Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin

Kapitel 19

Du sollst nicht töten


Es gibt Gebote, die man nicht erklären muss. Du sollst nicht töten. Jeder Mensch, der dieses Wort hört, versteht sofort, was es bedeutet, und jeder versteht, warum es da steht. Das Leben ist das, was wir nicht zurückgeben können, wenn wir es genommen haben. Es ist die unteilbare Grundlage jeder menschlichen Existenz, das, worauf alles andere aufbaut, und das, ohne das nichts anderes mehr eine Bedeutung hat. Wer tötet, zerstört nicht eine Sache. Er löscht eine Welt aus, die in keinem anderen Menschen jemals genau so wiederkehrt. Er nimmt einer Familie das Kind, einem Kind die Mutter, einer Gemeinschaft den Nachbarn, und er macht alles, was dieser Mensch noch geworden wäre, ungeschehen, bevor es geschehen konnte.

Aus diesem Grund steht das fünfte Gebot in jeder kulturellen und religiösen Tradition, in der über das Zusammenleben der Menschen nachgedacht wurde. Es ist die universellste aller Regeln, weil keine Gesellschaft ohne diese Regel über lange Zeit bestehen kann. Eine Gemeinschaft, in der das Töten erlaubt oder geduldet ist, ist keine Gemeinschaft mehr, sondern eine Ansammlung einzelner Wesen, die einander in Schach halten. Das fünfte Gebot ist die Bedingung, ohne die alles weitere zusammenbricht. Es ist nicht zufällig das erste der Gebote, die sich auf das konkrete Handeln zwischen Menschen beziehen.

Es ist auch das Gebot, bei dem die Verbindung zu Bitcoin am leisesten ist, und an dieser Stelle muss ich offen sagen, was Bitcoin nicht ist. Bitcoin schützt kein Leben in dem direkten Sinn, in dem das fünfte Gebot vom Schutz des Lebens spricht. Bitcoin tötet niemanden, aber Bitcoin verhindert auch nicht direkt, dass jemand tötet. Es wäre falsch und auch geschmacklos, das fünfte Gebot zum Vehikel zu machen, mit dem man Bitcoin ein zusätzliches Verdienst zuschreibt. Was wir aber tun können, ist eine Beobachtung über das gegenwärtige Geldsystem zu machen, die in den Schriften vieler kluger Autoren seit über hundert Jahren steht und die mit dem fünften Gebot in einer indirekten, aber sehr ernst zu nehmenden Weise verbunden ist. Diese Beobachtung lautet, dass die Möglichkeit, Geld aus dem Nichts zu schaffen, mit der Möglichkeit verbunden ist, Kriege länger und blutiger zu führen, als sie ohne diese Möglichkeit jemals geführt werden könnten.

Diese Behauptung ist keine ideologische Aussage. Sie ist eine historische Beobachtung, die sich an einem konkreten Datum besonders deutlich zeigt. Am 4. August 1914 erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Bereits am 1. August war die Bank of England durch eine Vereinbarung mit dem Schatzamt faktisch von der Goldeinlösungspflicht entbunden worden. Am 6. August 1914, nur zwei Tage nach der Kriegserklärung, verabschiedete das britische Parlament dann den Currency and Bank Notes Act, mit dem die Aussetzung der Goldkonvertibilität gesetzlich verankert wurde. Es war die offizielle Aussetzung des Goldstandards, mit der ausdrücklichen Erwartung, dass sie nach dem Krieg wieder zurückgenommen würde. Tatsächlich wurde sie nicht zurückgenommen, sondern in Anpassungen und Veränderungen über mehr als ein Jahrzehnt fortgesetzt, bis 1931 Großbritannien den Goldstandard endgültig verließ. Was an diesen wenigen Tagen im August 1914 sichtbar wurde, war eine einfache Wahrheit. Ein moderner Krieg ist mit einem Geld, das an Gold gebunden ist, nicht zu führen. Wer einen solchen Krieg führen will, muss zuerst das Geld von der Disziplin der Knappheit befreien, in der es sich vorher bewährt hatte.

Was in Großbritannien geschah, geschah in vergleichbarer Form in allen großen Kriegsparteien. Deutschland hatte schon vor dem Krieg, im Bankgesetz von 1909, die Notentauschpflicht in einer Weise vorbereitet, die in der Mobilmachung dann sofort aufgegeben werden konnte. Die deutsche Geldmenge wuchs während des Krieges um fast sechshundert Prozent. Die britische Geldbasis verdoppelte sich. Die französische Geldmenge stieg ebenfalls dramatisch. In allen Fällen wurde die Notenpresse zu einem Hauptinstrument der Kriegsfinanzierung, und in allen Fällen folgte nach dem Krieg eine Periode von Inflation, in einigen Ländern in den zwanziger Jahren eskaliert bis zu Hyperinflation. Deutschlands große Geldwertkatastrophe von 1923, bei der ein Brot am Ende Milliarden Mark kostete, war keine Naturkatastrophe. Sie war die unausweichliche Folge der vier Kriegsjahre, in denen die Notenpresse das gewesen war, was die Goldbindung vorher gewesen war. Der Knappheitsgeber des Systems.

