Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin
Kapitel 20
Du sollst nicht stehlen
Das siebte Gebot der römisch-katholischen Zählung lautet, du sollst nicht stehlen. Es ist eines der kürzesten Gebote überhaupt, und doch ist es eines der wirkungsmächtigsten. Es schützt etwas, ohne das menschliches Leben in einer Gemeinschaft nicht möglich ist. Eigentum. Das, was einem Menschen zusteht, weil er es erarbeitet, ererbt, ehrlich erworben oder ehrlich geschaffen hat, und das ihm nicht ohne seinen Willen genommen werden darf. Ohne dieses Gebot, oder genauer, ohne die Wirklichkeit, die dieses Gebot schützt, gibt es keine Wirtschaft, keine Familie, keine Verantwortung, keine Vorsorge, keinen Aufbau über die eigene Lebenszeit hinaus. Es ist eines der Gebote, an denen die ganze Zivilisation hängt, und sein Verlust in einer Gesellschaft ist ihr Verlust schlechthin.
Was ist Eigentum? Die Frage klingt einfach, und doch hat die Menschheit sehr lange gebraucht, um sie sauber zu beantworten. Im Alltag wissen wir intuitiv, was Eigentum ist. Was uns gehört, gehört uns. Wir können damit machen, was wir wollen. Wir können es behalten, verschenken, verkaufen, vernichten, aufbewahren, verwenden, weitergeben. Wer es uns wegnehmen will, ohne dass wir es ihm überlassen, handelt unrecht. So weit ist das jedem Kind verständlich. Die intellektuelle Geschichte des Eigentumsbegriffs zeigt aber, dass hinter dieser einfachen Intuition eine sehr tiefe Wahrheit steht, die im Lauf der Jahrhunderte immer klarer herausgearbeitet worden ist.
Aristoteles, der griechische Philosoph des vierten Jahrhunderts vor Christus, hat in seiner Politik das Privateigentum verteidigt mit dem Argument, dass das Gemeineigentum in der Praxis dazu führt, dass niemand für das Gemeinsame Sorge trägt. Was allen gehört, wird von niemandem gepflegt. Was einem Einzelnen gehört, wird von ihm gepflegt, weil er ein direktes Interesse an seinem Erhalt hat. Diese einfache Beobachtung hat Aristoteles in einer Tiefe entfaltet, die bis heute trägt. Thomas von Aquin, der mittelalterliche Theologe des dreizehnten Jahrhunderts, hat diese aristotelische Linie aufgenommen und mit der christlichen Tradition verbunden. In seiner Summa Theologica argumentiert er, dass das Privateigentum natürliches Recht sei, weil der Mensch ohne es weder seine Pflichten erfüllen noch seine Tugenden entfalten könne. Beide, Aristoteles und von Aquin, sehen Eigentum nicht als einen Selbstzweck, sondern als die materielle Voraussetzung für ein gelungenes Leben.
Die wohl folgenreichste Eigentumsbegründung der westlichen Tradition stammt aber von John Locke, einem englischen Philosophen des siebzehnten Jahrhunderts. Locke argumentiert in seinem Zweiten Traktat über die Regierung, dass das ursprüngliche Eigentum jedes Menschen sein eigener Körper sei. Niemand habe das Recht, über den Körper eines anderen Menschen zu verfügen. Aus diesem Eigentum am eigenen Körper folgt das Eigentum an der Arbeit, denn die Arbeit ist Ausdruck und Tätigkeit des Körpers. Und aus dem Eigentum an der Arbeit folgt das Eigentum an dem, womit man die Arbeit verbindet. Wer ein Stück unbearbeitete Natur findet und es durch seine Arbeit zu etwas macht, ein Feld bestellt, ein Haus baut, ein Werkzeug formt, hat seine eigene Substanz in dieses Stück eingebracht, und es gehört ihm fortan. Dieses Argument ist nicht zufällig zur Grundlage des modernen Eigentumsverständnisses geworden. Es ist intuitiv klar, es ist logisch geschlossen, und es führt aus einer einzelnen unbestreitbaren Voraussetzung, dem Eigentum am eigenen Körper, zu einer ganzen Eigentumsordnung, die rational nachvollziehbar ist.
