Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin
Kapitel 16
Du sollst keine anderen Götter haben
Bevor wir in dieses Kapitel eintreten, möchte ich eine Klarstellung treffen, die für alles weitere tragend ist. Wir sprechen in diesem Kapitel über das erste der zehn Gebote, das in der römisch-katholischen Form lautet, du sollst an einen Gott glauben, und du sollst keine fremden Götter haben neben mir. Es ist das theologisch sensibelste Gebot der gesamten Reihe. Es regelt die Beziehung des Menschen zu dem, was er als das Höchste anerkennt. Und es ist deshalb auch das Gebot, bei dem ein Missverständnis am leichtesten entstehen könnte.
Dieses Buch behauptet nicht, dass Bitcoin ein Gott sei. Es behauptet nicht, dass Bitcoin eine Religion ersetzen würde. Es behauptet nicht, dass die Verehrung von Bitcoin an die Stelle der Verehrung Gottes treten solle. Wer das aus dem Folgenden herausliest, hat das Gegenteil dessen verstanden, was hier gesagt wird. Bitcoin ist ein technisches System, das nach menschlicher Erfindung läuft. Es ist groß genug, dass es Aufmerksamkeit verdient. Es ist nicht groß genug, dass es Anbetung verdient. Wer einen Gott hat, sollte ihn behalten. Wer keinen hat, wird auch in Bitcoin keinen finden. Was Bitcoin tut, ist etwas anderes, und das ist der eigentliche Gegenstand dieses Kapitels.
Bitcoin macht etwas sehr Bestimmtes sichtbar, das im ersten Gebot benannt ist. Es macht sichtbar, dass es in menschlichen Gesellschaften immer wieder Stellen gibt, die wie Götter behandelt werden, ohne welche zu sein. Götzendienst, in der biblischen Sprache, ist nicht erst dann gegeben, wenn jemand vor einer Statue niederkniet. Götzendienst ist überall dort gegeben, wo Menschen ihr letztes Vertrauen, ihre letzte Sicherheit, ihre letzte Erwartung in etwas setzen, das diese Funktion nicht erfüllen kann. Genau dieses Phänomen ist in unserer heutigen Welt sehr verbreitet, und es ist eines der eindrücklichsten Beobachtungen, die man machen kann, wenn man sich mit Bitcoin tief genug beschäftigt.
Die biblische Erzählung selbst gibt uns ein Bild für diese menschliche Neigung, das so prägnant ist, dass es seit dreitausend Jahren nicht verblasst. Im Buch Exodus wird unmittelbar nach der Übergabe der zehn Gebote eine Szene erzählt, die im Kern jeder späteren Götzen-Erzählung wiederkehrt. Mose ist auf den Berg Sinai gestiegen, um die Tafeln zu empfangen. Das Volk wartet am Fuß des Berges. Die Zeit wird ihm lang. Es kommt eine Unruhe auf, eine Sehnsucht nach etwas Greifbarem, etwas, das man sehen, anfassen, vor dem man sich versammeln kann. Aaron, der Bruder des Mose, gibt dem Drängen nach. Er sammelt das Gold der Frauen ein und gießt daraus ein Bild, ein junges Rind, das in der Übersetzung als Goldenes Kalb in die Geschichte eingegangen ist. Das Volk beginnt vor diesem Bild zu tanzen, Opfer zu bringen, ein Fest zu feiern. Als Mose vom Berg herabkommt und das sieht, zerbricht er aus Zorn die steinernen Tafeln, die er gerade empfangen hatte. Das Volk hatte schon den ersten Satz nicht ausgehalten, der ihm auf diesen Tafeln gegeben war.
Was diese Erzählung in ihrer Tiefe zeigt, ist nicht ein historisches Ereignis aus grauer Vorzeit. Es ist eine Beobachtung über den Menschen, die in jeder Generation neu zu lesen ist. Menschen brauchen offenbar etwas Sichtbares, das sie verehren können. Wenn das Unverhandelbare ihnen zu fern, zu abstrakt, zu schwer ist, dann gießen sie sich aus dem nächstliegenden Material ein Bild, das die Funktion einnimmt, die das Unverhandelbare nicht mehr für sie hat. Das Material kann Gold sein, in der biblischen Geschichte. Es kann aber genauso Geld sein, in seiner modernen Form. Es kann Macht sein, Status, Bequemlichkeit, eine politische Bewegung, eine wissenschaftliche Theorie, eine technische Errungenschaft. Was es im konkreten Fall ist, hängt davon ab, was in einer Gesellschaft gerade verehrungswürdig erscheint. Was sich aber durch alle Zeiten gleich bleibt, ist die menschliche Neigung selbst.
