Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin

Kapitel 21

Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen


Das achte Gebot der römisch-katholischen Zählung lautet in seiner ausführlichen Form, du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten. In der knappen hebräischen Urform ist es noch klarer. Du sollst kein falsches Zeugnis geben. Es ist das Wahrheitsgebot, und es schützt das, ohne das menschliches Zusammenleben in derselben Weise unmöglich wäre wie ohne den Schutz des Lebens oder des Eigentums. Es schützt die Verlässlichkeit dessen, was Menschen einander sagen.

In seiner ältesten Bedeutung war dieses Gebot eine juristische Norm. Es bezog sich auf das Zeugnis, das in einem Rechtsverfahren über den Nächsten abgelegt wird. Wer dort die Unwahrheit sagt, gefährdet das Leben, das Eigentum oder die Ehre eines Mitmenschen auf eine Weise, die mit einer einzelnen unwahren Aussage nicht wieder gutzumachen ist. Aus dieser engen juristischen Lesart hat die Tradition aber sehr früh eine umfassendere herausgearbeitet. Das Gebot schützt nicht nur die Wahrheit vor Gericht. Es schützt die Wahrheit überhaupt. Die Wahrheit in der Sprache, in den Dokumenten, in den Aufzeichnungen, in der ganzen Kommunikation, durch die Menschen miteinander Welt aufbauen.

Aristoteles hat in seiner Nikomachischen Ethik die Wahrhaftigkeit als eigenständige Tugend behandelt. Augustinus, der lateinische Kirchenvater des vierten Jahrhunderts, hat in seiner Schrift De mendacio, über die Lüge, eine sehr strenge Auffassung vertreten. Die Lüge sei in keinem Fall gerechtfertigt, weil sie das Wesen des Sprechens selbst verletze. Sprache sei dazu da, dem Mitmenschen die Wahrheit kundzutun, und wer sie für das Gegenteil benutze, missbrauche etwas Heiliges. Thomas von Aquin hat diese Linie aufgenommen und differenziert, ohne die Strenge des Verbots aufzugeben. Im achtzehnten Jahrhundert hat Immanuel Kant in seinem berühmten Aufsatz Über ein vermeintes Recht, aus Menschenliebe zu lügen die radikalste Form dieser Tradition vertreten. Auch wer einen Freund vor einem Mörder verstecken könnte, dürfe nicht lügen, wenn der Mörder nach dem Aufenthalt frage. Diese Position ist umstritten, weil sie in der Konsequenz unmenschlich werden kann. Aber sie zeigt, wie ernst die abendländische Tradition die Verpflichtung zur Wahrheit genommen hat.

Im zwanzigsten Jahrhundert hat Hannah Arendt in einem Aufsatz mit dem Titel Wahrheit und Politik, der 1967 erschienen ist, eine andere Linie verfolgt. Sie hat gezeigt, dass die Wahrheit in der Politik immer unter besonderem Druck steht, weil politische Macht sich auf der Schaffung einer geteilten Meinung gründet, nicht auf der Anerkennung einer geteilten Wirklichkeit. Die Tatsachenwahrheit, schreibt sie, ist von Natur aus widerständig gegenüber dem politischen Willen, der sie immer wieder zu modifizieren versucht. Wer in der Politik die Wahrheit sagt, wird oft als unbequem oder als naiv wahrgenommen, weil er die Spielregeln stört, nach denen das politische Geschäft funktioniert. Arendts Beobachtungen sind heute noch aktueller als zu ihrer Zeit, denn die Möglichkeiten, eine Wahrheit zu verzerren, zu relativieren oder zu überlagern, sind durch die digitalen Medien um ein Vielfaches gewachsen.

Was alle diese Stimmen, von Aristoteles bis Arendt, miteinander verbindet, ist die Einsicht, dass Wahrheit nicht eine zusätzliche Tugend unter vielen ist, sondern die Bedingung, ohne die menschliches Zusammenleben gar nicht möglich wäre. Keine Gesellschaft, keine Kooperation, kein Vertrag, keine Wissenschaft, keine Familie, keine Freundschaft kann ohne ein Minimum an Wahrhaftigkeit funktionieren. Wenn jeder zu jeder Zeit lügen könnte, ohne dass es Konsequenzen hätte, wäre Sprache nutzlos. Versprechen wären leer. Verträge wären wertlos. Aussagen vor Gericht wären beliebig. Die Welt wäre nicht mehr verlässlich. Sie wäre eine Welt der ständigen Verwirrung, in der niemand mehr wissen könnte, woran er bei seinem Mitmenschen ist.

