Teil IV / Der tiefere Zusammenhang
Kapitel 15
Die zehn Gebote als verdichtete Erfahrung
Es gibt Texte, die man in einer einzigen Stunde liest und an denen die Menschheit seit dreitausend Jahren arbeitet. Die zehn Gebote sind ein solcher Text. Sie passen auf zwei steinerne Tafeln, die ein einzelner Mensch tragen kann. Sie enthalten weniger Worte als die meisten Werbeplakate. Und sie haben drei Weltreligionen geprägt, ein ganzes Rechtssystem mit hervorgebracht, das wir das jüdisch-christliche Erbe der westlichen Welt nennen, und in unzähligen Familien über Generationen hinweg das Verständnis davon weitergegeben, was rechtes Handeln eigentlich heißt. Man muss kein religiöser Mensch sein, um zu erkennen, dass hier etwas vorliegt, dem eine besondere Eigenschaft zukommt. Es ist eine erstaunliche Verdichtung dessen, was die Menschheit über das Zusammenleben in Erfahrung gebracht hat.
In diesem Kapitel betrachten wir die zehn Gebote als das, was sie nach unserer These im vorigen Kapitel sind. Eine kondensierte Erfahrung. Eine Verdichtung dessen, was sich über lange Zeit als wesentlich herausgestellt hat. Wir schauen uns ihre Geschichte an, ihre Struktur, ihre Form, und wir bereiten den Übergang zu dem vor, was in den folgenden Kapiteln das eigentliche Anliegen dieses Buches sein wird. Wie sich jedes einzelne dieser Gebote zu Bitcoin verhält.
Beginnen wir mit der Geschichte.
Die Erzählung von der Übergabe der zehn Gebote gehört zu den ältesten und bekanntesten Geschichten der westlichen Kultur. Sie steht im zweiten Buch der Bibel, im Buch Exodus, und sie wird im fünften Buch, im Buch Deuteronomium, in einer leicht veränderten Form noch einmal überliefert. Der erzählte Hintergrund ist ein Ereignis von größter dramatischer Wucht. Das Volk Israel, das nach der biblischen Darstellung jahrhundertelang in Ägypten gelebt und in den letzten Generationen unter pharaonischer Herrschaft eine Form der Knechtschaft erfahren hatte, ist unter der Führung des Mose aus Ägypten ausgezogen. Es hat das Rote Meer überquert, es ist in die Wüste gezogen, es ist auf seinem Weg zu einem verheißenen Land. Auf diesem Weg, am Berg Sinai im Süden der Halbinsel zwischen Ägypten und Asien, erlebt es ein Geschehen, das im hebräischen Text in eindrücklichen Bildern beschrieben wird. Der Berg ist von Wolken umhüllt, Donner und Blitz, Posaunenklang, das Volk steht am Fuß des Berges in einer Mischung aus Furcht und Erwartung. Mose steigt allein auf den Berg. Er kommt zurück mit zwei steinernen Tafeln, in die die zehn Gebote eingemeißelt sind.
Diese Geschichte ist viel mehr als eine religiöse Episode. Sie ist eine der mächtigsten erzählerischen Bilder, die die Menschheit hervorgebracht hat, für den Moment, in dem eine ganze Gemeinschaft eine grundlegende Ordnung empfängt, an die sie sich von nun an zu halten verspricht. Es ist die Geschichte einer Übergabe, in der etwas Außermenschliches in das menschliche Leben eintritt und ihm eine Form gibt. Die Frage, wie wörtlich diese Geschichte genommen werden muss, hat Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker über zwei Jahrtausende beschäftigt. Wir lassen sie hier offen, weil sie für das Anliegen dieses Buches nicht entscheidend ist. Was zählt, ist, dass diese Erzählung über drei Jahrtausende hinweg ihre Wirkung entfaltet hat, und sie hat das nicht trotz ihres dramatischen Charakters getan, sondern auch wegen ihm. Eine nüchterne Liste von zehn Verhaltensregeln, herausgegeben von einer Verwaltungsbehörde, hätte nie diese Wirkung gehabt. Erst die Verbindung von einer dramatischen Stunde mit den zehn knappen Sätzen, die aus dieser Stunde hervorgehen, hat den Geboten ihre besondere Würde gegeben.