Schauen wir uns drei der wichtigsten Götzen unserer Gegenwart an, ohne den Anspruch zu erheben, damit alles zu erfassen.
Der erste und mächtigste Götze unserer Zeit ist das moderne Geldsystem. Wir haben in Teil II ausführlich beschrieben, wie es funktioniert, was nach 1971 geschehen ist, wie der Cantillon-Effekt wirkt, was die Geldmengenausweitung mit den Menschen macht. Was wir bisher noch nicht in dieser Schärfe ausgesprochen haben, ist, in welcher Weise dieses System religiöse Züge angenommen hat. Die meisten Menschen wissen nicht, wer das Geld druckt, das sie verwenden. Sie wissen nicht, wie es geschaffen wird, nach welchen Regeln, in welcher Menge. Sie wissen nicht, was es wirklich deckt, wenn überhaupt etwas. Sie nehmen es trotzdem an, sie vertrauen ihm, sie planen ihr Leben mit ihm. Sie tun das nicht, weil sie wüssten, was dieses Geld eigentlich ist, sondern weil sie daran glauben. Sie glauben, dass es weiter funktionieren wird wie bisher. Sie glauben, dass die Stelle, die es ausgibt, weiß, was sie tut. Sie glauben, dass die Geschichten, die ihnen über dieses Geld erzählt werden, im Wesentlichen stimmen. Es ist ein Glaube, der über Generationen erlernt und weitergegeben wird, meist ohne dass jemand ihn für sich selbst überprüft. Und wenn dieser Glaube in einer Krise einmal erschüttert wird, zeigt sich, wie tief er sitzt. Was wegbricht, ist nicht nur Kaufkraft. Es ist das stille Vertrauen, dass die Welt morgen noch funktioniert wie heute.
Das Geld in seiner heutigen Form ist also nicht nur ein wirtschaftliches Instrument. Es ist ein Glaubensgegenstand. Es ist das, woran in unserer Gesellschaft mehr Menschen unhinterfragt glauben als an irgendetwas anderes. Es ist, in den scharfen Worten der biblischen Tradition, das Goldene Kalb unserer Zeit. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass es nicht mehr aus Gold gegossen wird, sondern aus elektronischen Buchungssätzen besteht, die mit einem Tastendruck vermehrt werden können.
Der zweite große Götze unserer Zeit ist der Glaube, dass komplexe Systeme von einer zentralen Stelle gesteuert werden können. Wir haben diesen Glauben in Kapitel 1 als das selbstverständliche Weltbild beschrieben, an dem viele Menschen unserer Zeit hängen. Es ist die Annahme, dass für jedes Problem eine Lösung existiert, sobald nur jemand mit ausreichend Autorität und ausreichender Information sich der Sache annimmt. Eine Wirtschaft, die schwächelt, wird angekurbelt. Eine Inflation, die steigt, wird gebremst. Eine Bank, die strauchelt, wird gestützt. Eine soziale Spannung, die wächst, wird durch ein Programm beruhigt. Hinter all dem steht der Glaube, dass jemand am Hebel sitzt, dass dieser Hebel funktioniert, und dass die Person, die ihn bedient, weiß, in welche Richtung sie ziehen muss.
Es ist eine sehr menschliche Sehnsucht, die hinter diesem Glauben steht. Niemand will hilflos sein. Niemand will akzeptieren, dass es Probleme gibt, die nicht gelöst werden können. Niemand will in einer Welt leben, in der das Unverhandelbare einfach so bleibt, wie es ist. Aus dieser Sehnsucht heraus wird eine bestimmte Stelle, eine Regierung, eine Notenbank, eine internationale Institution, mit Erwartungen aufgeladen, die sie nicht erfüllen kann. Sie wird zum Adressaten eines Vertrauens, das eigentlich nur das Unverhandelbare selbst rechtfertigen würde. Wenn sie scheitert, wird nicht der Glaube an die Steuerbarkeit aufgegeben, sondern es wird eine neue Stelle gesucht, die das Versprechen besser einlösen soll. Der Götze bleibt, der Name wechselt.