In der österreichischen Tradition haben Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Murray Rothbard und in jüngerer Zeit Hans-Hermann Hoppe diese Linie weitergeführt und verschärft. Hoppe hat in seinen Schriften gezeigt, dass die Eigentumsfrage nicht nur eine Frage der Ethik ist, sondern eine Frage der Logik selbst. Wer in einem Gespräch mit einem anderen Menschen über Eigentum diskutiert, setzt damit voraus, dass er und der andere ihre eigenen Körper als ihre eigenen verwenden können. Sonst wäre das Gespräch nicht möglich. Damit aber hat er den Eigentumsbegriff schon in Anspruch genommen, bevor er ihn ausdrücklich anerkannt hat. Das ist die sogenannte argumentationsethische Begründung des Eigentums. Sie zeigt, dass jeder, der gegen das Privateigentum argumentiert, sich in einen Selbstwiderspruch verwickelt, weil er das Eigentum schon voraussetzt, das er bestreiten will.
Wir können diese Linie hier nicht in ihrer ganzen Tiefe ausarbeiten. Was wir an ihr ablesen können, ist Folgendes. Eigentum ist nicht eine Einrichtung, die irgendwer irgendwann beschlossen hat und die man morgen ebenso gut auch wieder abschaffen könnte. Eigentum ist eine Bedingung menschlichen Handelns selbst. Wer es bestreitet, bestreitet damit auch die Voraussetzung, ohne die er gar nicht handeln, sprechen, denken könnte. Das siebte Gebot reagiert auf diese Tiefe. Es schützt nicht eine willkürliche Konvention, sondern eine Bedingung, die der Mensch nicht ablegen kann, ohne sich selbst zu widersprechen.
Dietrich Bonhoeffer, von dem wir im vorhergehenden Kapitel ausführlich gesprochen haben, hat diese Eigentumsfrage in einer christlichen Form aufgenommen. Für ihn war das Eigentum die Voraussetzung dafür, dass der einzelne Mensch in dieser Welt seine Verantwortung wahrnehmen kann. Ein Mensch ohne Eigentum ist auf die Gnade dessen angewiesen, der das Eigentum hat. Wenn dieser Eine der Staat ist, dann ist der Einzelne auf die Gnade des Staates angewiesen. Was zunächst wie eine sichere Versorgung aussieht, entpuppt sich auf längere Sicht als die vollständige Abhängigkeit von einer Stelle, die jederzeit anders entscheiden kann. Eine freie Gesellschaft braucht freie Individuen, und freie Individuen brauchen Eigentum. Das ist die Argumentation des Freiburger Bonhoeffer-Kreises, die wir in Kapitel 18 schon kennengelernt haben. Sie ist hier, im Zusammenhang mit dem siebten Gebot, in ihrer ganzen Bedeutung sichtbar.
Wenn wir also wissen, was Eigentum ist und warum das siebte Gebot es schützt, dann können wir die Frage stellen, was eigentlich geschieht, wenn jemand das Eigentum eines anderen nimmt. Im klassischen Sinne ist das Diebstahl. Wer in ein Haus einbricht und etwas mitnimmt, stiehlt. Wer einen anderen täuscht und ihn um sein Geld bringt, betrügt. Wer mit Gewalt nimmt, raubt. Alle diese Formen sind den Gesellschaften seit Jahrtausenden bekannt und werden in jeder Rechtsordnung als Unrecht behandelt. Es gibt aber eine andere Form der Wertentnahme, die in den letzten gut hundert Jahren in einer ungeheuren Größenordnung praktiziert wird und die in den meisten Gesellschaften nicht einmal als Diebstahl bezeichnet wird, obwohl sie in ihrer Wirkung nichts anderes ist. Diese Form heißt Inflation.
Inflation ist im technischen Sinne die Ausweitung der Geldmenge schneller als die Ausweitung der Güter und Dienstleistungen, die mit diesem Geld gekauft werden können. Eine rein ökonomische Definition, die zunächst harmlos klingt. Was aber tatsächlich geschieht, wenn die Geldmenge ausgeweitet wird, ist eine Umverteilung von Kaufkraft. Wer das neue Geld zuerst in die Hand bekommt, kann damit Güter zu den alten Preisen kaufen, denn die Preise haben sich an die neue Geldmenge noch nicht angepasst. Wer das neue Geld erst spät erreicht, sieht zuerst die gestiegenen Preise und bekommt das zusätzliche Geld dann, wenn es bereits an Kaufkraft verloren hat. Wir haben diesen Vorgang in Kapitel 6 als Cantillon-Effekt ausführlich beschrieben.
