stelle, die festlegt, wie schnell Blöcke entstehen sollen. Es passt sich selbst an die jeweils vorhandene Rechenleistung an, damit der Rhythmus von zehn Minuten pro Block stabil bleibt.

Was diese Konstruktion bewirkt, ist tiefgreifend. Sie verbindet die digitale Welt mit der unverhandelbaren Welt, die wir in Kapitel 7 als die Welt der Naturgesetze beschrieben haben. Wer einen Block bilden will, muss reale Energie einsetzen, um die Aufgabe zu lösen. Diese Energie ist nicht zurückholbar. Sie ist in Wärme umgewandelt, sie hat ihren Beitrag zur Erhöhung der Entropie des Universums geleistet, sie ist als nutzbare Form für immer verloren. Und genau das macht den Block ehrlich. Wer einen Block veröffentlicht, hat einen messbaren, nicht fälschbaren Preis dafür bezahlt. Wer einen falschen Block veröffentlichen wollte, müsste denselben Preis bezahlen. Wer einen alten Block nachträglich umschreiben wollte, müsste die gesamte Arbeit aller seither folgenden Blöcke neu erbringen und dabei schneller sein als das ganze restliche Netzwerk, das ja weiter neue Blöcke produziert. Das ist praktisch nicht zu schaffen.

Der Konsens im Bitcoin-Netzwerk ist damit nicht ein Ergebnis von Vertrauen, sondern von Beweisbarkeit. Wenn ein neuer Block kommt und der Hash stimmt und die Transaktionen darin gültig sind, dann akzeptiert jeder Teilnehmer ihn, weil jeder das mit eigenen Mitteln überprüfen kann. Niemand muss niemandem glauben. Die ehrlichen Teilnehmer kommen zur selben Antwort, weil sie die Wirklichkeit prüfen, nicht weil sie sich auf eine Autorität verlassen. Und genau das ist die Lösung des Byzantinischen Generals-Problems in einer Form, die seine Erfinder im Jahr 1982 noch nicht hatten denken können. Die Generäle einigen sich nicht über ihre Boten, sondern über eine gemeinsam überprüfbare physische Wirklichkeit.

Hier möchte ich eine Geschichte erzählen, die besonders gut zeigt, wie robust dieser Konsens-Mechanismus in der Praxis ist. Es ist eine Geschichte aus dem Jahr 2017, die in der Bitcoin-Welt unter dem Namen Blocksize War in die Geschichte eingegangen ist. Ich habe sie damals fast vom ersten Tag an mitverfolgt, weil ich zu dieser Zeit bereits seit einem Jahr aktiv mit Bitcoin beschäftigt war, und ich erinnere mich an die Aufregung in den Foren, an die zugespitzten Diskussionen, an die fast schon kindische Energie, mit der manche Akteure versuchten, das Bitcoin-Netzwerk in ihrem Sinne zu verändern.

Worum ging es? Bitcoin hat eine eingebaute Begrenzung der Datenmenge, die in einem einzelnen Block enthalten sein kann. Diese Begrenzung lag historisch bei einem Megabyte und sorgte dafür, dass die Blockchain für jeden, der mitmachen will, mit normaler Hardware betreibbar bleibt. Eine kleine Gruppe von Akteuren, vor allem große Mining-Pools aus Asien, einige Firmen aus dem amerikanischen Bitcoin-Geschäft, und prominente Figuren wie Roger Ver, später auch der Mining-Hardware-Hersteller Bitmain, war der Überzeugung, diese Begrenzung müsse angehoben werden, damit Bitcoin als Zahlungsmittel im Alltag schneller und billiger nutzbar werde. Auf den ersten Blick klang das wie ein technisches Detail. In Wirklichkeit war es ein Machtkampf um die Frage, wer entscheidet, was Bitcoin ist.

Über zwei Jahre, von 2015 bis 2017, lief dieser Konflikt durch alle Foren, alle Konferenzen, alle Bitcoin-Veranstaltungen. Es gab eine ganze Reihe von Versuchen, einen Hardfork des Bitcoin-Netzwerks durchzusetzen, also eine Abspaltung in eine neue Variante mit größeren Blöcken. Bitcoin XT 2015, Bitcoin Classic 2016, Bitcoin Unlimited 2017, schließlich das sogenannte New York Agreement im Mai 2017, in dem über fünfzig Bitcoin-Unternehmen und Mining-Pools hinter verschlossenen Türen vereinbarten, die Blockgröße in einer Hardfork zu erhöhen. Was diese Akteure übersehen hatten, war eine grundlegende Eigenschaft des Bitcoin-Konsenses. Er gehört nicht den Minern, nicht den Unternehmen, nicht den großen Akteuren, sondern jedem einzelnen, der einen sogenannten Full Node betreibt. Das sind die Knoten, die alle Regeln des Protokolls überprüfen und die jeden Block, der die Regeln verletzt, schlicht ablehnen.

