Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin
Kapitel 17
Du sollst den Tag des Herrn heiligen
Das dritte Gebot in der römisch-katholischen Zählung lautet, du sollst den Tag des Herrn heiligen. Es ist eines der schönsten der zehn Gebote, weil es etwas in den Mittelpunkt rückt, das in den meisten anderen Geboten nicht so deutlich wird. Es geht nicht um etwas, das man tun soll, sondern um etwas, das man unterlassen soll. Es geht um die Würde des Innehaltens. Um die Einsicht, dass das menschliche Leben nicht nur aus Arbeit besteht und dass eine Zeit, die nur aus Aufgaben besteht, keine Zeit mehr ist, in der ein Mensch ganz da sein kann.
Im Hintergrund dieses Gebots steht eine sehr alte Beobachtung. Wer ohne Unterbrechung arbeitet, verliert sich. Er verliert sich an die Aufgaben, an die nächste Erledigung, an die fortwährende Vorwärtsbewegung. Er hat keine Möglichkeit mehr, sich selbst von außen zu betrachten, zu sehen, wo er steht, sich auf das zu besinnen, was eigentlich wichtig ist. Eine Gesellschaft, die das nicht mehr regelt, wird über die Zeit eine Gesellschaft erschöpfter, getriebener, in sich selbst verlorener Menschen. Eine Gesellschaft dagegen, die ihren Mitgliedern einen Tag der Woche schenkt, in dem sie aus der Bewegung herausfallen dürfen, gibt ihnen eine Würde zurück, die in der reinen Arbeitsbewegung nicht gehalten werden kann.
In der jüdischen Tradition hat dieser Tag einen Namen, der älter ist als die meisten Worte unserer Sprache. Schabbat. Er beginnt am Freitagabend mit dem Einbruch der Dunkelheit und endet am Samstagabend, ebenfalls mit der Dunkelheit. Sieben Tage hat die Woche, und der siebte ist ein Tag, an dem nicht gearbeitet werden soll. Die Schöpfungserzählung im ersten Buch der Bibel deutet diesen Rhythmus theologisch, indem sie auch von Gott selbst sagt, dass er am siebten Tag geruht habe. Wer das wörtlich oder bildlich liest, ändert nichts an der praktischen Wirkung. Eine ganze Kultur hat es gelernt, jeden siebten Tag die Arbeit zu unterbrechen, das Geld nicht zu zählen, die Geschäfte nicht zu betreiben, und stattdessen mit der Familie zu essen, zu beten, zu reden, zu ruhen. Diese Institution hat das Judentum durch Jahrtausende getragen und ist in ihrer Strenge bis heute geblieben. Wer sich orthodoxen jüdischen Familien einmal nähert, sieht, was ein gelebter Schabbat tatsächlich ist. Es ist keine bloße Pause. Es ist eine eigene Form von Zeit.
Aus der jüdischen Tradition ist die Idee des heiligen Tages in andere Traditionen eingewandert. Im Christentum verschob sich der Tag auf den Sonntag, weil dieser nach urchristlicher Überlieferung der Tag der Auferstehung Christi ist. Im Islam wurde der Freitag zum Tag des gemeinsamen Mittagsgebets. Im Buddhismus gibt es die Uposatha-Tage, mehrere im Monat, an denen Laien sich in Klöstern besinnen und Mönche bestimmte Ordensregeln erneuern. Die konkreten Tage und Ausgestaltungen unterscheiden sich. Was sich nicht unterscheidet, ist die Grundeinsicht. Eine Gesellschaft braucht regelmäßige Unterbrechungen ihrer Arbeitsbewegung, sonst zermalmt sie ihre Mitglieder.
Ich erinnere mich an den Sonntag meiner Kindheit, weil er für eine gewisse Zeit eine sehr klare Form hatte. Wir gingen als Familie in die Kirche. Ich war Ministrant, also gewissermaßen dienstlich verpflichtet, was aber nicht so empfunden wurde, sondern selbstverständlich war. Der Tag hatte einen anderen Klang als die übrigen Tage. Die Erwachsenen waren entspannter, das Mittagessen war ausführlicher, die Stunden des Nachmittags hatten einen anderen Atem. Bei vielen Menschen verliert dieser Tag im Lauf des Lebens seine besondere Form. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich, ein Hausbau, ein Berufswechsel, eine neue Aufgabe, und die Sonntage füllen sich mit anderen Dingen. Wer in jungen Jahren keine Notwendigkeit mehr in einer Form sieht, die ihm niemand mehr nahebringt, lässt sie ziehen. Auch der Relativismus, von dem in Kapitel 14 die Rede war, trägt dazu bei.
