Teil IV / Der tiefere Zusammenhang

Kapitel 14

Werte sind keine Vorgaben, sondern Bedingungen


Im vorigen Kapitel haben wir gesehen, dass die wichtigsten Werte der Menschheit in unterschiedlichen Kulturen und Religionen erstaunlich ähnlich auftauchen. Wer das Eigentum eines anderen achten, die Wahrheit sagen, Treue halten, das Leben respektieren, die Eltern ehren, das eigene Begehren zügeln soll, das findet sich in einer fast überraschend gleichförmigen Weise in den verschiedensten Traditionen wieder. Wir haben am Ende dieses Kapitels eine wichtige Frage offen gelassen. Wie sind diese Werte eigentlich entstanden? Sind sie göttlich offenbart? Sind sie aus menschlicher Erfahrung gewachsen? Und macht das für ihre Geltung einen Unterschied?

Dieses Kapitel widmet sich dieser Frage. Es beantwortet sie nicht endgültig, weil eine endgültige Antwort am Ende eine Glaubensfrage berührt, die jeder Mensch für sich beantworten muss. Aber es zeigt, dass es eine sehr klare, intellektuell tragfähige Antwort gibt, die unabhängig davon trägt, ob man religiös ist oder nicht. Diese Antwort lautet, dass Werte am ehesten als verdichtete menschliche Erfahrung zu verstehen sind. Sie sind nicht zufällig entstanden, sondern in Reaktion auf eine Wirklichkeit, die ihrerseits nicht zufällig ist. Sie sind aber auch nicht willkürlich von einer zentralen Stelle erlassen worden, sondern aus dem Versuch und Irrtum vieler Generationen über sehr lange Zeiträume hinweg herausgewachsen. Sie haben eine Geschichte, und sie haben eine innere Logik, die sich aus dieser Geschichte ergibt.

Der wichtigste Zeuge für diese Sichtweise ist Friedrich August von Hayek, ein österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph, der 1899 in Wien geboren wurde und 1992 in Freiburg im Breisgau starb. Wir sind ihm in Kapitel 4 schon begegnet, im Zusammenhang mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hayek war einer der bedeutendsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts, Mitbegründer der Mont Pèlerin Society, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 1974. Was ihn für unser Thema besonders interessant macht, ist sein lebenslanges Nachdenken darüber, wie gesellschaftliche Strukturen eigentlich entstehen und wie sie funktionieren. In Schriften wie Die Verfassung der Freiheit von 1960, Recht, Gesetzgebung und Freiheit aus den siebziger Jahren und in seinen späten Aufsätzen, die unter dem Titel Die Anmaßung von Wissen zusammengefasst sind, hat er eine Theorie entwickelt, die heute aktueller ist als zur Zeit ihrer Entstehung.

Hayek nannte diese Theorie die Theorie der spontanen Ordnung. Sie geht von einer einfachen Beobachtung aus. Es gibt in menschlichen Gesellschaften zwei sehr unterschiedliche Arten von Ordnungen. Die eine Art entsteht durch bewusste Planung. Jemand setzt sich hin, denkt über eine Ordnung nach, entwirft sie und setzt sie dann in die Welt. So entsteht ein Gebäude, eine Maschine, eine Behörde, ein Geschäftsplan. Es ist eine Ordnung, die einen Schöpfer hat, einen Zweck und einen Plan. Hayek nennt sie eine Taxis, mit dem griechischen Wort für eine bewusst hergestellte Anordnung.

Die andere Art von Ordnung entsteht nicht durch Plan, sondern durch Wachstum. Sie hat keinen Schöpfer im engeren Sinne. Sie ist nicht von einem einzelnen Menschen oder einer einzelnen Stelle entworfen worden. Sie ist aus dem Handeln vieler Menschen über sehr lange Zeiträume herausgewachsen, ohne dass jemand sie in dieser Form geplant hätte. Hayek nennt sie eine Kosmos, mit dem griechischen Wort für eine gewachsene Ordnung. Beispiele für solche spontanen Ordnungen sind die Sprache, das Recht, das Geld, die Sitten und Gebräuche einer Gesellschaft, und letztlich auch die wichtigsten ihrer Werte.