Was in den folgenden Monaten geschah, war eine der eindrucksvollsten Demonstrationen dezentraler Stärke, die das Netz je gesehen hat. Eine Bewegung der einfachen Nutzer, der sogenannten User Activated Soft Fork, kurz UASF, machte deutlich, dass die einfachen Bitcoin-Besitzer und die einfachen Node-Betreiber sich von den großen Akteuren nichts vorschreiben lassen würden. Am 1. August 2017 spalteten die Befürworter größerer Blöcke schließlich eine eigene Variante ab, die sie Bitcoin Cash nannten, mit einer auf acht Megabyte erhöhten Blockgröße. Bei Block 478559 entstand damit eine zweite Kette parallel zu Bitcoin.

Was war das Ergebnis? Bitcoin selbst lief unverändert weiter. Die Regeln, die seit dem Genesis Block gegolten hatten, galten am 2. August 2017 genauso wie am 31. Juli, als wäre nichts geschehen. Bitcoin Cash, die abgespaltene Variante, existiert bis heute, ist aber im Vergleich zum ursprünglichen Bitcoin in jeder ökonomischen Größe weit zurückgefallen. Über die Jahre folgten weitere Abspaltungen, Bitcoin SV, andere Varianten, die alle behaupten, das wahre Bitcoin zu sein, und die alle vom Markt eindeutig anders bewertet werden. Das Ergebnis dieses ganzen Konflikts war nicht eine Schwächung von Bitcoin, sondern eine eindrucksvolle Bestätigung seiner Eigenschaft. Die Regeln des Protokolls sind nicht von einer Gruppe abhängig, die sie ändern könnte. Sie sind von der Zustimmung aller abhängig, die das Netzwerk betreiben.

Ich erinnere mich an diese Zeit als eine der ersten echten Bewährungsproben des Bitcoin-Konsenses, und sie hat mir damals etwas Wichtiges gezeigt. Niemand, egal wie groß sein wirtschaftliches Gewicht ist, egal wie viele Mining-Maschinen er kontrolliert, egal wie viele andere Akteure er hinter sich versammelt, kann das Protokoll im Alleingang ändern. Das war für viele Beteiligte damals eine schmerzhafte Erkenntnis, die sie öffentlich nicht zugeben wollten. Es war für mich eine Bestätigung dessen, was ich theoretisch verstanden hatte, in einer ganz praktischen Form. Wenn jemand das Bitcoin-Protokoll ändern möchte, dann muss er die Mehrheit der Nutzer überzeugen, die sich aus freien Stücken für die neuen Regeln entscheiden. Solange das nicht geschieht, bleibt Bitcoin Bitcoin.

Damit kommen wir zur zweiten Eigenschaft, von der dieses Kapitel handelt. Zur Zeit.

In Kapitel 7 haben wir gesehen, dass die Zeit eine der grundlegenden, unverhandelbaren Eigenschaften der Wirklichkeit ist. Sie verläuft in eine Richtung, sie kennt keinen Rückweg, und alles, was Menschen tun, geschieht innerhalb ihrer Begrenzung. Bitcoin hat zum ersten Mal in der Geschichte ein digitales System geschaffen, das die Zeit nicht nur misst, sondern strukturell in sich einbaut. Jeder Block hat einen Zeitstempel. Jeder Block referenziert den vorhergehenden über dessen Hash. Damit entsteht eine Kette, in der die Reihenfolge der Ereignisse mathematisch festgelegt ist und nicht mehr verhandelbar ist. Was in Block hundert geschehen ist, ist nachweislich vor dem geschehen, was in Block hunderteins geschehen ist.

Diese Zeitstruktur ist nicht beliebig. Sie ist an den zehnminütigen Rhythmus gebunden, in dem das Netzwerk im Durchschnitt einen neuen Block findet. Was wir in der menschlichen Geschichte über Jahrtausende mit Sonnenuhren, mit Sanduhren, mit Räderuhren, mit Atomuhren immer feiner gemessen haben, eine objektive Zeit, geschieht in Bitcoin auf eine andere Weise. Die Zeit ist nicht außerhalb des Systems vorgegeben und wird gemessen. Sie ist innerhalb des Systems erzeugt und ist Teil seiner Substanz. Jeder Block ist eine Zeitscheibe. Die Kette der Blöcke ist die Geschichte des Systems.