Wahrheit ist also die Bedingung von Vertrauen, und Vertrauen ist die Bedingung von allem, was Menschen miteinander aufbauen wollen. Wer einem Anderen ein Geschäft anvertraut, vertraut darauf, dass dessen Worte und Zusagen stimmen. Wer ein Kind in die Schule schickt, vertraut darauf, dass das, was dort gelehrt wird, nach bestem Wissen wahr ist. Wer ein Medikament einnimmt, vertraut darauf, dass die Beschreibung der Wirkung und der Nebenwirkungen wahrheitsgemäß ist. Wer eine Bank wählt, vertraut darauf, dass deren Bilanz ehrlich ist. Wer eine Wahl mitentscheidet, vertraut darauf, dass die Informationen, auf denen seine Entscheidung beruht, nicht in irgendeiner Form manipuliert worden sind. All das ist Vertrauen, und alles davon hängt an der Wahrhaftigkeit derer, die das, was sie sagen, auch glauben sollen.

Wir leben in einer Zeit, in der diese Voraussetzung auf eine besondere Weise unter Druck geraten ist. Es wäre falsch, das nur einer bestimmten politischen Richtung anzulasten, denn die Druckpunkte kommen aus vielen Richtungen gleichzeitig. Mediale Berichterstattung, die unterschiedliche Bilder derselben Wirklichkeit liefert. Politische Kommunikation, die zunehmend von Strategie statt von Sache geprägt ist. Soziale Netzwerke, die durch Algorithmen die Aufmerksamkeit zu Inhalten lenken, die emotional erregen, nicht zu solchen, die zur Wahrheit beitragen. Wirtschaftliche Berichte, in denen Statistiken und Indizes je nach Interesse ausgewählt und gewichtet werden können. Sogar wissenschaftliche Studien, die in einer Reproduktionskrise stecken, weil viele Ergebnisse, die einmal als gesichert galten, sich bei späterer Überprüfung nicht bestätigen lassen.

Das ist keine ideologische Anklage gegen eine bestimmte Gruppe. Es ist eine Beobachtung, die jeder Leser bei ehrlicher Selbstprüfung in seinem eigenen Alltag bestätigen kann. Die Frage, was man heute glauben kann und was nicht, ist für viele Menschen schwerer zu beantworten als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Und das ist nicht ein Stilproblem unserer Kommunikation. Es ist ein zivilisatorisches Problem, weil eine Gesellschaft, in der die geteilte Wirklichkeit zerbricht, in eine Lage gerät, in der Menschen einander nicht mehr verstehen können. Sie reden dann zwar miteinander, aber über verschiedene Welten, und keine Verständigung ist mehr möglich.

Das achte Gebot reagiert auf dieses Problem in seiner einfachen, knappen Form. Du sollst kein falsches Zeugnis geben. Wenn alle Menschen es einhalten würden, wäre das Problem gelöst. Da aber kein Mensch und keine Institution dauerhaft auf jede Form der Verzerrung verzichten kann, hat die Menschheit über die Jahrhunderte verschiedene Hilfsmittel entwickelt, um die Wahrheit zu schützen. Beglaubigte Dokumente. Verifizierende Zeugen. Notarielle Beurkundungen. Öffentliche Register. Wissenschaftliche Standards. Journalistische Sorgfaltspflichten. Allesamt Versuche, die Wahrheit gegen die Versuchung der Verfälschung zu sichern, und allesamt nur teilweise erfolgreich, weil sie immer auf das Vertrauen in eine Stelle angewiesen sind, die das Beglaubigen, das Verifizieren, das Beurkunden vornimmt.

An dieser Stelle möchte ich auf eine spezifische Form der falschen Aussage hinweisen, die in unserer Zeit eine besondere Rolle spielt. Das achte Gebot bezieht sich nicht nur auf direkte Lügen. Es bezieht sich auf jede Form der unwahren Darstellung. Eine geschönte Bilanz ist eine Form des falschen Zeugnisses. Eine selektiv ausgewählte Statistik, die einen Sachverhalt anders erscheinen lässt, als er ist, ist eine Form des falschen Zeugnisses. Ein Indexwert, der so konstruiert ist, dass er die tatsächlichen Verhältnisse beschönigt, ist eine Form des falschen Zeugnisses. Wer behauptet, sein Geld sei stabil, während er es gleichzeitig im Hintergrund vermehrt, gibt eine Form des falschen Zeugnisses über sein eigenes Tun.

