Teil I - Der Riss

Kapitel 2

Die leise Irritation


Zweifel beginnen selten mit einer Erkenntnis. Sie beginnen mit einer Beobachtung, die nicht in die übrige Erfahrung passt. Etwas funktioniert nicht so, wie es eigentlich funktionieren sollte. Man erklärt es sich. Eine Ausnahme, eine Sondersituation, ein vorübergehender Effekt. Dann fällt das Nächste auf. Auch das erklärt man sich. Und irgendwann, ohne dass ein bestimmter Tag der entscheidende wäre, merkt man, dass die Erklärungen mehr Energie kosten als die Beobachtungen selbst. Dass es vielleicht nicht die Welt ist, die hier eine seltsame Form angenommen hat, sondern das Bild, durch das man sie betrachtet.

Bei mir kam dieses Gefühl nicht aus einem dramatischen Anlass. Es kam aus einem Buch.

2019 fiel mir Der Bitcoin-Standard von Saifedean Ammous in die Finger. Ich hatte schon drei Jahre zuvor angefangen, mich mit Bitcoin zu beschäftigen, zunächst technisch, dann praktisch. Hardware, Wallets, das Grundgerüst. Mit Geldtheorie hatte ich bis dahin wenig zu tun. Geld war für mich, wie für die meisten Menschen, ein Werkzeug, das man verwendet, ohne es weiter zu hinterfragen. Es war einfach da, es funktionierte, und es musste deshalb in Ordnung sein.

Ammous beschreibt im Buch Der Bitcoin-Standard die Geschichte des Geldes, beginnend bei den frühen Tauschmitteln, über Muscheln und Steine, über die Rolle des Goldes, bis hin zu modernen Papierwährungen. Es ist eine ruhige, klare Darstellung, die keine Aufgeregtheit braucht, weil die Fakten für sich sprechen. Was ich damals zum ersten Mal verstand, war eine sehr einfache Frage, die ich vorher nie ernsthaft gestellt hatte. Was ist Geld eigentlich, wie entsteht es, und was passiert mit seinem Wert über die Zeit? Sobald man diese Frage einmal gestellt hat und ehrlich nach den Antworten sucht, geht man nicht mehr zurück. Man kann es nicht mehr ungeschehen machen. Es ist, wie wenn man ein bestimmtes Muster in einer Tapete entdeckt hat, das man vorher übersehen hatte. Danach sieht man es jedes Mal, wenn man den Raum betritt.

Aus diesem Buch wurde ein Pfad. Ein Buch führte zum nächsten. Ein Vortrag führte zu einer Quelle, die wiederum zu zwei weiteren führte. Ich begann zu lesen, was die ökonomische Mainstream-Lehre dazu sagt, und ich begann zu lesen, was die sogenannte Österreichische Schule dazu sagt. Ich verglich, ich prüfte, ich fragte nach. Das gehörte zu meiner ganzen Arbeitsweise. Wenn ich etwas nicht verstehe, dann höre ich nicht auf, bis ich es verstanden habe. Wenn jemand etwas behauptet, dann will ich die Datengrundlage sehen. Wenn zwei Quellen sich widersprechen, dann interessiert mich, woher der Widerspruch kommt. Über neun Jahre habe ich diese Art zu prüfen praktisch jeden Tag fortgesetzt. Es gibt vermutlich wenige relevante Veröffentlichungen zum Thema, die ich nicht zur Kenntnis genommen habe. Ich sage das nicht, um damit anzugeben, sondern weil es für das, was folgt, wichtig ist. Was ich gleich beschreiben werde, ist nicht aus einer Laune entstanden. Es ist das Ergebnis einer langen Beschäftigung.

Eine der früheren konkreten Beobachtungen, die etwas in mir verschoben haben, kam durch ein Video von Roman Reher, dem Blocktrainer. Er berichtete über das Jahr 1971, über die Aufhebung der Bindung des US-Dollars an Gold durch Präsident Nixon, und über die langfristigen Folgen dieser Entscheidung. Das war Stoff, der in der deutschen Schulausbildung praktisch nicht vorkommt. Man lernt etwas über den Versailler Vertrag, etwas über das Wirtschaftswunder, vielleicht etwas über den Euro. Aber dass im August 1971 die letzte verbliebene Bindung einer großen Währung an einen physischen, knappen Rohstoff aufgehoben wurde, und dass mit dieser Aufhebung eine neue Welt begann, das taucht in keinem Lehrplan auf.

