Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin
Kapitel 22
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut
Das zehnte Gebot der römisch-katholischen Zählung ist anders als alle anderen Gebote der zweiten Tafel. Es verbietet keine Handlung. Es verbietet eine innere Bewegung. Eine Regung, die noch nicht zur Tat geworden ist. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut. Nicht das Stehlen ist hier das Thema, denn das hat das siebte Gebot schon behandelt. Nicht das falsche Zeugnis, denn das hat das achte Gebot behandelt. Hier geht es um etwas, das den Taten vorausgeht, das in den meisten Menschen leise und unbemerkt arbeitet, das sich oft nicht in einer einzelnen Handlung niederschlägt, sondern in einer ganzen Lebenshaltung. Es geht um das Begehren.
Mit diesem Gebot tritt das Buch in einen Bereich ein, in dem Bitcoin als technisches System an seine Grenzen kommt. Bitcoin kann Eigentum schützen, weil Eigentum eine äußere Wirklichkeit ist. Es kann Aufzeichnungen wahrheitsfähig machen, weil Aufzeichnungen eine objektive Form haben. Aber das Begehren ist eine Regung des Inneren, die kein technisches System direkt erreichen kann. Was im Herzen eines Menschen aufsteigt, ist seine eigene Angelegenheit, und es bleibt seine Aufgabe, damit umzugehen. Trotzdem ist dieses Gebot für unser Buch wichtig, weil das, was wir in den vorhergehenden Kapiteln behandelt haben, auf eine Welt verweist, in der das Begehren entweder genährt oder gemäßigt wird. Wie diese Nährung oder Mäßigung geschieht, ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit.
Beginnen wir mit dem, was die Tradition über das Begehren gewusst hat.
Buddha, dessen Lehre vor etwa zweieinhalbtausend Jahren in Indien entstanden ist, hat das Begehren in den Mittelpunkt seiner Diagnose der menschlichen Lage gestellt. In den vier edlen Wahrheiten, der Grundstruktur seiner Lehre, ist das Begehren die Ursache des Leidens. Wer begehrt, leidet. Wer nicht mehr begehrt, hat das Leiden überwunden. Es ist eine radikale Position, die für die westliche Tradition oft schwer zu fassen ist, weil sie das Wollen als solches als problematisch markiert und damit eine ganze Lebensauffassung in Frage stellt. Was Buddha aber nicht sagte, ist, dass das Begehren als psychologische Tatsache verschwinden müsse. Was er sagte, ist, dass die Identifikation mit dem Begehren, die Verstrickung in das Wollen, die innere Treibjagd nach dem nächsten Gegenstand, das eigentliche Leiden des Menschen sei.
In der christlichen Tradition hat Augustinus, der lateinische Kirchenvater des vierten und fünften Jahrhunderts, eine verwandte Beobachtung gemacht. In seinen Bekenntnissen, einer der ersten Autobiographien der westlichen Literatur, beschreibt er sein eigenes Leben als ein Hin- und Hergerissensein zwischen ungeordneten Begehren. Was er als das Eigentliche der menschlichen Misere identifiziert, ist nicht das Verlangen an sich, sondern das ungeordnete, das ohne Maß, das sich an Dingen festhakt, die das Verlangen nicht stillen können. Sein berühmtes Wort, das Herz sei unruhig, bis es ruhe in Gott, ist eine theologische Form derselben Diagnose. Der Mensch begehrt etwas Endliches, weil er das Unendliche sucht. Solange er nicht erkennt, was er eigentlich sucht, springt er von einem Gegenstand zum nächsten, ohne je zur Ruhe zu kommen.
Im siebzehnten Jahrhundert hat Baruch Spinoza in seiner Ethik das Begehren als die zentrale Affektkraft des Menschen analysiert. Was wir wollen, bestimmt, was wir tun. Was wir tun, bestimmt, was wir werden. Wer sein Begehren nicht versteht, versteht sich selbst nicht. Wer es versteht, hat zumindest die Möglichkeit, mit ihm zu arbeiten, statt von ihm gearbeitet zu werden. Auch hier eine Sicht, die das Begehren nicht abschaffen, sondern verstehen will.
Eine besonders fruchtbare Theorie für unser Thema stammt aus dem zwanzigsten Jahrhundert. René Girard, ein französischer Literaturwissenschaftler und Philosoph, der von 1923 bis 2015 lebte, hat in seinem Werk eine Beobachtung systematisch entfaltet, die für das Verständnis unserer heutigen Konsumkultur von zentraler Bedeutung ist. Girard zeigt, dass das menschliche Begehren nicht spontan in uns entsteht, sondern durch das Begehren anderer Menschen vermittelt wird. Wir begehren nicht aus uns selbst heraus. Wir begehren, weil andere etwas begehren oder weil andere etwas haben, was wir nicht haben. Girard nennt das das mimetische Begehren, das nachahmende Begehren. Es ist nicht der Gegenstand, der das Begehren weckt, sondern die Beobachtung, dass andere ihn begehren oder besitzen.
Diese Theorie hat eine erhellende Wirkung, sobald man sie auf das eigene Leben anwendet. Wie viele Dinge habe ich gewollt, weil andere sie hatten? Wie viele Statussymbole habe ich angeschafft, weil sie in meinem Umfeld als Zeichen von Erfolg galten? Wie viele Wünsche habe ich für meine eigenen gehalten, die in Wirklichkeit nur die kopierten Wünsche anderer waren? Wer ehrlich auf sein eigenes Leben schaut, findet vielleicht mehr Beispiele für mimetisches Begehren, als ihm lieb ist. Das ist nicht erniedrigend. Es ist eine schlichte Beobachtung über die Beschaffenheit des menschlichen Wollens.