Was wir damals als ökonomischen Mechanismus beschrieben haben, müssen wir hier ethisch benennen. Es ist eine Form des Wertentzugs, die in ihrer Wirkung dem klassischen Diebstahl entspricht. Was dem einen genommen wird, geht dem anderen zu. Was die einen verlieren, gewinnen die anderen. Die Bilanz ist die einer Umverteilung von denen am Ende der Geldkette zu denen am Anfang. Wer am Anfang der Kette steht, ist der Gewinner. Die Notenbank, die Geschäftsbanken, die großen Finanzinstitutionen, die Staatsapparate und die mit ihnen verbundenen Unternehmen und Organisationen. Wer am Ende der Kette steht, ist der Verlierer. Der Sparer, der Rentner, der Arbeiter, die alleinerziehende Mutter, der Mittelständler, der von seinen ehrlichen Einnahmen lebt.
Auch das ist keine ideologische Aussage. Es ist eine schlichte Beschreibung dessen, wie das System funktioniert. Es ist auch keine Anklage gegen einzelne Personen. Wer in einer Notenbank arbeitet, wer in einer Geschäftsbank Kredite vergibt, wer in einem subventionierten Unternehmen tätig ist, der tut in den meisten Fällen das, was die Spielregeln des Systems ihm vorschreiben oder erlauben. Er ist nicht persönlich böse. Das System aber, in dem er sich bewegt, hat eine Eigenlogik, deren kumulative Wirkung sich über die Jahrzehnte zu einer ungeheuren Umverteilung summiert hat. Diese Umverteilung ist nicht durch eine Volksabstimmung legitimiert worden. Sie ist nicht durch ein offen ausgesprochenes Gesetz vollzogen worden. Sie ist eine stille, kontinuierliche Wertentnahme, die in der gewöhnlichen ökonomischen Sprache mit harmlosen Begriffen wie Geldpolitik, Liquiditätsversorgung, monetärer Stimulus, antizyklische Maßnahmen umschrieben wird.
Sehen wir uns das konkret an. Ich erlebe als Geschäftsführer einer Internetagentur seit Jahren eine Form, in der sich der Cantillon-Effekt in meinen ganz normalen Alltag drängt. Es gibt nicht eine Woche, in der ich nicht von irgendeiner Stelle angerufen werde, die mir eine Subvention oder eine Förderung verkaufen will. Förderprogramme für die Einführung von KI in Unternehmen. Förderprogramme für die Digitalisierung. Förderprogramme für die Energieeffizienz. Förderprogramme für die Schulung von Mitarbeitern. Förderprogramme, die ich an meine Kunden weitergeben kann. Es ist ein ganzes Ökosystem von Beratern, Vermittlern, Anbietern entstanden, das davon lebt, dass solche Programme existieren und dass jemand sie für die Empfänger handhabbar macht.
Wenn ich solche Anrufe entgegennehme, denke ich oft an die Frau an der Supermarktkasse, die ich auf dem Weg ins Büro sehe. Sie steht an ihrer Kasse, arbeitet eine ehrliche Schicht für ein nicht großes Gehalt, geht abends nach Hause, versorgt vielleicht ihre Kinder, schaut auf ihren Kontostand und überlegt, ob das Geld bis Monatsende reichen wird. Von ihrem Lohn gehen Steuern ab. Diese Steuern wandern in die Kasse des Staates. Von dort werden, zusammen mit dem, was die Notenpresse zusätzlich beisteuert, die Förderprogramme finanziert, die mir täglich angeboten werden. Ich als Unternehmer kann davon profitieren. Ich kann eine Förderung beantragen, ich kann ein Programm für meine Kunden vermitteln, ich kann am Ende mit einer Förderung etwas anschaffen, das sich ohne Förderung möglicherweise nicht gerechnet hätte. Ich gewinne. Die Frau an der Kasse verliert.