Der dritte große Götze unserer Zeit ist die Bequemlichkeit. Ihr Preis ist die eigene Verantwortung. Es ist ein leiserer Götze als die ersten beiden, aber er hat in unserer Welt eine erstaunliche Verbreitung gefunden. Es ist der Götze derjenigen, die sich nicht mehr selbst um ihre Angelegenheiten kümmern wollen. Die ihre Finanzen einem Berater überlassen, weil sie sich nicht selbst damit beschäftigen wollen. Die ihre Gesundheit dem System überlassen, weil sie sich nicht selbst informieren wollen. Die ihre Erziehung den Schulen überlassen, weil sie sich nicht selbst mit ihren Kindern auseinandersetzen wollen. Die ihre politische Meinung vor allem aus einer einzigen Quelle beziehen, weil sie sich nicht die Mühe machen wollen, mehrere zu vergleichen. Es ist ein Götze, der nicht laut wird, weil er sich nicht in einer Stelle verkörpert, sondern in einer Haltung. In der Haltung, dass schon jemand anderer für mich entscheiden wird, was richtig ist.
Diese drei Götzen, das moderne Geld, die geglaubte Steuerbarkeit, die Bequemlichkeit, sind miteinander verwoben. Sie stützen einander gegenseitig. Wer an das eine glaubt, glaubt meist auch an die anderen. Wer eines aufgibt, wird auch die anderen ins Wanken bringen. Sie bilden zusammen ein System des Vertrauens, das die moderne Gesellschaft tief prägt und das in den meisten Lebenslagen funktioniert, solange die Wirklichkeit nicht zu hart an den Türen rüttelt.
In genau diese Welt tritt nun Bitcoin als etwas auf, was diese Götzen zwar nicht angreift, aber sichtbar macht. Es ist wichtig zu verstehen, dass Bitcoin nicht angetreten ist, irgendetwas zu zerstören. Es ist nicht aggressiv gegen das Bestehende. Es ist einfach da, als alternative Möglichkeit. Aber gerade durch sein Dasein zeigt es, was das Bestehende eigentlich ist. Bitcoin hat keinen Anführer, dem man huldigt. Es hat keine Hierarchie, in der oben und unten unterschieden würden. Es hat keinen Priester, der zwischen den Menschen und dem System vermittelt. Es hat keinen Erlöser, der für die Versäumnisse der anderen büßt. Es hat keine Stelle, an die man Vertrauen delegieren müsste, weil die Funktionsweise des Systems für jeden überprüfbar ist. Es ist, in einer sehr genauen technischen Bedeutung, kein Götze. Es kann gar keiner werden, weil ihm dazu die Eigenschaften fehlen, die jeden Götzen ausmachen. Es lässt sich nicht zentralisieren. Es lässt sich nicht personifizieren. Es lässt sich nicht zum Adressaten einer Anbetung machen, ohne dass das genaue Gegenteil dessen geschieht, was die Anbetung beabsichtigt.
Manche Menschen reden trotzdem in religiösen Tönen über Bitcoin. Sie sprechen von Glauben, von Bekehrung, von Heilsbringern. Das hat es zu Beginn jeder neuen Bewegung gegeben, und es ist menschlich. Es ist aber nicht das, was Bitcoin in seinem Kern ist. Wer Bitcoin in seiner Funktionsweise verstanden hat, der versteht auch, dass es genau nicht die Verehrung verlangt, die die alten Götzen verlangen. Es verlangt von dem, der es benutzt, dass er es selbst überprüft, dass er es selbst verwahrt, dass er Verantwortung für seine eigenen Schlüssel trägt. Das ist das Gegenteil von Anbetung. Es ist Erwachsenwerden. Es ist die Aufforderung, sich selbst um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, statt sie an eine Stelle zu delegieren, der man dafür Vertrauen schenkt.
In dieser Hinsicht ist Bitcoin etwas sehr Bescheidenes. Es macht sich selbst nicht groß. Es ist keine umfassende Welterklärung, kein politisches Programm, kein moralisches Lehrgebäude. Es ist ein Stück Software, das eine bestimmte technische Eigenschaft hat. Aber es ist gerade in dieser Bescheidenheit so wirkungsvoll, weil seine Bescheidenheit eine sehr ungewöhnliche Konsequenz hat. Sie verlangt von dem, der mit Bitcoin umgeht, dass er die Götzen seiner Zeit zumindest leise infrage stellt. Wer Bitcoin selbst verwahrt, hat das Geldsystem als Götze einen Schritt aus der Hand gegeben. Wer das Protokoll überprüft, hat den Glauben an die zentrale Steuerbarkeit einen Schritt verlassen. Wer für seine eigenen Schlüssel verantwortlich ist, hat die Bequemlichkeit der Delegation einen Schritt zurückgewiesen.