Wir haben im vorhergehenden Kapitel das siebte Gebot in seiner ganzen Schärfe behandelt und dort die These vom Diebstahl durch Inflation klar ausgesprochen. Das achte Gebot ergänzt diese These in einer wichtigen Weise. Wenn die Wirkung der Geldmengenausweitung in den offiziellen Statistiken nicht ehrlich abgebildet wird, sondern durch konstruierte Indizes verharmlost wird, dann ist das nicht nur ein Diebstahl, sondern auch eine Form der Verfälschung des Zeugnisses über diesen Diebstahl. Wer den Bürger in die Irre führt über die tatsächliche Kaufkraftentwicklung seines Geldes, raubt ihm zweimal. Einmal, indem er ihm den Wert entzieht. Ein zweites Mal, indem er ihm die Information verweigert, die der Bürger bräuchte, um seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Ich sage das vorsichtig, weil ich auch hier keine einzelne Person anklagen will. Die Konstruktion der Inflationsindizes ist eine technische Frage, an der viele kluge Statistiker mitarbeiten, und die Ergebnisse, die dort herauskommen, sind in den meisten Fällen Resultat etablierter wissenschaftlicher Methoden, nicht Resultat bösen Willens. Was aber kritisierbar ist, ist die Auswahl der Methoden selbst. Wer entscheidet, wie der Warenkorb zusammengesetzt wird, was als Qualitätsverbesserung gewertet wird, was als Substitutionseffekt herausgerechnet wird, beeinflusst damit das Ergebnis in einer Weise, die nicht neutral ist. Wer aus dem Mietspiegel die selbstgenutzten Eigenheime mit fiktiven Mieten herausrechnet, statt sie mit ihren tatsächlichen Kaufpreisen einzubeziehen, erhält andere Zahlen als jemand, der das nicht tut. Wer Energiepreise und Lebensmittelpreise in einem Kerninflationsindex herausnimmt, mit dem Argument, sie seien zu volatil, kommt zu anderen Ergebnissen als jemand, der sie einbezieht. All das sind methodische Entscheidungen, und sie sind nie ganz frei von dem Interesse derer, die sie treffen.

Damit kommen wir zu der Frage, was Bitcoin in diesem Zusammenhang bedeutet.

Bitcoin ist die erste menschliche Erfindung, die in einem klar abgegrenzten Bereich das achte Gebot von einer ethischen Mahnung in eine strukturelle Eigenschaft übersetzt. Wir haben in Kapitel 8 und in Kapitel 11 ausführlich beschrieben, wie die Bitcoin-Blockchain funktioniert. Jede Transaktion ist kryptographisch signiert. Jeder Block enthält den Hash des vorhergehenden Blocks. Die Vergangenheit der Kette ist nicht durch ein Versprechen geschützt, sondern durch die kumulative Energie, die in ihre Erzeugung geflossen ist. Wer behauptet, eine bestimmte Transaktion habe stattgefunden, muss das beweisen. Wer eine vergangene Transaktion ändern wollte, könnte damit nur eine eigene, abweichende Kette erzeugen, der niemand sonst folgt, während die gültige Kette für alle anderen unverändert weiterläuft.

In dieser Hinsicht ist Bitcoin eine Wahrheitsmaschine. Nicht im umfassenden Sinne. Bitcoin sagt nichts über die Wahrheit in der Politik, in der Wissenschaft, in den Medien, in den persönlichen Beziehungen. Bitcoin sagt nichts darüber, ob ein Mensch seinem Mitmenschen die Wahrheit sagt oder ob er ihn täuscht. Bitcoin macht keine Aussage über das Recht oder die Moral. Aber in einem klar abgegrenzten Bereich, nämlich in der Aufzeichnung dessen, was an Bitcoin-Transaktionen tatsächlich stattgefunden hat, ist Bitcoin in einer Weise wahrheitsfähig, die in keinem anderen Aufzeichnungssystem der Menschheit in dieser Form realisiert ist. Es gibt keine Möglichkeit, eine Transaktion zu behaupten, die nicht stattgefunden hat. Es gibt keine Möglichkeit, eine stattgefundene Transaktion zu leugnen. Es gibt keine Möglichkeit, die Vergangenheit nachträglich zu schönen. Die Wahrheit der Kette ist die Wahrheit, die jeder mit einem normalen Computer überprüfen kann, ohne dass er einer Behörde, einer Bank, einem Notar, einem Wirtschaftsprüfer vertrauen müsste.