Ich finde das nicht gerecht. Ich sage das mit Nachdruck, weil es mir ehrlich auf die Nerven geht. Es ist nicht so, dass ich gegen Energieeffizienz wäre, gegen Digitalisierung, gegen die Schulung von Mitarbeitern. Ich bin für all das. Ich bin auch nicht gegen den Schutz der Natur. Im Gegenteil. Ich gehöre zu den Menschen, die die Natur lieben und die jedes Lebewesen wertschätzen. Was ich aber nicht teile, ist die Annahme, dass diese guten Ziele dadurch am besten erreicht werden, dass die Frau an der Kasse über Steuern und über die Geldwertentwertung für die Investitionen anderer Menschen aufkommen muss. Es gibt eine andere Möglichkeit, die in den letzten Jahrzehnten in unseren Gesellschaften systematisch verlernt worden ist. Sie heißt, dass jeder Mensch selbst entscheidet, was er mit seinem ehrlich erworbenen Eigentum macht.
Wenn das, was heute über die Steuern und über die Geldwertentwertung von der Frau an der Kasse weggenommen wird, bei ihr bleiben würde, dann hätte sie selbst die Möglichkeit, für sich zu entscheiden. Sie könnte eine Eigentumswohnung anzahlen. Sie könnte für ihre Kinder sparen. Sie könnte fürs Alter vorsorgen. Sie wäre nicht angewiesen auf einen Staat, der ihr im Alter eine knappe Rente auszahlt, finanziert aus dem, was inzwischen wieder weggenommen wurde. Sie wäre selbstbestimmt. Sie wäre eigenverantwortlich. Sie wäre eine erwachsene Bürgerin in einer freien Gesellschaft, nicht eine Klientin eines Systems, das ihr genommen hat, was ihr eigentlich gehört hätte, und das ihr dann einen Teil davon zurückgibt und sich dafür als Wohltäter feiern lässt.
Wer das ehrlich betrachtet, sieht, dass hier nicht eine Frage der politischen Meinung, sondern eine Frage der ökonomischen Wirklichkeit liegt. Eine Volkswirtschaft, in der mehr als die Hälfte des erarbeiteten Wertes durch staatliche Stellen umverteilt wird, hat eine systematische Tendenz dazu, die Eigenverantwortung der Bürger zu schwächen und die Abhängigkeiten zu vergrößern. Sie ist auch nicht ökologisch erfolgreicher als eine Volkswirtschaft, in der die Menschen ihre eigenen Mittel selbst einsetzen können. Ganz im Gegenteil. Wer für sein eigenes Haus eine Solaranlage finanziert, weil sie sich für ihn rechnet, sorgt sich auch um deren langfristigen Betrieb. Wer eine subventionierte Anlage erhält, an deren wirtschaftlichem Erfolg er nicht direkt beteiligt ist, weil ein anderer den Großteil bezahlt, hat ein geringeres Interesse an deren Wirkungsgrad. Das ist keine Theorie, das ist Erfahrung. Eigentum macht sorgsam. Fremde Mittel machen sorglos.
Diese Beobachtung verändert nichts an der Tatsache, dass eine moderne Gesellschaft auch kollektive Aufgaben hat, die nicht jeder Einzelne erledigen kann. Aber sie zeigt, dass das Maß, in dem das Kollektive heute über das Individuelle dominiert, weit über das hinausgeht, was sachlich notwendig wäre. Wir sind in einem System gelandet, in dem die Notenpresse und der Staat gemeinsam einen so großen Teil der Lebensleistung der Bürger absorbieren, dass diesen Bürgern die Möglichkeit zur Eigenverantwortung kaum noch bleibt. Was sie als Versorgung erleben, ist in Wirklichkeit eine Entmündigung. Was sie als Solidarität feiern, ist in Wirklichkeit eine Umverteilung, von der sie selbst meist auf der Verliererseite stehen.
Die Inflation ist die unsichtbare Form des Diebstahls. Sie nimmt dem Sparer, ohne dass er es bemerkt. Sie nimmt dem Rentner, ohne dass er Einspruch erheben könnte. Sie nimmt dem ehrlichen Arbeiter, ohne dass jemand ihm offen die Hand in die Tasche stecken müsste. Sie funktioniert, weil sie über die Zeit wirkt und weil ihre Wirkung in den Augen der Betroffenen leicht für andere Ursachen gehalten werden kann. Die Preise steigen, denkt der Rentner, das ist nun einmal so. Die Mieten ziehen an, denkt der junge Familienvater, das liegt am Markt. Das Sparbuch wirft nichts mehr ab, denkt die Erbin einer kleinen Summe, das liegt an den niedrigen Zinsen. Was sie alle nicht denken, weil ihnen nie jemand erklärt hat, dass sie es denken sollten, ist die schlichte Wahrheit, dass die Stelle, die das Geld druckt, ihnen über die Jahre einen wesentlichen Teil ihres Vermögens still und leise entzogen hat. Es ist kein Diebstahl im strafrechtlichen Sinne. Aber es ist eine Form der Wertentnahme, die in ihrer Wirkung dem Diebstahl entspricht und die in ihrer Größenordnung jeden klassischen Diebstahl in den Schatten stellt.