Das macht Bitcoin nicht zu einem Glaubensgegenstand. Es macht es zu einem Werkzeug, das einen Menschen, der es nutzt, in eine ganz bestimmte Beziehung zu sich selbst und zur Welt setzt. In dieser Beziehung sind die Götzen ein wenig kleiner geworden, weil sie nicht mehr unhinterfragt gelten. Sie sind nicht verschwunden. Sie wirken noch in ihrer alten Macht, in den meisten Lebensbereichen der meisten Menschen. Aber sie sind nicht mehr selbstverständlich. Und das ist, in einem ganz alten Sinne, die erste Bewegung jedes echten Erwachsenwerdens. Das eigene Vertrauen nur dort zu setzen, wo es hingehört. Nicht dort, wo es bequem ist. Nicht dort, wo es alle anderen auch setzen. Nicht dort, wo man es schon immer hingesetzt hat. Sondern dort, wo es vor der eigenen ehrlichen Prüfung Bestand hat.
Mir scheint, dass genau hier die tiefste Verbindung zwischen dem ersten Gebot und Bitcoin liegt. Das erste Gebot warnt seit dreitausend Jahren davor, fremde Götter neben den einen Gott zu stellen. Es benennt damit eine menschliche Neigung, die immer wieder neu auftaucht und die jede Generation neu kennen muss. Bitcoin schafft die Götzen unserer Zeit nicht aus der Welt. Aber es bietet eine technische Antwort, die das Vertrauen der Menschen nicht mehr an eine Stelle delegiert, sondern es in die Architektur des Systems selbst einbaut. Damit nimmt es den Götzen ein Stück ihrer Macht, ohne sich selbst zu einem Götzen zu machen. Es ist eine sehr leise Bewegung, aber eine sehr grundlegende.
Wer das erste Gebot in seiner traditionellen religiösen Bedeutung ernst nimmt, kann in Bitcoin keinen Konkurrenten zu seinem Glauben sehen. Er kann in Bitcoin höchstens eine Hilfe sehen, die ihm hilft, die falschen Götter seiner Zeit ein Stück weit zu erkennen. Wer das erste Gebot säkular liest, also als Mahnung gegen das Verabsolutieren von Stellen, die diese Verabsolutierung nicht verdienen, kann in Bitcoin eine technische Verkörperung dieser Mahnung sehen. In beiden Lesarten arbeitet das Gebot und das System in dieselbe Richtung. Sie bauen sich nicht gegeneinander auf, sondern stützen einander auf eine sehr unaufdringliche Weise.
Damit endet das erste Kapitel über die zehn Gebote im Spiegel von Bitcoin. Wir haben gesehen, wie das fundamentalste der Gebote, das auf den ersten Blick am weitesten von Bitcoin entfernt zu sein schien, auf den zweiten Blick eine erstaunliche Tiefe in seiner Verbindung zu unserem Thema offenbart. Es bleibt eine wichtige Beobachtung, die wir an dieser Stelle festhalten wollen, bevor wir zum nächsten Gebot kommen. Bitcoin antwortet auf die Götzen unserer Zeit nicht mit einer ethischen Mahnung, sondern mit einer technischen Eigenschaft. Es zeigt durch sein Dasein, was möglich wäre. Es zwingt niemanden, diesen Weg zu gehen. Aber es macht den Weg offen, der vorher nicht offen war.
Diese Antwort hat eine eigene zeitliche Form. Sie ist nicht in einem einzelnen Moment gegeben, sondern entfaltet sich in einem Rhythmus, der seit dem Genesis Block im Januar 2009 ungebrochen läuft. Block für Block, alle zehn Minuten, ein neuer Eintrag in der unveränderlichen Kette. Es ist ein Rhythmus, der eine eigene Würde hat und der in seiner gleichmäßigen Wiederkehr an etwas erinnert, das die Menschheit seit alters her gekannt hat. An die Heiligkeit der wiederkehrenden Zeit.