Die zehn Gebote werden in der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition unterschiedlich gezählt und ausgelegt, was vielleicht der wichtigste Hinweis darauf ist, dass es sich nicht um einen abgeschlossenen, eindeutig festgelegten Text handelt, sondern um eine lebendige Überlieferung, die immer wieder neu gelesen und gewichtet worden ist. Wir folgen in diesem Buch der römisch-katholischen Zählung, die in einer leicht veränderten Form auch von der lutherischen Kirche übernommen wurde. Sie unterscheidet sich an zwei Stellen von der jüdischen und der reformierten Zählung. Im ersten Gebot wird das Bilderverbot, das in anderen Zählungen ein eigenes Gebot ist, in das erste Gebot integriert. Und das Begehren wird in zwei Gebote aufgeteilt, das Begehren der Frau des Nächsten und das Begehren des Gutes des Nächsten. Damit kommt die Zählung wieder auf zehn.
Die zehn Gebote in der römisch-katholischen Zählung lauten in einer einfachen Form. Erstens: Du sollst an einen Gott glauben, und du sollst keine fremden Götter haben neben mir. Zweitens: Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. Drittens: Du sollst den Tag des Herrn heiligen. Viertens: Du sollst Vater und Mutter ehren. Fünftens: Du sollst nicht töten. Sechstens: Du sollst nicht ehebrechen. Siebtens: Du sollst nicht stehlen. Achtens: Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Neuntens: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Zehntens: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.
Das sind, in ihrer schlichten Form, die zehn Sätze, an denen sich Menschen seit dreitausend Jahren orientieren. Sie sind so knapp, dass jedes Kind sie auswendig lernen kann. Sie sind so klar, dass jeder Erwachsene sofort versteht, worum es geht. Und sie haben in ihrer Anordnung eine Struktur, die sich auf den zweiten Blick als sehr durchdacht erweist.
Schaut man genauer hin, dann zerfallen die zehn Gebote in zwei Hälften. Die ersten drei Gebote regeln die Beziehung des Menschen zu einem Höheren, das die Tradition Gott nennt. Sie verlangen ein Bekenntnis zur Einzigartigkeit dieses Höheren, ein Verbot, mit seinem Namen Missbrauch zu treiben, und ein Gebot, einen regelmäßigen Rhythmus von Arbeit und Ruhe einzuhalten, in dem dieses Höhere geehrt wird. Sie betreffen die senkrechte Dimension menschlichen Lebens, die Beziehung zwischen Mensch und einem, das größer ist als er.
Die folgenden sieben Gebote regeln die Beziehungen der Menschen untereinander, die waagerechte Dimension. Sie beginnen mit dem, was dem einzelnen Menschen am nächsten steht, nämlich seinen eigenen Eltern, und sie öffnen sich von dort aus in immer weitere Kreise. Die Familie, der eigene Leib, das Versprechen der Treue, das Eigentum, die Wahrheit, schließlich das Begehren, das die Wurzel vieler späterer Übertretungen ist. Es ist eine bewusst gestaltete Ordnung, die nicht zufällig ist. Sie beginnt im Innersten und arbeitet sich nach außen vor. Sie nennt zuerst die handfesten Gebote, dann die Gebote des Sprechens, schließlich die Gebote, die in das Innere des Menschen reichen, in das, was er begehrt, ohne es noch zu tun.
Was diese Anordnung zeigt, ist eine Einsicht, die zugleich theologisch und psychologisch tief ist. Sie zeigt, dass das menschliche Handeln nicht erst beim Tun beginnt, sondern viel früher. Beim Begehren. Beim Reden. Bei der Einstellung, die einer zur Wahrheit hat, zum Eigentum, zur Familie. Wer im Innern fest ist, wird im Äußeren wenig anstellen. Wer im Innern fault, wird im Äußeren nicht zu halten sein. Die zehn Gebote nehmen das ernst. Sie fangen das Tun nicht erst auf, wenn es geschehen ist, sondern sie reichen bis zum Begehren zurück. Damit sind sie nicht nur ein Regelwerk für das Verhalten, sondern eine Anleitung zur Haltung.
Diese Eigenschaft macht die zehn Gebote zu mehr als einer Liste von Verboten. Sie sind eine Beschreibung dessen, was zwischen Menschen tragen kann und was nicht. Sie sind nicht beliebig. Sie könnten in ihrer Struktur kaum anders aussehen, ohne dass sie ihre tragende Kraft verlieren würden. Wer die Eltern nicht ehrt, kann keine Linie weitertragen, denn Linien beginnen im Eigenen und reichen erst von dort in das Allgemeine. Wer tötet, zerstört, was er nicht ersetzen kann. Wer ehebricht, untergräbt die Bindung, ohne die Familie nicht funktioniert. Wer stiehlt, verletzt das Eigentum, das den Menschen mit seiner Arbeit und seiner Lebenszeit verbindet. Wer lügt, zerstört das Vertrauen, auf dem jede Kooperation aufbaut. Wer begehrt, was einem nicht zusteht, hat das Übel schon in sich, bevor es nach außen tritt.
