Teil III / Bitcoin

Kapitel 12

Eigentum ohne Mittelsmann


Bisher haben wir in diesem Buch Bitcoin als System betrachtet. Wir haben gesehen, wie es entstanden ist, welche Probleme es löst, welche Eigenschaften es hat. Was wir noch nicht in der vollen Tiefe behandelt haben, ist eine sehr menschliche Frage. Was bedeutet es eigentlich für einen einzelnen Menschen, wenn er Bitcoin tatsächlich besitzt? Nicht nur in einer App auf einer Börse, nicht nur als Anspruch gegen ein Unternehmen, sondern wirklich, in dem ursprünglichen Sinne, den dieses Wort einmal gehabt hat.

Die Antwort auf diese Frage führt uns in eine Erfahrung, die in der modernen Welt ungewohnt geworden ist. In eine Erfahrung von Souveränität, die seit Jahrzehnten kaum noch jemand kennt, weil zwischen den Menschen und ihrem Geld, ihrem Eigentum, ihren wichtigsten Werten überall Mittelsmänner stehen. Banken. Versicherungen. Treuhandgesellschaften. Plattformen. Staatliche Register. Diese Mittelsmänner sind in vielen Fällen nützlich, sie nehmen einem Arbeit ab, sie tragen Risiken, sie sorgen für Übersicht. Aber sie stehen eben zwischen dem Menschen und dem, was eigentlich seines ist.

Bitcoin bietet zum ersten Mal in der Geschichte eine Form von Eigentum, die ohne Mittelsmann auskommt. Das hört sich zunächst wie eine technische Feinheit an. In der Erfahrung wirkt es ganz anders. Es ist eine Verschiebung in der Beziehung des Menschen zu seinem Besitz, die so grundlegend ist, dass sie sich mit Worten kaum vollständig beschreiben lässt. Wer es einmal selbst getan hat, weiß, was gemeint ist. Wer es nicht selbst getan hat, kann es nur als Beschreibung lesen und sich vorstellen, was es bedeuten würde.

Beginnen wir mit dem, was Eigentum in Bitcoin im technischen Sinn ist.

Im Bitcoin-Netzwerk gibt es keine Konten in dem Sinne, in dem wir das aus der Bankenwelt kennen. Es gibt nur Adressen, und an diese Adressen sind Bitcoin-Beträge gebunden. Wer einen bestimmten Betrag bewegen will, muss eine Transaktion erzeugen, die kryptographisch signiert ist. Diese Signatur kann nur derjenige erstellen, der den zur Adresse gehörenden privaten Schlüssel kennt. Der private Schlüssel ist eine sehr lange Zeichenfolge, technisch eine Zahl mit 256 Bit Länge, was in herkömmlicher Schreibweise einer Folge von 64 hexadezimalen Zeichen entspricht. Aus dieser Zahl wird mathematisch der öffentliche Schlüssel abgeleitet, aus dem wiederum die Bitcoin-Adresse entsteht. Der Weg vom privaten Schlüssel zur öffentlichen Adresse ist eine Einbahnstraße. Aus dem privaten Schlüssel kann man die Adresse berechnen. Aus der Adresse den privaten Schlüssel zurückzurechnen, ist mit dem heutigen Stand der Mathematik praktisch unmöglich.

Was bedeutet das in der Lebenswirklichkeit eines Menschen? Es bedeutet, dass die Kontrolle über die Bitcoin an dieser einen Zeichenfolge hängt. Wer sie hat, hat die Bitcoin. Wer sie nicht hat, hat sie nicht. Es gibt keine dritte Stelle, die zwischen diesen beiden Zuständen entscheiden könnte. Keine Bank, die das Konto sperrt. Keine Behörde, die das Vermögen einfriert. Kein Unternehmen, das eine Auszahlung verweigert. Wer den Schlüssel hat, kann die zugehörigen Bitcoin bewegen, wann er will, wohin er will, in welchem Land er sich gerade aufhält, ohne dass jemand seine Genehmigung dazu erteilen müsste oder verweigern könnte.