Wenn das siebte Gebot wirklich gilt, und es gilt seit dreitausend Jahren, dann muss es auch auf diese Form der Wertentnahme angewendet werden. Wer von Diebstahl spricht, muss von Inflation sprechen. Wer Eigentum schützen will, muss die Geldwertentwertung als das benennen, was sie ist. Eine systematische, kumulative, über die Generationen hinweg wirkende Form der Enteignung, die durch keine Wahl legitimiert ist und durch keine Wahl beendet werden kann, solange das System der staatlich monopolisierten Geldschöpfung bestehen bleibt.
In diese Welt tritt nun Bitcoin als eine technische Antwort, die den Diebstahl auf eine Weise unmöglich macht, die in keinem anderen Eigentumssystem in dieser Form realisiert ist.
Wir haben in Kapitel 12 ausführlich beschrieben, was Selbstverwahrung bei Bitcoin bedeutet. Wer den privaten Schlüssel selbst kontrolliert, hat die zugehörigen Bitcoin in einer Weise in der Hand, die für niemand anderen zugänglich ist. Keine Bank kann sie einfrieren, weil keine Bank dazwischen ist. Keine Behörde kann sie konfiszieren, weil keine Behörde sie in ihrer eigenen Verwaltung hält. Keine Notenbank kann sie inflationieren, weil die Gesamtmenge fest im Protokoll eingebaut ist. Keine Geldreform kann sie halbieren, weil keine Reform die Regeln des Protokolls einseitig ändern kann. Wer Bitcoin in seiner ursprünglichen Form hält, ist in einer Stellung, in der sein Eigentum in dem reinsten Sinne sein eigenes ist, den die Menschheit kennt.
Das ist eine ungeheure Aussage, und sie verdient, in ihrer ganzen Tragweite ausgesprochen zu werden. Bitcoin ist das erste Eigentumssystem in der Geschichte, in dem das siebte Gebot von einer ethischen Forderung in eine technische Eigenschaft übersetzt worden ist. Wer einem Bitcoin-Eigentümer seine Bitcoin nehmen will, ohne dass dieser sie ihm überlässt, kann das nicht. Er kann den Eigentümer zwingen, ihn erpressen, ihn täuschen, ihn überzeugen, ihn bestehlen. Das alles bleibt möglich, weil Bitcoin nichts an der menschlichen Schwäche ändert, mit der jeder Eigentümer in seiner Lebenswirklichkeit konfrontiert ist. Was Bitcoin aber nicht zulässt, ist, dem Eigentümer seinen Bestand ohne sein Zutun zu entziehen. Ein Schlüssel, der nur in seiner Hand ist, kann nicht von einer anderen Stelle bewegt werden. Eine Geldmenge, die im Protokoll fixiert ist, kann nicht durch eine andere Stelle ausgeweitet werden. Das sind die zwei Eigenschaften, die zusammen den klassischen Diebstahl auf eine Weise ausschließen, die alle bisherigen Eigentumssysteme nicht erreichen konnten.
Diese Aussage muss mit einer Klarstellung verbunden werden, die genauso wichtig ist. Bitcoin schützt nicht vor der eigenen Unachtsamkeit. Wer seinen Schlüssel verliert, hat seine Bitcoin verloren. Wer ihn jemand anderem anvertraut, der ihn missbraucht, hat ihn unwiederbringlich aus der Hand gegeben. Wer auf einen Betrüger hereinfällt und seine Bitcoin freiwillig überträgt, hat sie verschenkt, auch wenn er es nicht so gemeint hat. Wer durch physische Erpressung gezwungen wird, eine Transaktion zu signieren, kann das nicht durch das Protokoll verhindern. Bitcoin ist kein magischer Schutzwall gegen alle Formen menschlicher Bedrohung. Bitcoin ist nur ein technisches System, das eine bestimmte Form des Diebstahls ausschließt, nämlich die heimliche, systemische, von oben verfügte Form, die in den klassischen Geldsystemen seit über hundert Jahren der eigentliche große Wertentzug ist.