Was diese Beobachtung in ihrer Tiefe zeigt, ist nicht eine technische Frage der Kriegsfinanzierung. Es ist eine zivilisatorische Frage. Solange ein Krieg nur mit dem geführt werden kann, was eine Gesellschaft tatsächlich an Werten besitzt, ist seine Dauer begrenzt. Wenn das Geld verbraucht ist, muss der Krieg enden, sei es durch einen Friedensschluss, sei es durch eine Niederlage. Es gibt eine natürliche Grenze, die das System der Realwirtschaft jedem Konflikt setzt. Sobald aber die Möglichkeit besteht, Geld aus dem Nichts zu schaffen, fällt diese Grenze weg. Der Krieg kann fortgeführt werden, lange nachdem die ehrlichen Ressourcen einer Gesellschaft verbraucht sind. Was scheinbar weiter finanziert werden kann, geht in Wirklichkeit auf Rechnung der Zukunft. Aber auf einer Rechnung, die niemand sieht, weil sie nicht in den Büchern dieses Krieges steht, sondern in den Geldwerten der nächsten Jahre und Jahrzehnte.

Verschiedene Autoren der Österreichischen Schule, von Ludwig von Mises über Friedrich von Hayek bis zu späteren Vertretern wie Murray Rothbard, haben diese Verbindung zwischen Notenpresse und Krieg in ihren Schriften wiederholt beschrieben. Niall Ferguson, ein Historiker, der sich intensiv mit der Finanzierung des Ersten Weltkriegs beschäftigt hat, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Hans-Hermann Hoppe hat den Zusammenhang in seinem Werk Democracy. The God That Failed unter dem Stichwort der demokratischen Kriegsneigung systematisch ausgearbeitet. Was sie alle, mit unterschiedlichen Akzenten, sagen, lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Ein Geldsystem, in dem die Stelle, die das Geld druckt, ohne Rücksprache mit den Bürgern die Geldmenge ausweiten kann, ist ein Geldsystem, das die natürliche Grenze des Krieges aufhebt. Es ist nicht so, dass dieses System Krieg verursacht. Es ist so, dass es Kriege länger werden lässt, blutiger werden lässt, zerstörerischer werden lässt, weil ihm die selbstkorrigierende Bremse fehlt, die ein knappes Geld einem Krieg gibt.

Wer einmal verstanden hat, wie ein moderner Krieg finanziert wird, kann das nicht mehr aus dem Blick verlieren. Die Anleihen, die in den Weltkriegen ausgegeben wurden, wurden in Geld bezahlt, das während des Krieges immer mehr wurde, sodass die Anleihegläubiger am Ende einen Bruchteil dessen zurückbekamen, was sie eingelegt hatten. Die Steuern, die erhoben wurden, reichten nie für die Kriegskosten. Die Differenz wurde durch Geldschöpfung gedeckt, sei es direkt durch die Zentralbank, sei es indirekt durch die Banken, die die Staatsanleihen aufnahmen und mit neu geschaffenem Geld bezahlten. Diese Geldschöpfung war es, die den Krieg verlängerte. Sie war auch das, was nach dem Krieg in der Inflation und in der Hyperinflation der zwanziger Jahre das Vermögen der breiten Bevölkerung in Deutschland und in anderen Ländern auslöschte. Wer 1914 ein bürgerliches Vermögen gehabt hatte, hatte 1923 nichts mehr. Was die Kriegsanleihen versprochen hatten, war eine Erinnerung an einen Wert, der nicht mehr existierte.

An dieser Stelle möchte ich eine Beobachtung anschließen, die das fünfte Gebot in eine erweiterte Bedeutung führt, ohne es abzuschwächen. Das fünfte Gebot schützt das physische, biologische Leben. Es bleibt in seiner unverhandelbaren Grundbedeutung das Verbot, einem Menschen das Leben zu nehmen. Es gibt aber Formen der Lebensbeeinträchtigung, die nicht das biologische Leben treffen, aber sehr wohl die Möglichkeit, dieses Leben zu führen. Wer in einer Gesellschaft aufwächst, in der das Geld nicht trägt, in der die Hoffnung auf eine eigene Familie, ein eigenes Haus, einen eigenen Beruf, eine eigene Zukunft zunehmend unerreichbar erscheint, dem wird etwas genommen, das zwar nicht sein Leben ist, aber sein Lebensentwurf. Eine ganze Generation, die ihre Möglichkeiten beschnitten sieht, weil das Geldsystem ihre Anstrengungen entwertet, lebt in einer Form, die mit dem Leben älterer Generationen, die diese Hoffnungen noch erfüllen konnten, nicht mehr vergleichbar ist.