Was Hayek mit seiner Theorie zeigt, ist erstens, dass solche gewachsenen Ordnungen sehr viel komplexer sein können als alles, was ein einzelner Mensch entwerfen könnte, und zweitens, dass sie sehr viel besser funktionieren können als die bewusst entworfenen Alternativen. Niemand hat die deutsche Sprache erfunden. Sie ist aus dem Sprechen von Millionen von Menschen über Jahrhunderte hinweg herausgewachsen. Sie enthält in ihrem Wortschatz und in ihrer Grammatik so viel kondensierte Erfahrung, dass kein Sprachwissenschaftler, kein Linguist, keine Akademie sie in derselben Reichhaltigkeit aus dem Nichts entwerfen könnte. Und doch verständigen sich Menschen mit ihr jeden Tag, ohne dass jemand zentral festlegen müsste, was ein bestimmtes Wort bedeutet oder wie ein Satz richtig gebaut ist. Die Sprache funktioniert, weil sie aus dem Gebrauch heraus lebt.

Das Recht ist ein zweites Beispiel. Das angelsächsische Common Law, das in den englischen, amerikanischen und vielen weiteren Rechtssystemen weiterwirkt, ist nicht ein einziges Mal von einem Gesetzgeber als Ganzes entworfen worden. Es ist aus den Urteilen vieler Richter über Jahrhunderte hinweg gewachsen, von Fall zu Fall, von Präzedenz zu Präzedenz. Jeder Richter musste sich an dem orientieren, was vor ihm entschieden worden war, und konnte trotzdem auf neue Sachverhalte eine neue Antwort geben. Was dabei herausgewachsen ist, ist ein Rechtskörper von einer Komplexität und einer Anpassungsfähigkeit, die kein einzelner Gesetzgeber je in dieser Form hätte planen können. Auch in den kontinentaleuropäischen Rechtsordnungen, die stärker auf bewusst gemachte Gesetze setzen, gibt es viele Elemente, die nicht entworfen, sondern gewachsen sind. Vertragsrecht, Eigentumsrecht, Familienrecht haben in ihrem Kern eine sehr lange Geschichte, und das, was darin als gerecht gilt, ist nicht von einem einzelnen Gesetzgeber gemacht, sondern aus der Erfahrung sehr vieler Menschen herausdestilliert.

Das Geld ist ein drittes Beispiel, das wir in Kapitel 5 schon ausführlich behandelt haben. Carl Menger hat in seinen Grundsätzen der Volkswirthschaftslehre gezeigt, dass Geld nicht erfunden worden ist, sondern aus dem freien Handeln vieler Menschen über lange Zeiträume hervorgegangen ist. Welche Güter sich am besten als Tauschmittel eignen, hat keine Autorität bestimmt. Es ist im Lauf der Geschichte herausgefunden worden, durch tausende kleine Experimente, durch Erfolge und Misserfolge, durch das schlichte Beobachten dessen, was funktioniert. Gold hat sich nicht deshalb als langfristig bestes Geld durchgesetzt, weil jemand das beschlossen hätte. Es hat sich durchgesetzt, weil seine Eigenschaften die Anforderungen am besten erfüllten.

Sitten und Gebräuche sind ein viertes Beispiel, das uns dem Kern unseres Themas noch näher bringt. Wie sich Menschen begrüßen, wie sie Konflikte schlichten, wie sie Geburten, Hochzeiten und Tode begleiten, wie sie ihre Kinder erziehen, wie sie für ihre Alten sorgen, wie sie Feste feiern. All das ist in jeder Kultur über sehr lange Zeit aus dem Zusammenleben heraus entstanden. Niemand hat das geplant. Es hat sich gebildet, weil bestimmte Formen sich bewährt haben und andere nicht.