Besonders deutlich wird dieser Verlust dort, wo Menschen sich mit großer Anstrengung etwas aufbauen. Wer hart arbeitet, über viele Jahre, der übernimmt oft, ohne es so zu nennen, die Tugenden, die er bei den Älteren gesehen hat. Sparsamkeit, Anstrengungsbereitschaft, vorsichtiges Wirtschaften. Er lebt bewusst, er schaut zuerst auf die Ausgabenseite, er wandelt das Erarbeitete in Werte um, die ihre Kaufkraft behalten. Das ist, ohne dass es so genannt würde, eine angewandte niedrige Zeitpräferenz, gelernt von Menschen, die das Wort nie gehört, das Verhalten aber gelebt haben.
Der Ruhetag ist in einem solchen Leben kein Ruhetag mehr. Er wird im Gegenteil zu einer Gelegenheit, ungestört weiterzuarbeiten. Wenn die Familie sich trifft, fehlt man. Wenn andere innehalten, arbeitet man. Was dabei übersehen wird, ist, dass die niedrige Zeitpräferenz ihren eigenen Preis hat, wenn sie nicht mit dem Innehalten verbunden ist, das die alte Tradition als heiligen Tag gefordert hat. Sparen und Anstrengen sind notwendig, sie tragen über lange Zeiträume. Aber sie tragen nicht ohne die regelmäßige Unterbrechung, in der ein Mensch sich erholen, besinnen und mit den Seinen zusammen sein kann.
Wer das übersieht, zahlt dafür einen Preis. Oft ist es der Körper, der die Konsequenz zieht, und er zieht sie spät, manchmal erst nach Jahren. Es ist leicht, einen Tag der Woche aus der Bewegung herauszuhalten, solange man jung ist und das Gefühl hat, alle Zeit der Welt zu haben. Es ist schwer, das versäumte Innehalten später nachzuholen, wenn der Körper schon gesprochen hat. Wer die Wahrheit dieses Gebots zu spät versteht, lernt sie unter größeren Schmerzen als nötig.
Die Verflüchtigung des Sonntags ist kein Einzelschicksal, sondern die Erfahrung einer ganzen Gesellschaft, und sie hat eine Geschichte, die mit den Themen dieses Buches eng verbunden ist. Sie fällt nicht zufällig zusammen mit der Verflüchtigung des stabilen Geldes. In einem Geld, das jährlich an Wert verliert, kann sich kaum jemand erlauben, einen Tag pro Woche nicht zu arbeiten. Wer das Sparen nicht mehr tragen kann, muss konsumieren, und wer konsumieren muss, braucht Geschäfte, die offen sind. Wer in einer Wirtschaft lebt, die durch permanente Geldmengenausweitung getrieben wird, muss permanent mitlaufen, sonst fällt er zurück. Was wir in den achtziger Jahren noch Sonntagsruhe nannten, ist in den meisten Bereichen unseres Lebens längst verschwunden. Geschäfte haben geöffnet, Lieferdienste fahren, E-Mails kommen an, das Mobiltelefon vibriert. Wer sich heute an einen ruhigen Sonntag erinnert, ist alt genug, um eine andere Welt gekannt zu haben.
Diese Verschiebung hat einen Preis. Sie zeigt sich in der wachsenden Erschöpfung der Menschen, in der Zunahme von Burnout-Diagnosen, in dem Verschwinden der gemeinsamen Mahlzeit, in der zerfallenden Aufmerksamkeit für die unmittelbar Nahen. Sie zeigt sich darin, dass viele Menschen, wenn man sie ehrlich fragt, ihren Zustand nicht als befreit, sondern als getrieben beschreiben. Was als Befreiung vom alten Rhythmus angefangen hatte, ist über die Zeit zu einer Bedrängnis geworden, der man nicht mehr entkommt. Wer einmal aus dem Rhythmus gefallen ist, findet ihn ohne fremde Hilfe schwer zurück.
In genau diese Welt tritt nun, ohne dass es jemand geplant hätte, eine technische Erfindung, die in ihrer Architektur eine eigene zeitliche Rhythmik trägt. Bitcoin hat in seinem Protokoll Rhythmen eingebaut, die in keinem anderen Geldsystem in dieser Form existieren. Sie sind nicht eine Begleiterscheinung der Technik, sondern wesentlich für ihre Funktion. Und sie haben eine erstaunliche Resonanz mit dem, was die Menschheit in ihren alten Sabbat-Traditionen über die Würde des Rhythmus gewusst hat.