Diese Eigenschaft hat in der Bitcoin-Welt einen Satz geprägt, der inzwischen zu den meistzitierten geflügelten Worten dieses Themas gehört. Not your keys, not your coins. Nicht deine Schlüssel, nicht deine Coins. Es ist eine knappe, fast schroffe Formulierung, die das Ganze auf den Punkt bringt. Wer seine Bitcoin auf einer Börse liegen lässt, weil das bequem ist, hält in Wirklichkeit keine Bitcoin. Er hält eine Forderung gegen die Börse, dass sie ihm im Bedarfsfall Bitcoin auszahlt. Solange die Börse zahlungsfähig und ehrlich ist und solange keine Behörde sie zwingt, andere Entscheidungen zu treffen, funktioniert das auch. Sobald eine dieser Bedingungen wegfällt, verschwindet das, was der Nutzer für sein Eigentum hielt, mit unangenehmer Geschwindigkeit.

Die Geschichte von Bitcoin kennt eine Reihe von Fällen, in denen genau das geschehen ist, und sie sind die historischen Belegfälle für den Satz vom eigenen Schlüssel. Der prominenteste und tragischste war der Fall von Mt. Gox. Die Börse hatte ihren Sitz in Tokio und war jahrelang die mit Abstand größte Bitcoin-Handelsplattform der Welt. Auf ihrem Höhepunkt wickelte sie über siebzig Prozent aller weltweiten Bitcoin-Transaktionen ab. Am 24. Februar 2014 stellte sie ohne Vorwarnung den Handel ein. Wenige Tage später, am 28. Februar 2014, meldete sie in Tokio Insolvenz an. In einer Pressekonferenz erklärte der damalige Geschäftsführer Mark Karpelès, dass etwa 850.000 Bitcoin verschwunden seien. Davon gehörten 750.000 den Kunden, etwa 100.000 dem Unternehmen selbst. Es waren ungefähr sieben Prozent aller zu diesem Zeitpunkt existierenden Bitcoin der Welt. Die Hintergründe waren über die folgenden Jahre Gegenstand langwieriger Ermittlungen. Spätere Erkenntnisse zeigten, dass die Börse schon seit 2011 systematisch gehackt worden war, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Die Verantwortlichen wurden erst 2023 in einer Anklage des amerikanischen Justizministeriums namentlich genannt. Es waren russische Staatsbürger, die einen großen Teil der gestohlenen Bitcoin über eine andere Börse gewaschen hatten. Die betroffenen Kunden warten zum Teil bis heute auf die Erstattung ihrer Verluste, in einem Verfahren, das sich seit zehn Jahren hinzieht.

Was an dieser Geschichte besonders eindrücklich ist, ist nicht der eine Hack. Es ist die Tatsache, dass die Kunden über Jahre hinweg davon ausgegangen waren, ihre Bitcoin seien sicher, weil sie sie einer großen, scheinbar professionellen Börse anvertraut hatten. In Wirklichkeit hatten sie ihre Bitcoin gar nicht selbst gehabt. Sie hatten eine Datenbank-Zeile in einem Server der Mt. Gox, der ihnen versprach, dass dort Bitcoin lägen, die ihnen gehörten. Diese Datenbank-Zeile war wertlos, sobald die Bitcoin selbst nicht mehr da waren.

Acht Jahre später, im November 2022, geschah etwas Vergleichbares mit der bis dahin drittgrößten Krypto-Börse der Welt. Sie hieß FTX, ihr Gründer war ein junger Mann namens Sam Bankman-Fried, und sie galt in der Branche und in den Medien lange Zeit als ein Vorzeigeunternehmen. Es stellte sich heraus, dass die Geschäftsführung über Jahre hinweg Kundengelder ihrer Schwestergesellschaft Alameda Research für hochriskante Geschäfte zur Verfügung gestellt hatte. Als die Gerüchte darüber laut wurden und die Kunden in einem Run versuchten, ihre Einlagen abzuziehen, brach das Unternehmen innerhalb weniger Tage zusammen. Am 11. November 2022 meldete FTX Insolvenz an. Etwa acht Milliarden Dollar an Kundengeldern waren betroffen. Der amerikanische Sonderermittler, der das Unternehmen nach dem Zusammenbruch übernahm, John J. Ray III, der zuvor auch das Enron-Insolvenzverfahren geleitet hatte, sagte später in einer offiziellen Eingabe, er habe in seiner gesamten Karriere noch keine derart vollständige Abwesenheit von vertrauenswürdigen Finanzinformationen gesehen wie bei FTX. Sam Bankman-Fried wurde im November 2023 wegen Betrugs verurteilt und im März 2024 zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt.