Wir haben in Kapitel 13 bereits gesehen, dass dieselben Beobachtungen in anderen Kulturen und Religionen in ähnlicher Form auftauchen. Die fünf Silas des Buddhismus, die Maqasid asch-Scharia im Islam, das Dharma im Hinduismus, die fünf Tugenden des Konfuzianismus, die Tora und die Mitzwot im Judentum. Sie sagen mit unterschiedlichen Worten dasselbe, weil sie auf dieselbe Wirklichkeit reagieren. Die zehn Gebote sind eine besonders prägnante Form, in der diese universelle Erfahrung formuliert wurde. Sie sind nicht die einzige, und sie beanspruchen in dieser Reihe keine Vorrangstellung. Aber sie sind erstaunlich knapp, erstaunlich klar und erstaunlich umfassend.
Was an ihnen für unser Anliegen wichtig ist, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen.
Erstens. Sie sind kein willkürliches Regelwerk, sondern eine durchdachte Ordnung, die von innen nach außen, vom Höchsten zum Alltäglichen, vom Tun zum Begehren reicht. Sie haben eine Architektur, und diese Architektur entspricht der Architektur des menschlichen Lebens.
Zweitens. Sie haben sich über drei Jahrtausende bewährt, ohne dass sie wesentlich verändert worden wären. Andere Regelwerke aus derselben Zeit sind längst vergessen, und die meisten Versuche, sie zu ersetzen oder zu überholen, sind ohne nennenswerte Wirkung geblieben. Wer eine bewährte Form ersetzen will, sollte sich gut überlegen, was er gewinnt und was er verliert. Im Fall der zehn Gebote ist die Bilanz dieser Versuche bemerkenswert nüchtern.
Drittens, und das ist für unser Buch der entscheidende Punkt. Die zehn Gebote sind in der Form, in der sie überliefert sind, als Norm formuliert. Sie sagen, was getan werden soll und was nicht. Sie sind eine Mahnung an den Menschen, der sie hört oder liest, sich an sie zu halten. Sie sind aber nicht durch eine Architektur durchgesetzt. Wer stiehlt, kann erwischt werden oder nicht. Wer lügt, kann durchkommen oder nicht. Wer ehebricht, kann es verbergen oder nicht. Die Wirkung der Gebote hängt davon ab, dass die Menschen, die in einer Gesellschaft leben, sie verinnerlicht haben und sie freiwillig befolgen. Sie hängt davon ab, dass es Sanktionen gibt, ethische, soziale, rechtliche, die im Fall der Übertretung wirken. Sie hängt davon ab, dass die Gemeinschaft eine Erinnerung an diese Gebote pflegt, sie an die nächste Generation weitergibt, sie nicht für veraltet erklärt.
Genau hier kommt Bitcoin ins Spiel. Bitcoin ist die erste menschliche Erfindung, die einen Teil dessen, was die zehn Gebote als Norm formulierten, in die Architektur eines Systems eingebaut hat. Was bei den Geboten eine ethische Mahnung war, ist in Bitcoin eine strukturelle Eigenschaft. Was bei den Geboten von der Verinnerlichung der Menschen abhing, ist in Bitcoin in das Protokoll eingewoben. Das gilt nicht für alle zehn Gebote gleichermaßen. Es gilt mit besonderer Schärfe für einige von ihnen, und es gilt für andere nur in einem übertragenen Sinne. In den folgenden Kapiteln, also im fünften Teil dieses Buches, werden wir jedem einzelnen der Gebote nachgehen und prüfen, was es im Licht von Bitcoin bedeutet.
Wir werden dabei nicht der Reihenfolge der Bibel folgen. Wir werden auch nicht alle zehn Gebote in derselben Tiefe behandeln, weil nicht alle in derselben Tiefe zu Bitcoin in Beziehung stehen. Sieben der zehn Gebote, deren Verbindung zu Bitcoin besonders tragfähig ist, werden ein eigenes Kapitel bekommen. Die übrigen drei werden in einem gemeinsamen Kapitel gebündelt, weil ihre Verbindung zu Bitcoin schwächer ist und wir keine Verbindung erzwingen wollen, wo keine ist. Es geht uns in diesem Buch um Wahrheit, nicht um eine möglichst vollständige Parallele.
Wir beginnen mit dem ersten Gebot, weil es theologisch und kulturell das tragende ist und weil von ihm aus die anderen Gebote ihre Tiefe gewinnen. Es lautet, in der römisch-katholischen Form, du sollst an einen Gott glauben, und du sollst keine fremden Götter haben neben mir. Es ist auf den ersten Blick das Gebot, das am weitesten von Bitcoin entfernt zu sein scheint, und es ist auf den zweiten Blick eines der eindrucksvollsten in seiner Verbindung zu unserem Thema.