Der erste Rhythmus ist der Rhythmus des Blocks. Im Durchschnitt alle zehn Minuten findet das Netzwerk einen neuen Block und fügt ihn der Kette hinzu. Diese zehn Minuten sind keine Erfindung, die jemand sich ausgedacht hat, um eine schöne Zahl zu haben. Sie sind ein Kompromiss zwischen verschiedenen technischen Notwendigkeiten. Sie müssen lang genug sein, damit ein neuer Block sich über das ganze weltweite Netzwerk verbreiten kann, bevor der nächste gefunden wird, und kurz genug, damit Transaktionen in vernünftiger Zeit bestätigt werden. Was aus diesem Kompromiss entstanden ist, ist ein gleichmäßiges Atmen. Tag und Nacht, in jedem Land der Welt, ohne Unterbrechung seit dem Genesis Block im Januar 2009. Wer einen Bitcoin-Knoten betreibt, sieht das. Alle zehn Minuten kommt ein neuer Block. Die Zeit der Kette ist nicht zufällig. Sie ist ein Puls, der seit über sechzehn Jahren gleichmäßig schlägt.
Der zweite Rhythmus ist die Difficulty-Anpassung. Alle 2016 Blöcke, also ungefähr alle zwei Wochen, passt sich der Schwierigkeitsgrad des Minings an die in dieser Zeit eingesetzte Rechenleistung an. Wenn mehr Maschinen ans Netz gegangen sind, wird die Aufgabe schwieriger, damit der Zehn-Minuten-Rhythmus erhalten bleibt. Wenn Maschinen weggefallen sind, wird sie leichter. Diese Anpassung geschieht ohne menschliche Entscheidung, ohne Sitzung einer Zentralbank, ohne Beschluss eines Gremiums. Sie ist im Protokoll vorgesehen und vollzieht sich von selbst. Ungefähr zweiwöchentlich, in einem Rhythmus, der erstaunlich nahe an der biblischen Vierzehn-Tage-Struktur liegt, die im Schabbat selbst und in vielen weiteren jüdischen Festen aufscheint, atmet das System sich in eine neue Schwierigkeit hinein. Das ist nicht beabsichtigt im religiösen Sinne. Es ist aber bemerkenswert, dass eine technische Konstruktion sich in zeitlichen Größenordnungen bewegt, die dem menschlichen Leben so vertraut sind.
Der dritte Rhythmus ist der bekannteste und wahrscheinlich auch der schönste. Das Halving. Alle 210.000 Blöcke halbiert sich die Belohnung, die ein Miner für die Erzeugung eines Blocks erhält. In der Praxis entspricht das ungefähr vier Jahren. Im November 2012 fand das erste Halving statt, im Juli 2016 das zweite, im Mai 2020 das dritte, im April 2024 das vierte. Wer das letzte Halving 2024 als Bitcoiner erlebt hat, kennt eine Atmosphäre, die in der Bitcoin-Gemeinschaft im Lauf der Jahre eine eigene Würde bekommen hat. Es gibt im Vorfeld eine wachsende Erwartung. Foren, Podcasts, Social-Media-Kanäle füllen sich mit Diskussionen. In den letzten Tagen vor dem Halving herrscht eine Art Aufmerksamkeit, die schwer zu beschreiben ist. Es ist nicht Aufregung im üblichen Sinne. Es ist eher die Konzentration vor einem Ritual, von dem man weiß, dass es genau zu einem bestimmten Block-Zeitpunkt stattfinden wird, und dass nichts es verschieben oder verhindern kann. Wenn es dann da ist, gibt es kein zentrales Ereignis. Es gibt nur einen Block, der gefunden wird, und ab diesem Block ist die Belohnung halbiert. Eine ganze Wirtschaftsstruktur hat sich an diesem Punkt verschoben, ohne dass jemand sie verschoben hätte.
Was an diesem Halving so eindrücklich ist, ist die Tatsache, dass es absolut verlässlich kommt. Es ist seit dem Genesis Block in das Protokoll eingewoben. Niemand kann es vorziehen, niemand kann es verschieben, niemand kann es abschaffen. Es ist eine Form von Zeit, die nicht verhandelbar ist. In einer Welt, in der so viele andere Strukturen wackelig geworden sind, hat Bitcoin etwas, woran man sich verlässlich orientieren kann. Es ist nicht zufällig, dass Bitcoiner anfangen, in Halving-Zyklen zu denken, in Vier-Jahres-Zeiträumen, in denen sich die Welt jeweils noch einmal weiterentwickeln wird. Die Halvings strukturieren das Bitcoin-Leben so, wie der Schabbat das jüdische Leben strukturiert hat, und der Sonntag das christliche. Nicht im gleichen Sinne, und in einem viel weniger umfassenden Maß. Aber als Marker einer regelmäßigen Wiederkehr, die der Zeit eine Form gibt.