Wer aus diesen beiden Geschichten lernt, hat eine Lehre für das Leben mit Bitcoin. Es gibt eine ganz alte Weisheit, die im Bitcoin-Kontext eine besondere Aktualität gewonnen hat. Wenn etwas wertvoll ist, dann verwahre es selbst. Lass es nicht in der Obhut eines anderen, weil dieser andere immer ein Eigeninteresse hat, das in einem schlechten Moment gegen das deine stehen kann. Niemand wird auf dein Vermögen besser achten als du selbst. Niemand verliert mehr als du, wenn dein Vermögen verloren geht.

Damit kommen wir zu der Frage, wie man Bitcoin selbst verwahrt. Es gibt dafür eine ganze Bandbreite technischer Lösungen, die alle ihre eigene Logik haben und die für unterschiedliche Bedürfnisse gemacht sind. Wir gehen kurz durch die wichtigsten, ohne in technische Tiefe abzudriften, weil sie für das Verständnis dieses Kapitels eine Orientierung geben.

Am einen Ende des Spektrums steht das, was man Custodial Wallet nennt. Eine verwahrende Wallet, in der die Bitcoin in Wirklichkeit nicht der Nutzer kontrolliert, sondern der Anbieter, also typischerweise eine Börse oder ein darauf spezialisierter Dienstleister. Hier ist der Nutzer in einer ähnlichen Lage wie ein klassischer Bankkunde. Er hat eine Forderung, keine direkte Verfügung. Es ist die einfachste und bequemste Form, aber es ist im strengen Sinne des Wortes nicht Bitcoin-Eigentum. Es ist das, was die Geschichten von Mt. Gox und FTX als ihre Lehre hinterlassen haben.

Am anderen Ende des Spektrums steht die Selbstverwahrung. Hier hat der Nutzer den privaten Schlüssel selbst. Niemand sonst kennt ihn, niemand kann ihn ohne Zustimmung des Nutzers verwenden, niemand kann die zugehörigen Bitcoin einfrieren, beschlagnahmen oder sperren. Es ist die ursprüngliche Idee von Bitcoin, in ihrer reinsten Form. Die technische Umsetzung kann auf verschiedene Weise erfolgen.

Eine Software Wallet ist ein Programm, das auf einem Computer oder einem Smartphone läuft und den privaten Schlüssel dort speichert. Sie ist einfach zu bedienen, hat aber den Nachteil, dass sie nur so sicher ist, wie der Computer ist, auf dem sie läuft. Wer einen Virus auf seinem Rechner hat, kann auch seine Software Wallet kompromittiert haben.

Eine Hardware Wallet ist ein eigens für diesen Zweck entwickeltes Gerät, das den privaten Schlüssel offline aufbewahrt. Sie verbindet sich nur kurz mit einem Computer, um eine Transaktion zu signieren, und gibt den Schlüssel selbst nie nach außen. Sie ist heute der Standard für die meisten Bitcoiner, die eine substantielle Menge sicher verwahren wollen. Bekannte Anbieter sind unter anderem das Schweizer Unternehmen ShiftCrypto mit der Bitbox02 und die tschechische Firma Trezor, aber es gibt eine ganze Reihe weiterer Hersteller. Wer sich ausschließlich für Bitcoin und nicht für eine Vielzahl anderer Kryptowährungen interessiert, ist mit einer Bitcoin-only-Hardware-Wallet meist besser aufgehoben, weil sie auf das Wesentliche konzentriert und entsprechend einfacher und sicherer gebaut ist.

Am extremen Ende der Selbstverwahrung steht die Paper Wallet. Hier wird der private Schlüssel auf ein Stück Papier gedruckt oder geschrieben, und das Papier wird sicher aufbewahrt. Es gibt keinen Computer, der den Schlüssel kennt. Keinen Server, keine Verbindung, keine Software, die ihn ausgelesen haben könnte. Es ist die archaischste, aber auch die in einem bestimmten Sinne reinste Form der Verwahrung. Sie hat ihre Nachteile, weil Papier verbrennen, nass werden, verloren gehen kann. Aber sie hat eine Eigenschaft, die keine andere Verwahrungsform in derselben Weise bietet. Sie kennt keine Schnittstelle, durch die ein Angreifer hineingelangen könnte. Was nicht in einem Netzwerk ist, kann auch nicht aus einem Netzwerk angegriffen werden.