Eine besonders schöne Eigenschaft dieser eingebauten Zeit ist das, was man im Bitcoin-Sprachgebrauch das Halving nennt. Es ist die regelmäßige Halbierung der Belohnung, die ein Miner für die Erzeugung eines neuen Blocks erhält. Im Genesis Block waren es fünfzig Bitcoin pro Block. Nach 210.000 Blöcken, also nach ungefähr vier Jahren, halbierte sich die Belohnung auf 25 Bitcoin pro Block. Das geschah im November 2012. Wieder 210.000 Blöcke später, im Juli 2016, halbierte sie sich auf 12,5 Bitcoin. Im Mai 2020 auf 6,25 Bitcoin. Im April 2024 auf 3,125 Bitcoin, was zum Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, die aktuelle Belohnung ist. So wird es weitergehen, alle 210.000 Blöcke, immer eine Halbierung, bis irgendwann gegen das Jahr 2140 die Belohnung so klein geworden ist, dass sie technisch nicht mehr darstellbar ist und auf null fällt. Zu diesem Zeitpunkt werden alle Bitcoin, die jemals existieren werden, ausgegeben sein. Genau 21 Millionen. Keine mehr, keine weniger.

Diese 21-Millionen-Grenze ist nicht das Versprechen einer Person oder einer Institution. Sie ist eine mathematische Konsequenz aus den Regeln des Protokolls, die seit dem Genesis Block gelten. Wer die Grenze ändern wollte, müsste das Protokoll ändern. Wer das Protokoll ändern wollte, müsste die Zustimmung praktisch aller Teilnehmer haben, was, wie wir am Beispiel des Blocksize Wars gesehen haben, ein praktisch unmögliches Unterfangen ist. Die 21 Millionen sind so fest in das System eingebaut, wie der zweite Hauptsatz der Thermodynamik in die Welt eingebaut ist. Sie sind eine eingewobene Eigenschaft der Wirklichkeit dieses Geldes.

Das Halving selbst, also der regelmäßige Rhythmus alle vier Jahre, hat eine Schönheit, die ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen möchte, weil sie in einem späteren Teil dieses Buches noch einen eigenen Raum bekommt. Es genügt zu sagen, dass die Menschheit über Jahrtausende in ihren Kulturen, ihren Religionen, ihren landwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen rhythmische Zyklen gekannt hat, die die Zeit gliederten und ihr Bedeutung gaben. Bitcoin hat in seiner technischen Form einen solchen Rhythmus eingebaut, und es ist nicht zufällig, dass viele Menschen, die sich tief mit Bitcoin beschäftigen, mit einer Art Andacht über das Halving sprechen. Hier ist die Zeit nicht nur Zahl, sondern Struktur.

Damit kommen wir zur dritten Eigenschaft, die dieses Kapitel behandelt. Zur Unveränderlichkeit.

Wenn der Konsens geklärt ist und die Zeit eingewoben ist, dann folgt aus beidem zusammen eine Eigenschaft, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist. Was einmal in der Bitcoin-Blockchain festgehalten worden ist und durch ausreichend viele nachfolgende Blöcke bestätigt wurde, ist praktisch nicht mehr veränderbar. Es ist nicht so, dass jemand es nicht ändern dürfte. Es ist so, dass es nicht geändert werden kann, ohne ab dem geänderten Block alle nachfolgenden Blöcke neu zu berechnen und dabei dauerhaft mehr Hashrate aufzubringen als das gesamte restliche Netzwerk, das in derselben Zeit weiterarbeitet. Je tiefer ein Block in der Vergangenheit liegt, desto aussichtsloser wird dieses Unterfangen. Die Vergangenheit ist nicht durch Gesetze geschützt, sondern durch Physik.

Was diese Eigenschaft in der Welt bedeutet, kann man sich erst klarmachen, wenn man darüber nachdenkt, was sie ablöst. In der gesamten bisherigen Geschichte der menschlichen Aufzeichnungen war die Vergangenheit immer beweglich. Bücher wurden umgeschrieben. Register wurden geändert. Urkunden wurden gefälscht. Geschichtsbücher wurden je nach Regime umformuliert. Bankkonten wurden eingefroren oder bereinigt. Eigentumsverhältnisse wurden enteignet oder umgeschrieben. Was als gesicherte Tatsache galt, hing immer davon ab, wer im Augenblick die Macht hatte, die Aufzeichnung zu bestätigen oder zu verändern. Es gab keine Vergangenheit, die unabhängig von einer aktuellen Autorität existiert hätte.