Das ist eine starke Aussage, und sie ist die spezifische Antwort von Bitcoin auf das achte Gebot. Was tausend Jahre als ethische Mahnung an die einzelnen Menschen formuliert wurde, ist hier zur Eigenschaft eines Systems geworden, in dem ein bestimmter Bereich menschlicher Aufzeichnung gegen die Verfälschung praktisch unzugänglich gemacht worden ist. Bitcoin sagt nicht, dass Menschen nicht lügen sollen. Bitcoin macht in seinem Bereich die Lüge schlicht nicht durchsetzbar. Es ist eine bescheidene, aber tiefgreifende Veränderung. Sie betrifft nur einen Ausschnitt des Lebens, nämlich die Geldgeschichte. Aber sie zeigt, dass eine andere Form von Wahrheitsschutz prinzipiell möglich ist, die nicht auf das Vertrauen in eine Stelle angewiesen ist, sondern auf eine Architektur, die die Wahrheit aus sich heraus erhält.

An dieser Stelle möchte ich einen Gedanken einflechten, der das Kapitel über den engen Bereich der Bitcoin-Geldgeschichte hinausführt. Die zugrunde liegende Technologie, die Blockchain, ist nicht auf das Geld beschränkt. Sie kann überall dort angewendet werden, wo die Frage der Wahrheit einer Aufzeichnung wichtig ist. Es lohnt sich, kurz anzuschauen, wo das in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eine Rolle spielen könnte. Ich nenne einige Bereiche, ohne dass sie hier abschließend ausgeführt werden müssten. Sie sind Hinweise auf die Tragweite des Prinzips, das wir gerade behandelt haben.

Produktherkunft. Wer ein teures Markenprodukt kauft, möchte sicher sein, dass es echt ist und nicht eine Fälschung. In einer Welt, in der jede Produktion auf einer Blockchain registriert ist, kann jeder Käufer die Herkunft eines Produkts vom Hersteller bis zum Endkunden rückverfolgen, ohne dass eine zentrale Stelle dafür verantwortlich ist, diese Information aufrechtzuerhalten. Was heute mit Fälschungen, Originalen und teuren Authentifizierungsprozessen ein milliardenschweres Problem ist, wäre in einem solchen System eine triviale Überprüfung.

Lieferketten. Wer wissen will, woher das Gemüse in seinem Supermarkt kommt, ob die Arbeitsbedingungen in der Herstellungsstätte angemessen waren, ob die Schadstoffwerte den Normen entsprechen, ob das Tier artgerecht gehalten wurde, muss heute auf Zertifikate vertrauen, die von verschiedenen Stellen ausgestellt werden. In einer Welt, in der jede Station der Lieferkette in einer Blockchain festgehalten wird, ist diese Information für jeden überprüfbar und nicht mehr nachträglich änderbar.

Öffentliche Haushalte. Wer wissen will, wofür die Steuern verwendet werden, die er bezahlt, ist heute auf die Aufstellungen der Verwaltungen angewiesen. In einer Welt, in der jeder öffentliche Geldfluss in einer für alle einsehbaren Blockchain registriert wäre, würde Korruption in vielen Formen praktisch verschwinden, weil keine Zahlung mehr verdeckt geleistet werden könnte. Sensible Bereiche, etwa die Sicherheit oder bestimmte personenbezogene Daten, müssen davon ausgenommen sein, aber der Großteil der öffentlichen Ausgaben könnte transparent gemacht werden, ohne dass es die Funktion des Staates beeinträchtigen würde. Ganz im Gegenteil.

Wahlen. Wer einer Wahl vertrauen will, muss heute auf die Integrität der Wahlhelfer, der Wahlleiter, der Auszählungsprozesse vertrauen. In einer Welt, in der jede Stimme in einer Blockchain mit garantierter Anonymität registriert ist, kann jeder Bürger die Auszählung der Wahl selbst nachvollziehen, ohne einer Behörde vertrauen zu müssen. Das ist technisch nicht trivial, weil Anonymität und Verifizierbarkeit gleichzeitig sichergestellt sein müssen. Aber es ist nicht unmöglich, und es ist nicht weiter entfernt von der Realität, als Bitcoin vor zwanzig Jahren von der Realität entfernt war.

Eigentumsregister. Wer Eigentümer eines Hauses ist, kann das heute nur dadurch nachweisen, dass eine Behörde einen Eintrag im Grundbuch führt, der das bestätigt. Wenn diese Behörde verschwindet, das Gebäude abbrennt, das Register gelöscht wird, kann der Eigentümer große Schwierigkeiten bekommen, sein Recht nachzuweisen. In einer Welt, in der Eigentumsverhältnisse in einer Blockchain festgehalten sind, ist diese Information unabhängig von der Existenz einer einzelnen Behörde. Sie kann auch in Krisen, in Kriegen, in zerfallenden Staaten ihre Geltung behalten.