Ich erinnere mich an die erste Bitcoin Wallet, die ich für mich selbst eingerichtet habe. Es war eine Paper Wallet. Ich erinnere mich, wie ich überlegte, wo ich sie erstellte. An einem Computer, der vorher offline gegangen war und nie wieder online gehen sollte. An einer Druckverbindung, die direkt war, ohne dass die Daten erst auf irgendeinen Cloud-Drucker geleitet wurden, von dem niemand wissen kann, was dort mit ihnen passiert. Keine Bilder mit dem Handy, weil das Handy seine Aufnahmen in eine Cloud synchronisiert, von der man im Zweifel nicht weiß, wer sie liest. Keine Notizen in einem Dokument, das auf einer Festplatte liegt, die ein Backup macht. Wirklich nichts Digitales, sondern nur das physische Stück Papier, sauber gedruckt, doppelt geprüft, dann an einem sicheren Ort verwahrt.

Was diesen Vorgang besonders machte, war nicht das Technische. Was ihn besonders machte, war das, was ich dabei fühlte. Es war eine Mischung aus Konzentration, Verantwortung und einem leisen Staunen. Ich hatte in meinem ganzen vorherigen Berufsleben mit Computern gearbeitet, und ich war sehr früh in einer Welt unterwegs gewesen, in der Daten überall hinflossen, wo man sich nicht permanent darum kümmerte. Hier, zum ersten Mal, musste ich genau das Gegenteil tun. Ich musste eine Information so vor jedem digitalen Zugriff schützen, dass kein Stream, kein Backup, kein Cloud-Dienst, kein Foto, keine versehentliche Kopie sie je erreichen konnte. Es war eine sehr ungewohnte Arbeitsweise, und sie hat mir etwas gezeigt, was ich vorher nicht in dieser Klarheit verstanden hatte. Wer einen privaten Schlüssel selbst verwahrt, hat eine völlig andere Beziehung zu seinem Vermögen, als wer es jemandem anvertraut.

Diese andere Beziehung ist das eigentliche Thema dieses Kapitels.

Was bedeutet es, der einzige Verwahrer eines Vermögens zu sein? Es bedeutet zunächst einmal eine Form von Freiheit, die wir in unserer modernen Welt fast vergessen haben. Niemand kann das Konto sperren, weil es kein Konto gibt. Niemand kann das Vermögen einfrieren, weil es kein zentrales Register gibt, in dem es eingetragen wäre. Niemand kann die Auszahlung verweigern, weil niemand außer dem Eigentümer die Macht hat, etwas auszuzahlen. Diese Freiheit klingt unspektakulär, solange man sie nicht wirklich braucht. Sie wird sehr spektakulär, wenn man sie braucht. Menschen, die in Ländern leben, in denen Konten politisch motiviert eingefroren werden, in denen Vermögen über Nacht durch eine Währungsreform halbiert werden, in denen Bankkapitalverkehrskontrollen Auslandsüberweisungen verbieten, wissen sehr genau, was es heißt, ein Vermögen zu haben, an das niemand außer dem Besitzer herankommt. Wer in einem ruhigen, westeuropäischen Land lebt, wird diese Erfahrung in dieser Schärfe für gewöhnlich nicht machen. Er sollte aber wissen, dass es Menschen gibt, für die diese Eigenschaft kein Luxus ist, sondern eine existenzielle Voraussetzung.

Doch Freiheit kommt nie allein. Wer der einzige Verwahrer eines Vermögens ist, trägt auch die volle Verantwortung. Niemand hilft mehr bei Fehlern. Es gibt keinen Kundendienst, der einen Schlüssel wiederherstellt, der verloren gegangen ist. Es gibt keine Bank, die nach langem Hin und Her doch noch eine Lösung findet. Es gibt keinen Versicherungsschutz, der einen Verlust ersetzt. Wer seinen Schlüssel verliert, hat seine Bitcoin verloren. Wer den Schlüssel jemandem anvertraut, der ihn missbraucht, hat ihn unwiederbringlich aus der Hand gegeben.