Was haben diese vier Beispiele gemeinsam? Sie zeigen, dass die wirksamsten Strukturen menschlicher Gesellschaften nicht von einer zentralen Stelle entworfen worden sind, sondern aus dem Versuch und Irrtum vieler Generationen herausgewachsen sind. Hayek hat in einer berühmten Formel zusammengefasst, was das bedeutet. Diese Strukturen sind, wie er es nennt, das Ergebnis menschlichen Handelns, nicht aber menschlichen Entwurfs. Sie sind von Menschen gemacht, aber sie sind nicht von einem Menschen oder einer Gruppe so geplant worden, wie sie heute aussehen. Sie sind das Sediment vieler einzelner Entscheidungen, die jede für sich vielleicht klein und unscheinbar war, die aber in ihrer Summe und über die Zeit etwas hervorgebracht haben, was kein einzelner Geist in dieser Tiefe entwerfen könnte.

Aus dieser Einsicht folgt eine wichtige Konsequenz für unser Verständnis von Werten. Wenn die wichtigsten Werte einer Gesellschaft auf ähnliche Weise gewachsen sind wie ihre Sprache, ihr Recht, ihr Geld und ihre Sitten, dann sind sie nicht einfach Setzungen, die man durch Mehrheitsbeschluss ändern könnte. Sie sind nicht das, was eine bestimmte Gruppe von Menschen sich gerade ausgedacht hat. Sie sind das, was sich über lange Zeit bewährt hat, weil es funktioniert. Wer ehrlich ist, wird in seiner Gemeinschaft weiter aufgenommen. Wer betrügt, wird ausgegrenzt. Wer für seine Kinder sorgt, hinterlässt eine Linie, die weitergeht. Wer das nicht tut, sieht seine Linie versanden. Wer fleißig ist, baut auf. Wer faul ist, baut ab. Diese einfachen Beobachtungen wiederholen sich in allen Kulturen und in allen Zeiten, und sie sind die unsichtbare Grundlage dessen, was wir Werte nennen.

Werte sind aus dieser Sicht keine Vorgaben, die jemand von außen erlassen hat. Sie sind Bedingungen, die in der Wirklichkeit selbst liegen. Wer sich an sie hält, lebt im Einklang mit dem, was über lange Zeit getragen hat. Wer sich gegen sie stellt, wird nicht zwangsläufig sofort bestraft, aber er löst sich aus einer Ordnung, in der das Handeln vieler Generationen kondensiert ist. Er macht es sich selbst und denen um ihn herum schwerer, ohne dass das immer sofort sichtbar wäre. Aber über die Zeit kommt die Wirklichkeit zurück. Sie hat alle Geduld der Welt, weil sie nicht die geringe Zeit eines einzelnen Lebens hat, sondern die unendliche Zeit ihrer eigenen Gesetze.

Ich habe das in meiner eigenen Familie erlebt, ohne dass ich es damals so hätte benennen können. Ich habe in einem früheren Kapitel die kleine Geschichte meiner Großmutter erzählt, die mit ihrem Kiosk die einzelne Zigarette für ein paar Pfennige verkaufte und die mit einer Disziplin und Sparsamkeit lebte, die ich erst viel später als das erkennen würde, was die Österreichische Schule eine niedrige Zeitpräferenz nennt. Sie hat mir das nicht beigebracht. Sie hat es mir vorgelebt. Genau das gilt für die Werte, die mir in meiner ganzen Familie weitergegeben wurden, von den Großeltern, von meiner Mutter, von den Onkeln und Tanten. Niemand hat mir gesagt, ehrlich zu sein, fleißig zu sein, sparsam zu sein, verlässlich zu sein, Verantwortung für die eigene Familie zu tragen. Es wurde gelebt, in jeder Geste, in jeder kleinen Entscheidung, in der Art, wie die Älteren mit Geld umgingen, mit der Zeit, mit dem Eigentum, mit dem Versprechen. Ich habe diese Werte übernommen, ohne dass mir bewusst war, dass ich sie übernehme. Sie waren einfach das, was zählte. Erst sehr viel später, als ich Mises und Hayek und Bagus las und als ich anfing, theoretisch zu verstehen, was ich da praktisch erlebt hatte, wurde mir klar, dass das, was meine Familie selbstverständlich tat, dasselbe war, was die Österreichische Schule analytisch beschrieben hatte. Es war keine Theorie. Es war eine Form gelebter Erfahrung, die über Generationen weitergegeben worden war.