In Bitcoin existiert sie. Die Vergangenheit der Blockchain ist nicht abhängig von einer Regierung, einer Bank, einem Unternehmen, einer Person. Sie ist abhängig von der Energie, die im Lauf der Jahre in die Sicherung dieser Vergangenheit geflossen ist. Diese Energie ist so groß geworden, dass selbst die mächtigsten Akteure der Welt sie nicht aufbringen könnten, ohne dass ihre Aktivität sofort sichtbar würde und vom restlichen Netzwerk durch entsprechende Gegenmaßnahmen beantwortet würde.

Was bedeutet das praktisch? Es bedeutet, dass eine Bitcoin-Transaktion, die vor zehn Jahren stattgefunden hat, heute noch genauso überprüfbar ist wie damals. Es bedeutet, dass niemand sie aus der Geschichte entfernen kann. Es bedeutet, dass die Aufzeichnung der Eigentumsverhältnisse, die sich aus dem Bitcoin-Protokoll ergeben, nicht auf dem Versprechen einer Bank oder eines Staates beruht, sondern auf der schieren Tatsache, dass die Energie zu ihrer Veränderung nicht aufgebracht werden kann. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass die Menschheit eine Art von Wahrheit hervorgebracht hat, die nicht von einer Autorität abhängt, sondern aus der Welt selbst, aus ihrer Physik und Mathematik, hergeleitet ist.

Hier könnte ich eine längere philosophische Betrachtung anschließen über das, was es bedeutet, dass Wahrheit in der digitalen Welt zum ersten Mal eine eigene Substanz bekommen hat. Aber das gehört in einen späteren Teil dieses Buches. An dieser Stelle möchte ich nur einen leisen Hinweis hinterlassen, weil das, was wir hier technisch beschrieben haben, in einer ganz alten Sprache eine erstaunlich genaue Entsprechung hat. Eine der ältesten Regeln menschlicher Kulturen, die in einer Reihe von Traditionen wiederkehrt, lautet, dass man kein falsches Zeugnis ablegen soll. Dass das Gesagte wahr sein soll. Dass die Behauptung, etwas habe stattgefunden, nicht von dem abweichen soll, was tatsächlich geschehen ist. Die Menschheit hat über Jahrtausende versucht, diese Regel durch ethische Mahnung, durch Recht, durch soziale Sanktion durchzusetzen, und sie hat das mit wechselndem Erfolg getan. Bitcoin hat zum ersten Mal ein System geschaffen, in dem das Ablegen eines falschen Zeugnisses nicht durch eine Norm verhindert wird, sondern durch eine Eigenschaft der Welt selbst. Was einmal aufgezeichnet ist, ist aufgezeichnet. Was nicht aufgezeichnet ist, ist nicht aufgezeichnet. Ein dritter Zustand existiert nicht. Wir werden dieser Beobachtung in einem späteren Teil des Buches noch einmal in voller Tiefe begegnen.

Wenn wir die drei Prinzipien, von denen dieses Kapitel handelt, am Ende noch einmal zusammenfassen, dann ergibt sich folgendes Bild. Bitcoin ist ein System, in dem viele Teilnehmer ohne zentrale Autorität zu einem gemeinsamen Konsens kommen, weil sie eine objektiv überprüfbare physikalische Leistung als Schiedsrichter akzeptieren. Es ist ein System, in dem die Zeit nicht von außen kommt, sondern in dem eingebauten Rhythmus selbst entsteht. Und es ist ein System, in dem die Vergangenheit nicht durch Vertrauen geschützt ist, sondern durch die schiere Energie, die in ihre Sicherung geflossen ist. Konsens, Zeit, Unveränderlichkeit. Drei Wörter, die zusammen etwas beschreiben, was es in dieser Form noch nie gegeben hat.

Es bleibt aber eine Eigenschaft, die wir bisher nicht eigens behandelt haben und ohne die das ganze System seine volle Bedeutung nicht entfalten kann. Was Bitcoin technisch leistet, ist eines. Was es politisch, wirtschaftlich und menschlich bedeutet, hängt aber davon ab, ob der einzelne Mensch tatsächlich der Eigentümer seiner Bitcoin ist und nicht eine Stelle dazwischen. Es ist die Frage des Eigentums ohne Mittelsmann. Es ist die Frage, was es heißt, der einzige Verwahrer eines Vermögens zu sein.

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