Wenn man sich aber die Daten ansieht, was nach 1971 geschehen ist, dann beginnt etwas zu schwingen, das vorher still war.

Die Geldmenge in den Vereinigten Staaten, gemessen am Aggregat M2, ist seit 1971 nicht moderat gewachsen, sondern um mehr als das Dreißigfache. Der Goldpreis ist im selben Zeitraum um mehr als das Fünfzigfache gestiegen, was zu einem großen Teil daran liegt, dass es nicht das Gold ist, das wertvoller wurde, sondern die Währungen, die in ihm gemessen werden, an Wert verloren haben. Die Konsumgüterpreise sind seither um ungefähr das Zehnfache gestiegen. Vor 1971 hatte sich das Preisniveau über lange Zeiträume in einem schmalen Korridor bewegt. Nach 1971 begann eine ununterbrochene Bewegung nach oben, die bis heute anhält.

Das alles wäre eine reine Geschichte über Zahlen, wenn diese Zahlen nicht in jedes Leben hineinwirken würden. Sie wirken aber in jedes Leben hinein. Wer einen Lohn bezieht, wer eine Miete zahlt, wer für die Familie einkauft, wer eine Wohnung kaufen möchte, wer für das Alter spart, ist von diesen Veränderungen unmittelbar betroffen. Nur merkt man es nicht in einem einzelnen Moment, sondern über lange Zeiträume und auf eine Weise, die schwer zu greifen ist.

An einer Stelle ist es mir besonders deutlich geworden. Es ging um die Kaufkraft des US-Dollars über hundert Jahre. Eine einzelne Grafik, die zeigt, was ein Dollar von vor hundert Jahren heute noch wert ist. Das Ergebnis liegt im einstelligen Cent-Bereich. Ein Verlust von über fünfundneunzig Prozent. Diese Grafik ist nicht versteckt, sie ist öffentlich zugänglich, jeder kann sie sich ansehen. Trotzdem hatte ich vor meiner Beschäftigung mit diesen Fragen nie eine solche Darstellung in der Hand gehabt. Niemand hatte mir das in der Schule gezeigt. Niemand in der Bank, bei der ich seit Jahren Kunde war. Niemand, der mir je Anlagetipps gegeben hatte. Es war eine völlig öffentliche Information, die im Privatbewusstsein praktisch nicht existierte.

Ein paar Jahre später, als die Pandemie kam und die Notenbanken in einem bis dahin nicht gekannten Tempo neues Geld in den Kreislauf brachten, sah man dasselbe Muster in einer beschleunigten Form. Zwischen 2020 und etwa 2025 verloren die Bürger in den großen Währungsräumen je nach Berechnung dreißig bis vierzig Prozent ihrer Kaufkraft. Das ist kein abstrakter Vorgang. Das bedeutet, dass jemand, der zu Beginn dieser Phase ein bestimmtes Vermögen hatte, am Ende dieser Phase, gemessen an dem, was er sich davon kaufen kann, ein deutlich kleineres Vermögen hatte. Ohne dass ihm jemand ins Konto gegriffen hätte. Ohne dass eine sichtbare Steuer erhoben worden wäre. Die Zahl auf dem Auszug war womöglich gleich oder sogar höher. Aber das, was diese Zahl wirklich bedeutete, war eine andere geworden.

Das ist der Punkt, an dem die leise Irritation laut wird. Wenn man einmal verstanden hat, dass dieser Vorgang real ist, und dass er nicht eine Ausnahme darstellt, sondern das normale Funktionieren des Systems, dann kann man nicht mehr so tun, als sei alles in Ordnung. Man kann sich noch entscheiden, nichts daran zu ändern. Man kann sich entscheiden, weiter Geld auf das Sparbuch zu legen, weil es einem so beigebracht wurde und weil die Alternativen anstrengend erscheinen. Aber man kann nicht mehr ehrlich behaupten, dass man es nicht gewusst hätte.