Diese drei Rhythmen zusammen, der Zehn-Minuten-Puls des Blocks, die zweiwöchentliche Atmung der Difficulty, das vierjährige Halving, ergeben eine zeitliche Struktur, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Sie ergeben einen Lebensrhythmus, in dem ein Bitcoiner sich bewegen kann, und der ihm hilft, sein eigenes Tun und Lassen anders zu sortieren. Wer in solchen Rhythmen denkt, hat einen längeren Horizont. Er fragt nicht, was nächste Woche an der Börse passiert. Er fragt, was beim nächsten Halving sein wird. Er fragt, was in einem Jahrzehnt sein wird. Er denkt in Zeiträumen, in denen die kurzfristigen Schwankungen klein erscheinen und das eigentlich Wesentliche groß bleibt.
Damit kommen wir zu dem, was die Tradition als niedrige Zeitpräferenz beschrieben hat. Wir haben den Begriff in mehreren Kapiteln dieses Buches schon verwendet, zuletzt am Beispiel meiner Großmutter mit dem kleinen Kiosk. Die niedrige Zeitpräferenz ist die Bereitschaft, heute auf einen Genuss zu verzichten, um morgen oder übermorgen einen größeren Wert zu haben. Sie ist die Voraussetzung für Sparen, für Investieren, für die Erziehung von Kindern, für das Bauen eines Hauses, für jede Form von Aufbau, die länger als einen Augenblick dauert. Sie ist gewissermaßen die ökonomische Übersetzung dessen, was das dritte Gebot in spiritueller Form fordert. Wer den Tag der Ruhe heiligt, der nimmt sich heute Zeit, in der er nicht produziert, und stellt dafür sicher, dass er morgen produktiv bleiben kann. Wer auf einen heutigen Konsum verzichtet, der hat morgen mehr. Beides hat dieselbe innere Logik. Beides ist die Anerkennung der Tatsache, dass die Zeit nicht nur Verlust ist, sondern auch Geschenk, wenn man sie richtig behandelt.
Geld, das im Wert verliert, untergräbt beides. Es untergräbt das Sparen, weil das Gesparte morgen weniger wert ist. Und es untergräbt das Innehalten, weil die fortwährende Notwendigkeit, mehr zu verdienen, keine Lücken duldet. Geld, das seinen Wert behält, stützt beides. Es macht Sparen wieder zur ökonomisch klugen Entscheidung. Und es gibt den Menschen die Möglichkeit, sich Pausen zu leisten, weil sie wissen, dass das Erarbeitete nicht in der Pause vergeht.
In dieser Hinsicht ist Bitcoin nicht nur eine technische Antwort auf eine ökonomische Frage. Es ist auch eine Einladung, mit der Zeit anders umzugehen. Wer Bitcoin in sein Leben einbaut, der lernt, in längeren Zeiträumen zu denken. Er lernt, nicht jeden Tag auf den Kurs zu schauen. Er lernt, nicht aus jeder Schwankung eine Reaktion abzuleiten. Er lernt, dass der Wert dessen, was er hält, in vier oder acht oder zwölf Jahren beurteilt werden will, nicht in vier oder acht Stunden. Das ist eine Erziehung, die im Kleinen geschieht und die im Großen Folgen hat. Sie verändert nicht nur den Umgang mit Geld. Sie verändert den Umgang mit Zeit.
Wer das einmal verstanden hat, beginnt zu sehen, was die Tradition über den heiligen Tag wirklich gewusst hat. Es geht nicht um eine willkürliche religiöse Vorschrift. Es geht um eine Einsicht in das, was menschliches Leben tragen kann und was es zerreibt. Eine Zeit, die nur aus Aufgaben besteht, ist eine Zeit, in der ein Mensch nicht ganz da sein kann. Eine Zeit, in der regelmäßig innegehalten wird, ist eine Zeit, in der ein Mensch sich selbst und seine Beziehungen zu den anderen sehen kann. Welche Form dieses Innehalten hat, ob es der Schabbat ist, der Sonntag, der Freitag, der Uposatha, oder das ruhige Wahrnehmen eines Halvings im Vier-Jahres-Rhythmus, ist weniger wichtig als die Tatsache des Innehaltens selbst. Was zählt, ist, dass die Zeit eine Struktur bekommt, die nicht ich selbst ihr aufzwinge, sondern die größer ist als ich und die mich in sich aufnimmt.
Damit endet dieses Kapitel mit einer Beobachtung, die in das nächste hinüberreicht. Der Rhythmus, von dem hier die Rede war, ist nicht nur ein Rhythmus der Woche oder des Vierjahres-Zyklus. Er ist auch ein Rhythmus der Generationen. Wer in längeren Zeiträumen denkt, denkt nicht nur an die nächste Woche und auch nicht nur an das nächste Halving, sondern an die Generation, die nach ihm kommen wird, und an die, die vor ihm war. Er sieht sich nicht mehr als isoliertes Ich in einem einzigen Lebensabschnitt, sondern als Glied in einer langen Kette, deren Anfang vor ihm liegt und deren Ende nach ihm.