Was diese Beobachtung über die eigene Familie hinaus bedeutet, ist Folgendes. Werte werden nicht durch Belehrung weitergegeben, sondern durch Vorleben. Wer sie für seine Kinder erhalten will, muss sie zuerst selbst leben. Wer sie nicht lebt, wird sie auch nicht weitergeben können, ganz unabhängig davon, wie eifrig er darüber predigt. Werte sind ansteckend in einem positiven Sinn, und sie sind ebenso ansteckend in ihrem Verschwinden. Eine Gesellschaft, in der die Älteren ihre Werte nicht mehr leben, wird die Werte nicht mehr an die Jüngeren weitergeben können. Das ist eine ganz nüchterne Beobachtung, die in jeder Familie, in jeder Gemeinschaft, in jeder Kultur ihre Anwendung findet.

Es gibt aber eine Sichtweise, die in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Gesellschaften an Einfluss gewonnen hat und die zu der hier vertretenen Position in einem deutlichen Gegensatz steht. Es ist die Sichtweise, die Werte als reine Konstruktionen betrachtet. Als etwas, das eine Gesellschaft sich gerade ausgedacht hat und das sie morgen ebenso gut ganz anders denken könnte. In dieser Sichtweise gibt es keine Werte, die über die jeweilige Mehrheit oder über den jeweiligen Zeitgeist hinaus Geltung beanspruchen könnten. Was eine bestimmte Gruppe als gerecht definiert, ist für diese Gruppe gerecht. Was eine andere Gruppe als gerecht definiert, ist für die andere gerecht. Eine Wahrheit, die für alle gilt, gibt es in dieser Sichtweise nicht. Es gibt nur Erzählungen, Diskurse, Konstruktionen, die immer schon von Macht durchsetzt sind und die man entlarven kann, indem man die Machtverhältnisse offenlegt, die hinter ihnen stehen.

Diese Sichtweise hat ihre intellektuellen Wurzeln in mehreren Strömungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Bei den Vertretern der Frankfurter Schule, die wir in Kapitel 9 schon kurz erwähnt haben, bei den französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten der sechziger und siebziger Jahre, in einer ganzen Reihe von zeitgenössischen akademischen Strömungen, die unter Begriffen wie Konstruktivismus, Relativismus und kritische Theorie zusammengefasst werden. Sie hat ihre Verdienste, weil sie auf die Tatsache aufmerksam macht, dass nicht alles, was als selbstverständlich gilt, auch wirklich selbstverständlich ist. Dass auch Werte und Ordnungen entstanden sind, dass sie eine Geschichte haben, dass sie hinterfragt werden können. Bis dahin ist das eine legitime und sogar notwendige intellektuelle Haltung.

Was sie aber problematisch macht, ist, wenn sie aus dieser Beobachtung den Schluss zieht, dass alle Werte deshalb beliebig seien. Dass es zwischen einer Wahrheit und einer Lüge, zwischen einer Tugend und einem Laster, zwischen einem aufbauenden und einem zerstörerischen Verhalten keinen wesentlichen Unterschied gebe, weil beides nur als Konstruktion gelten könne. Diese Folgerung ist nicht zwingend. Werte können entstanden sein und trotzdem auf etwas reagieren, das nicht beliebig ist. Sie können historisch gewachsen sein und trotzdem in ihrer Substanz eine Wirklichkeit treffen, die unabhängig von ihrer Formulierung existiert. Hayek hat das in seinen Schriften immer wieder hervorgehoben. Eine Ordnung, die gewachsen ist, ist gerade deshalb so wertvoll, weil sie über lange Zeit auf die Wirklichkeit reagiert hat. Sie zu zerstören in der Annahme, dass man sie durch eine bewusst entworfene neue Ordnung ersetzen könne, ist die Anmaßung von Wissen, die er den modernen Konstruktivisten vorgeworfen hat.