Diese Doppelseitigkeit der Souveränität ist nicht eine Schwäche des Bitcoin-Systems. Sie ist seine eigentliche Tiefe. Souveränität ohne Verantwortung gibt es nicht. Freiheit ohne die Möglichkeit zu scheitern gibt es ebenfalls nicht. Wer die eine will, muss die andere annehmen. In der modernen Welt haben wir uns daran gewöhnt, dass diese beiden Seiten ständig getrennt werden. Wir wollen Freiheit, aber nicht die Verantwortung, die dazugehört. Wir wollen Wahlfreiheit, aber nicht die Konsequenzen falscher Wahl. Wir wollen ein hohes Einkommen, aber den Schutz vor wirtschaftlicher Unsicherheit gleich mit. Diese Trennung ist über Jahrzehnte zur Selbstverständlichkeit geworden, weil die Strukturen unserer Gesellschaft darauf ausgelegt sind, das eine ohne das andere zu liefern.

Bitcoin durchbricht diese Trennung. Es bietet Souveränität in einer Reinheit, in der sie in unserer Welt sonst kaum noch vorkommt. Wer diese Souveränität annehmen will, muss die Verantwortung annehmen, die untrennbar zu ihr gehört. Wer das nicht will, kann Bitcoin auch über einen Verwahrer halten. Es ist seine Entscheidung. Aber er sollte wissen, dass er in diesem Fall nicht mehr in der ursprünglichen Bitcoin-Welt lebt, sondern in einer modifizierten Form, die dem klassischen Bankkonto näher steht als dem peer-to-peer-System, das Satoshi entworfen hat.

Was diese Erfahrung mit einem Menschen macht, lässt sich am besten an einem Bild beschreiben. Wer einmal einen privaten Schlüssel selbst kontrolliert hat, wer eine Transaktion mit eigener Hand signiert und auf das Netzwerk geschickt hat, wer ohne Genehmigung von niemandem über sein Vermögen verfügen kann, hat etwas erlebt, was die meisten Menschen in der modernen Welt nie erleben. Er hat erfahren, was es heißt, der eigene Banker zu sein. Nicht in einem übermütigen Sinne, sondern in einem ganz nüchternen. Er muss seine eigenen Schlüssel verwahren, seine eigenen Backups machen, seine eigenen Sicherheitsentscheidungen treffen. Er kann nichts mehr an einen Dritten delegieren. Und genau in dieser Unmöglichkeit der Delegation liegt eine Form von Erwachsenwerden, die unsere Zeit weitgehend verlernt hat.

Es gibt wieder einmal einen Gedanken, den ich an dieser Stelle einfließen lassen möchte, weil er ein leiser Vorgriff auf einen späteren Teil dieses Buches ist. Eine alte Regel, die in vielen kulturellen Traditionen wiederkehrt, lautet, dass man das Eigentum eines anderen achten soll. Was einem nicht gehört, soll man nicht nehmen. Diese Regel hat in der Geschichte der Menschheit einen sehr unterschiedlichen Grad an Wirksamkeit gehabt. Sie ist in Gesetzbüchern niedergelegt, sie ist in religiösen Texten formuliert, sie ist Teil des Anstands. Trotzdem ist sie in keiner Gesellschaft je vollständig durchgesetzt worden, weil sie sich nur durch Sanktion, durch ethische Erziehung, durch soziale Norm durchsetzen ließ, also durch Mittel, die immer Lücken hatten. Bitcoin hat zum ersten Mal eine Eigenschaft eingeführt, in der die Achtung des fremden Eigentums nicht mehr durch eine Norm geboten wird, sondern durch die Architektur des Systems selbst erzwungen wird. Wer den Schlüssel nicht hat, kann die Bitcoin nicht bewegen. Punkt. Wir werden diesem Gedanken in einem späteren Teil des Buches in voller Tiefe wieder begegnen.

Damit endet auch der dritte Teil dieses Buches. Wir haben in den letzten fünf Kapiteln gesehen, was Bitcoin als System ist, wie es funktioniert, was es technisch und ökonomisch leistet, und was es für den einzelnen Menschen bedeutet, der es tatsächlich besitzt. Was uns jetzt noch fehlt, ist das, was diesem System seine eigentliche Bedeutung gibt. Die Einordnung in einen größeren Zusammenhang. Die Frage, warum das, was Bitcoin technisch tut, eine erstaunliche Übereinstimmung hat mit dem, was die Menschheit in ihren ältesten Traditionen, in ihren naturwissenschaftlichen Einsichten und in ihren überlieferten Werten als unverhandelbar erkannt hat. Diese Einordnung ist das Thema des nun folgenden vierten Teils.

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