Wissenschaftliche Forschung. Wer einer wissenschaftlichen Studie vertrauen will, muss heute auf die Integrität der Forscher, der Peer-Reviewer, der Journals vertrauen. In einer Welt, in der jede Rohdatenerhebung, jede Hypothese, jede Auswertung in einer Blockchain festgehalten wird, kann jeder Leser nachvollziehen, ob eine Studie tatsächlich so durchgeführt wurde, wie sie veröffentlicht ist, ob die Hypothesen vorher oder nachher formuliert wurden, ob die Daten nachträglich geändert wurden. Die sogenannte Reproduktionskrise der modernen Wissenschaft hätte in einem solchen System eine starke technische Antwort.

Es gibt weitere Bereiche, die alle ein gemeinsames Merkmal haben. Überall dort, wo Menschen heute auf das Vertrauen in eine Stelle angewiesen sind, weil diese Stelle die Aufzeichnung der Wahrheit kontrolliert, könnte das Prinzip der verifizierten, unveränderlichen Aufzeichnung in einer Blockchain eine neue Lösung bieten. Vertrauen würde durch Beweis ersetzt. Was bisher als ehrenwerte Aufgabe der Notare, der Behörden, der Wirtschaftsprüfer galt, würde zu einer Eigenschaft des Systems selbst.

Es ist wichtig, hier eine Klarstellung zu machen. Diese Anwendungen sind nicht alle gleich entwickelt, und nicht alle werden in derselben Form realisiert werden. Manche sind heute schon in praktischer Erprobung, andere sind noch konzeptionelle Skizzen. Einige werden auf öffentlichen Blockchains laufen, andere auf privaten oder konsortialen Lösungen. Manche werden die Privatsphäre schützen müssen, in einer Form, die heute noch erforscht wird. Was sie aber alle teilen, ist das Grundprinzip, das wir an Bitcoin kennengelernt haben. Eine Wahrheit, die nicht auf einer Autorität beruht, sondern auf der Mathematik selbst. Eine Aufzeichnung, die nicht nachträglich verfälscht werden kann. Ein Zeugnis, das jeder überprüfen kann, ohne einer Stelle vertrauen zu müssen.

Das ist die größere Tragweite des achten Gebots in seinem technischen Spiegel. Bitcoin ist der erste und der wichtigste Anwendungsfall, weil er das Geld betrifft, also den Bereich, in dem die Wahrheit der Aufzeichnung über die größten Werte entscheidet. Aber Bitcoin ist nicht der einzige Anwendungsfall. Es ist der erste in einer Reihe, deren weitere Glieder in den kommenden Jahrzehnten erst noch geschaffen werden müssen. Was an dieser Reihe gemeinsam ist, ist eine zivilisatorische Bewegung, die das achte Gebot in einer historisch beispiellosen Form unterstützt. Das, was die alte Tradition als ethische Mahnung formulierte, wird zur strukturellen Eigenschaft der digitalen Welt, in der wir leben.

Damit endet auch dieses Kapitel mit einer ruhigen, aber wichtigen Beobachtung. Wir haben in diesem Buch nun zwei Gebote in ihrer Schärfe behandelt, das siebte und das achte. Beide haben in Bitcoin eine technische Antwort gefunden, die in der Geschichte der Menschheit beispiellos ist. Was an Eigentum geschützt werden soll, wird durch die Selbstverwahrung geschützt. Was an Wahrheit aufgezeichnet werden soll, wird durch die Blockchain geschützt. Beides zusammen ergibt eine ungeheure Verschiebung der Bedingungen, unter denen menschliches Zusammenleben in seiner ökonomischen und informationellen Dimension möglich wird.

Es gibt noch ein weiteres Gebot, das in einer ganz anderen Tonart davon handelt, was diese Veränderungen für das menschliche Herz bedeuten. Es ist das zehnte Gebot in der römisch-katholischen Zählung, das Gebot des Begehrens. Wir haben in den vorhergehenden Kapiteln viel über die äußeren Bedingungen gesprochen. Über Geld, über Eigentum, über Wahrheit. Es gibt aber eine innere Bedingung, die jeder dieser äußeren vorausgeht und die in der Tradition aus gutem Grund am Ende der Reihe steht. Es ist die Frage, was im Menschen selbst aufsteigt, bevor er handelt. Es ist die Frage des Begehrens.

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