Ich sage das vorsichtig, weil ich das fünfte Gebot nicht relativieren will. Es schützt das Leben in seiner biologischen Substanz, und nichts anderes hat denselben absoluten Rang. Aber wenn wir das fünfte Gebot in seiner ganzen Tiefe verstehen möchten, müssen wir auch die Linien sehen, die von ihm in andere Bereiche des Lebens reichen. Wer das physische Leben respektiert, respektiert auch die Möglichkeit, dass dieses Leben sich entfalten kann. Wer es einem Menschen unmöglich macht, sich selbst zu erhalten, eine Familie zu gründen, Verantwortung zu tragen, hat ihn zwar nicht getötet, aber er hat ihm einen Teil dessen genommen, was Leben überhaupt bedeutet. Diese Beobachtung ist nicht neu. Sie steht in einer langen Tradition christlicher und säkularer Sozialethik. Sie wird hier nur in einen Zusammenhang gestellt, den die Geldfrage in unserer Zeit notwendig macht.

Was bedeutet das nun für Bitcoin? Es bedeutet eines, und auch nur eines. Bitcoin ist das erste Geld, das eine Stelle, die es ausgibt, nicht hat. Es gibt keine Notenbank, die die Geldmenge ausweiten kann. Es gibt keine Regierung, die die Notenpresse anwerfen kann, um einen Krieg zu finanzieren. Es gibt keinen Mechanismus, mit dem die Kosten eines politischen Projekts auf die Bevölkerung umverteilt werden können, ohne dass diese sie als Steuer ausdrücklich genehmigt hätte. Die 21 Millionen Bitcoin, die je existieren werden, sind nicht vermehrbar, egal welcher Krieg geführt werden müsste. Das ist eine sehr bescheidene Eigenschaft. Sie verhindert keinen Krieg, weil Kriege auf vielen anderen Wegen geführt werden können. Sie verändert aber etwas an der Logik der Kriegsfinanzierung, das in den letzten hundert Jahren das Wesen der Konflikte mit verändert hat.

Es wäre falsch, daraus zu schließen, dass eine Welt mit Bitcoin eine Welt ohne Krieg wäre. Solche Erlösungserwartungen sind unangebracht, und sie sind auch theologisch problematisch, wie wir in Kapitel 16 schon gesehen haben. Bitcoin ist kein Erlöser, und Bitcoin schafft den Menschen nicht ab, wie er ist. Was Bitcoin tut, ist, eine bestimmte technische Möglichkeit zu beenden, die in den letzten hundert Jahren genutzt worden ist, um Konflikte mit Mitteln zu führen, die die ehrliche Wirtschaft einer Gesellschaft nicht aufgebracht hätte. Was nach diesem Ende kommt, hängt vom Menschen ab, nicht vom Geld. Ein Mensch, der töten will, wird Wege finden zu töten, auch mit knappem Geld. Aber er wird es nicht in dem Umfang können, wie es ihm das gegenwärtige Geldsystem ermöglicht. Diese Differenz mag dem Einzelnen klein erscheinen. In ihrer Auswirkung über ganze Generationen und über die Welt hinweg ist sie nicht klein.

Wir können das fünfte Gebot also nicht direkt durch Bitcoin schützen. Was wir tun können, ist, einen Beitrag dazu zu leisten, dass eine der Bedingungen, unter denen das Töten im großen Maßstab in den letzten hundert Jahren möglich geworden ist, weniger leicht zur Verfügung steht. Es ist eine sehr indirekte Verbindung, und sie ersetzt nicht die ethische und politische Arbeit, die das fünfte Gebot in jeder Generation neu verlangt. Aber sie ist eine Verbindung, die zu nennen sich lohnt, weil sie zeigt, wie tief die Frage des Geldes in die Frage des menschlichen Zusammenlebens hineinreicht.

Damit kommen wir zu einer Beobachtung, die das Kapitel zum nächsten hinüberführt. Das Leben wird nicht nur durch physische Gewalt bedroht. Es wird auch durch eine langsamere Form der Schädigung bedroht, die das eigentliche Lebensfundament der Menschen über die Zeit verzehrt. Wenn das, was eine Generation aufgebaut hat, in der nächsten Generation systematisch entwertet wird, wenn der Sparer bestraft und der Spekulant belohnt wird, wenn die ehrliche Arbeit nicht mehr trägt und die Schuldenwirtschaft prämiert wird, dann findet eine Form von Wertentnahme statt, die niemand sichtbar vornimmt und an der trotzdem alle leiden. Diese Form der Wertentnahme hat einen Namen, den die Tradition mit großer Klarheit benannt hat. Sie heißt Diebstahl. Das siebte Gebot, dem das nächste Kapitel gewidmet ist, hat in seinem Spiegel auf Bitcoin die schärfste Bedeutung der ganzen Reihe.

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