Diese Erkenntnis hat eine merkwürdige Eigenschaft. Sie erleichtert nicht, sie macht zunächst einsam. Man steht damit oft allein. Man bringt sie in Gespräche ein, in der Familie, im Geschäft, mit Freunden, und stellt fest, dass das selbstverständliche Weltbild stärker ist als die Argumente. Man rechnet Zahlen vor, und das Gegenüber lächelt freundlich, weil es nicht weiß, wohin mit dem, was man da gerade gesagt hat. Es passt nicht in den Kram. Es muss falsch sein, oder es muss übertrieben sein, oder es muss zumindest nicht so wichtig sein, wie man es darstellt. Sonst hätte ja jemand etwas dazu gesagt. Sonst stünde es ja in der Zeitung. Sonst hätten die Eltern, die Lehrer, die Bank davon erzählt.

Ich habe in diesen Jahren oft an einen Satz gedacht, den ich nicht zitieren werde, weil er von mir selbst stammt und weil er ein wenig hart klingt. Aber er bringt etwas auf den Punkt, was ich aus vielen Gesprächen mitgenommen habe. Wer zum ersten Mal versteht, was Inflation in einem Fiat-System wirklich ist, der versteht in derselben Sekunde, dass die meisten Menschen es nicht wissen, dass sie es nicht wissen wollen, und dass derjenige, der davon spricht, eine soziale Zumutung darstellt. Genau deshalb spricht kaum jemand laut darüber. Es ist nicht angenehm. Es macht Stimmung. Es passt nicht zum Kaffeetrinken am Sonntagnachmittag.

Aber gerade weil es so ist, gerade weil das selbstverständliche Weltbild diese Tatsachen draußen hält, sind sie wichtig. Was im allgemeinen Bewusstsein nicht vorkommt, wirkt nicht weniger. Es wirkt nur unsichtbar. Und unsichtbare Wirkungen sind in der Regel die mächtigeren.

Ich möchte hier nicht abreißen, ohne einen wichtigen Punkt anzumerken. Wer auf solche Beobachtungen stößt, hat die Wahl, was er aus ihnen macht. Die eine Möglichkeit ist, in eine Art Empörung zu geraten und das ganze System als Verschwörung zu deuten, in der eine kleine Gruppe von Menschen den Rest betrügt. Das ist nicht der Weg, den dieses Buch beschreibt. Es gibt sicher Akteure, die von der Geldmengenausweitung mehr profitieren als andere. Es gibt einen Effekt, den der irische Ökonom Richard Cantillon schon im achtzehnten Jahrhundert beschrieben hat und den wir später noch ausführlich betrachten werden. Aber das System als Ganzes ist nicht das Ergebnis eines Plans, der irgendwo in einem dunklen Raum geschmiedet wird. Es ist das Ergebnis einer langen Kette von Entscheidungen, die jede für sich erklärbar waren und die in ihrer Summe etwas hervorgebracht haben, das niemand in dieser Form gewollt hat. Wer das versteht, kann das System klar sehen, ohne in eine moralische Anklage zu geraten. Und nur wer es klar sehen kann, hat überhaupt die Chance, es zu verstehen.

Die leise Irritation, mit der dieses Kapitel begonnen hat, hat damit eine erste Gestalt angenommen. Sie hat einen Namen bekommen. Sie hat Zahlen bekommen. Sie hat ein Datum bekommen, hinter das man nicht mehr zurück kann. 1971.

Was sie noch nicht hat, ist eine Antwort. Wenn das vertraute Geld nicht hält, was es zu sein vorgibt, was hält dann? Wenn die Zahlen auf dem Konto über Jahrzehnte ihren Wert verlieren, gibt es etwas, das diese Eigenschaft nicht hat? Etwas, das nicht von einer Stelle ausgeweitet werden kann, deren Interessen nicht meine sind?

Auf diese Frage gibt es eine Antwort, und sie ist ungewöhnlich. Sie kommt nicht aus der Ökonomie, sie kommt nicht aus der Politik, sie kommt aus einer Welt, die im selbstverständlichen Weltbild gar nicht vorgesehen war. Sie kommt aus der Begegnung eines kleinen, technisch interessierten Kreises mit einem Protokoll, das zum ersten Mal in der Geschichte etwas leisten konnte, das vorher nicht möglich gewesen war. Eine echte Knappheit in einer rein digitalen Welt.

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