Wir wollen in diesem Buch keine ideologische Auseinandersetzung mit dieser Strömung führen, weil sich solche Auseinandersetzungen schnell in eine Schärfe steigern, in der die ursprüngliche Frage aus dem Blick gerät. Es soll aber klar gesagt werden, dass die hier vertretene Sichtweise von Werten eine andere ist. Werte sind nicht reine Konstruktionen, die man ohne Konsequenzen verändern könnte. Sie sind kondensierte Erfahrung. Sie reagieren auf eine Wirklichkeit, die ihnen vorausgeht. Wer sie ändert, ändert nicht einfach ein Symbol, sondern setzt eine Folge von Wirkungen in Gang, die er selbst nicht überschauen kann. Eine Gesellschaft, die das vergisst, riskiert eine Erfahrung zu machen, die sehr viel teurer ist als die intellektuelle Eleganz der Theorie, mit der sie ihre Werte aufgegeben hat.

Wenn man diese Einsicht ernst nimmt, dann ergibt sich ein neues Verständnis dessen, was Werte sind und wie sie wirken. Sie sind nicht Vorschriften, die jemand uns auferlegt, sondern Hinweise auf eine Wirklichkeit, die wir nicht selbst gemacht haben. Sie sind nicht Befehle, sondern Beschreibungen. Sie sagen uns nicht in erster Linie, was wir tun sollen, sondern was passiert, wenn wir es nicht tun. Wer betrügt, wird das Vertrauen verlieren, das ihn trägt. Wer stiehlt, wird in eine Welt geraten, in der niemand mehr ihm etwas anvertraut. Wer lügt, wird in eine Welt geraten, in der niemand mehr ihm glaubt. Diese Folgen treten nicht ein, weil ein moralischer Richter sie verhängt. Sie treten ein, weil die Welt so gebaut ist, dass sie eintreten müssen.

Damit nähern wir uns einem Punkt, an dem unser ganzes Buch zusammenkommt. Werte sind nicht Vorgaben, sondern Bedingungen. Sie haben die Eigenschaft von Naturgesetzen, ohne dass sie identisch mit Naturgesetzen wären. Sie sind weicher, langsamer, lassen mehr Spielraum, aber sie wirken in derselben Richtung. Wer sich gegen sie stellt, wird über die Zeit das spüren, was die Welt ihm entgegenhält. Wer mit ihnen geht, wird das tragen, was über sehr lange Zeit getragen hat.

Wenn das stimmt, dann verstehen wir auch, warum Bitcoin in unserer These die Rolle spielt, die wir ihm zuschreiben. Bitcoin macht keine neuen Werte. Bitcoin verkörpert Werte, die schon lange als wichtig erkannt worden sind, in einer technischen Form, die keine Verhandlung mehr zulässt. Was die Tradition als Mahnung formulierte und was eine gewachsene Ordnung als Erwartung hervorbrachte, wird in Bitcoin zur Bedingung des Systems. Eigentum, das nicht angetastet werden kann. Wahrheit, die nicht behauptet, sondern bewiesen wird. Knappheit, die nicht durch Beschluss aufgehoben werden kann. Zeit, die nicht zurückgeholt werden kann. Bitcoin ist eine technische Antwort auf eine sehr alte Frage, und es ist eine Antwort, die ihre Tiefe erst dann zeigt, wenn man die Frage in ihrer ganzen Geschichte verstanden hat.

An dieser Stelle ist es Zeit, das, was wir bisher allgemein gesagt haben, an einem konkreten Beispiel zu illustrieren. Es gibt eine Formulierung menschlicher Werte, die seit über drei Jahrtausenden in Geltung ist, die in mehreren großen Religionen aufgegriffen worden ist und die in der westlichen Kultur eine besonders prägende Rolle gespielt hat. Es sind die zehn Gebote. Sie sind nicht die einzige Verdichtung menschlicher Werte, und sie sind nicht in jedem Detail vollständig oder unangreifbar. Aber sie sind eine erstaunlich knappe und erstaunlich klare Sammlung dessen, was die Menschheit über das Zusammenleben in Erfahrung gebracht hat. Sie verdienen es, in einem eigenen Kapitel betrachtet zu werden, bevor wir im fünften Teil dieses Buches dann jedem einzelnen von ihnen in seiner Beziehung zu Bitcoin nachgehen.

Dieses Kapitel im interaktiven Reader lesen →