Was Bitcoin damit leistet, ist nicht weniger als die Wiederherstellung einer ursprünglichen Bedingung. Die Bedingung, dass das, was einem Menschen gehört, ihm tatsächlich gehört, und nicht nur insoweit, als eine Stelle es ihm zugesteht. Vor 1971, in den Zeiten des Goldstandards, gab es eine ähnliche Bedingung in einer schwächeren Form. Wer Gold besaß, konnte es niemand wegnehmen, ohne es ihm physisch zu entreißen. Aber Gold ist schwer, transportabel nur in begrenztem Maß, leicht zu konfiszieren, wenn jemand mit Gewalt in das Haus kommt. Bitcoin ist eine vergleichbare Eigenschaft mit weit überlegener Praktikabilität. Es kann in einem Kopf transportiert werden, wenn die zwölf oder vierundzwanzig Wörter der Seed-Phrase auswendig gelernt sind. Es kann nicht aus der Ferne genommen werden, wenn der Schlüssel offline aufbewahrt wird. Es kann nicht entwertet werden, weil seine Menge nicht verändert werden kann.
In diesem Sinne ist Bitcoin nicht nur ein neues Geld. Es ist die erste technische Realisierung eines Eigentums, das den Anspruch des siebten Gebots auf seine Weise einlöst, ohne dass es dafür auf eine moralische Mahnung angewiesen wäre. Es bleibt natürlich richtig, dass Menschen einander nicht bestehlen sollen. Es bleibt richtig, dass das ethische Gebot in jeder Generation neu eingeschärft und gelebt werden muss. Aber dort, wo das Eigentum in Bitcoin gehalten wird, ist eine bestimmte Form des Diebstahls strukturell ausgeschlossen. Was die Ethik fordert, hat die Technik in dieser Hinsicht erreicht.
Wir können daraus keinen Erlösungsschluss ziehen. Eine Welt mit Bitcoin wird keine Welt ohne Diebstahl sein, weil der menschliche Diebstahl in vielen Formen geschehen kann und weil das schlechte Herz des Einzelnen sich neue Wege suchen wird. Was sich aber ändern würde, ist die Möglichkeit der systemischen, der unsichtbaren, der mit den Mitteln der Geldpolitik verübten Wertentnahme im großen Maßstab. Diese eine Form des Diebstahls, die in den letzten hundert Jahren die größte Wertentnahme an der bürgerlichen Mitte vollzogen hat, hat in einer Welt mit Bitcoin keinen Mechanismus mehr, mit dem sie sich vollziehen könnte.
Das ist eine bescheidene, aber tiefgreifende Veränderung. Sie ändert nicht den Menschen. Sie ändert die Architektur, in der er sich bewegt. Wer in einer solchen Architektur leben würde, hätte die Verantwortung für sein eigenes Eigentum, ohne dass eine Stelle ihm dieses Eigentum still entziehen könnte. Er wäre, in einem ganz alten Sinn des Wortes, wieder erwachsen. Er wäre frei. Er wäre eigen, was nicht egoistisch heißt, sondern einfach sich selbst gehörig. Eigentum, das diesen Namen verdient, ist immer auch ein Stück Freiheit. Wer das eine wegnimmt, nimmt das andere mit.
Wir haben in diesem Kapitel das siebte Gebot ausführlich behandelt und seine Verbindung zu Bitcoin in der größtmöglichen Tiefe ausgeführt. Es bleibt noch eine Frage offen, die zum nächsten Kapitel hinüberführt. Eigentum wird nicht nur durch das Wegnehmen bedroht. Es wird auch durch das, was über das Eigentum gesagt wird, bedroht. Eine Aufzeichnung, die nicht stimmt, ist kein Schutz, sondern ihr Gegenteil. Eine Bilanz, die lügt, schützt nicht das Eigentum, sondern verbirgt den Diebstahl, der schon stattgefunden hat. Ein Vertrag, der gefälscht ist, gibt dem Eigentum keine Sicherheit, sondern entzieht sie ihm. Wer das Eigentum schützen will, muss auch das Sprechen über das Eigentum schützen.
Das ist das Thema des nächsten Gebots. Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen. Es ist das andere große Gebot, in dem Bitcoin in einer ähnlichen technischen Klarheit Antwort gibt wie im siebten.