Girard hat aus diesem Befund eine weitere Folgerung gezogen, die für unser Thema noch wichtiger ist. Das mimetische Begehren führt zwangsläufig zu Konkurrenz und Rivalität. Wenn ich begehre, was du hast, dann wollen wir beide dasselbe. Wir treten gegeneinander an. Wir werden Konkurrenten. In milder Form ist das die normale Dynamik des wirtschaftlichen Wettbewerbs, der zu Innovation und Wohlstand führen kann. In zugespitzter Form ist es die Wurzel von Zerwürfnis, Streit, Gewalt. Girard hat ganze Bücher darüber geschrieben, wie diese mimetische Dynamik im Laufe der Menschheitsgeschichte zu Kriegen, Verfolgungen und sozialen Krisen geführt hat. Das zehnte Gebot, das das Begehren des Nächsten Gut verbietet, ist aus dieser Sicht keine moralische Spitzfindigkeit, sondern eine sehr tiefe Einsicht in das, was menschliche Gemeinschaften zerstört, wenn es nicht in Schach gehalten wird.
In unserer heutigen Welt ist das mimetische Begehren in einer Weise organisiert worden, wie es in keiner früheren Epoche der Menschheit organisiert war. Eine ganze Wirtschaft, eine ganze Kultur, ein ganzer Medienkomplex ist darauf ausgerichtet, das Begehren systematisch zu wecken und zu intensivieren. Werbung ist die direkteste Form. Sie zeigt uns Menschen, die etwas haben, und legt nahe, dass auch wir das haben wollen. Sie inszeniert das Begehren, indem sie das Begehren anderer sichtbar macht. Soziale Medien sind die radikalste Form dieser Inszenierung. Wir sehen täglich tausende Bilder von Menschen, die etwas haben, etwas erleben, etwas tun, was wir nicht haben, nicht erleben, nicht tun. Wir sehen ihre Häuser, ihre Reisen, ihre Autos, ihre Erfolge, ihre Beziehungen, ihre Körper. Wir sehen das, was unser eigenes Leben in Frage stellt, ohne dass wir es bewusst suchen würden. Das Begehren wird in einer Permanenz angefacht, die historisch ohne Vorbild ist.
Diese Konsumkultur ist nicht zufällig entstanden. Sie ist die kulturelle Begleitung eines bestimmten Wirtschaftssystems, das ohne sie nicht funktionieren würde. Wir haben in Kapitel 9 schon kurz darauf hingewiesen. Hier möchte ich diese Verbindung in ihrer Tiefe ausarbeiten. Ein Geldsystem, das systematisch im Wert verliert, kann nicht funktionieren ohne Menschen, die ihr Geld ständig ausgeben. Wer sparen würde, verliert. Wer ausgibt, ist ökonomisch klug beraten, denn er hat den Wert noch genutzt, bevor er verschwunden ist. Wer Schulden macht, ist noch klüger, denn die Schulden verlieren mit dem Geld an realer Last. Die ganze Logik des Fiat-Geldsystems verlangt eine Bevölkerung, die konsumiert, statt zu sparen.
Damit verlangt dieses Geldsystem aber auch eine Kultur, die den Konsum legitimiert, anstachelt und feiert. Sparsamkeit, die in den Generationen meiner Großeltern noch als Tugend galt, ist in der Konsumkultur zur Spaßbremse geworden. Wer wenig konsumiert, gilt als langweilig, als geizig, als rückständig. Wer viel konsumiert, gilt als modern, als großzügig, als erfolgreich. Diese kulturelle Umwertung ist nicht eine zufällige Erscheinung. Sie ist die kulturelle Anpassung an ein ökonomisches System, das ohne diese Umwertung nicht hätte funktionieren können. Wer das Konsumverhalten der letzten fünfzig Jahre untersucht, sieht eine kontinuierliche Steigerung, die in einem stabilen Geldsystem so nicht möglich gewesen wäre.
Das Zusammenspiel von Geldsystem und Konsumkultur erzeugt eine doppelte Mechanik des Begehrens. Auf der einen Seite die ökonomische Notwendigkeit, das Geld auszugeben, bevor es weniger wird. Auf der anderen Seite die kulturelle Anstachelung, immer wieder Neues zu wollen, weil die anderen es auch wollen oder schon haben. Beides zusammen erzeugt eine Form von menschlicher Unruhe, die in der Geschichte ohne Vorbild ist. Wir sind eine Gesellschaft geworden, die nicht zur Ruhe kommt, weil das Begehren in uns von außen und von innen ständig angefacht wird.
Was diese Konstellation mit den Menschen macht, lässt sich an mehreren Symptomen ablesen, die wir in Kapitel 9 schon kurz beobachtet haben. Die wachsenden Zahlen zu Burnout, Angststörungen, Depressionen, Vereinsamung. Die zunehmende Suchtproblematik, nicht nur in den klassischen Suchtformen, sondern auch in den neueren Formen der digitalen Abhängigkeit. Die geringe Lebenszufriedenheit in einer Gesellschaft, die nach allen materiellen Maßstäben so reich ist wie keine vor ihr. All das hat viele Ursachen, aber eine zentrale ist das Begehren, das in uns ständig angefacht wird, ohne dass es jemals zur Ruhe kommen darf.
Hier möchte ich einen persönlichen Gedanken einflechten, weil mir bei diesem Thema eine eigene Beobachtung wichtig geworden ist. Als jemand, der durch das Vorleben meiner Familie ohnehin eine niedrige Zeitpräferenz mitbekommen hat, habe ich zum Konsum schon früh ein anderes Verhältnis entwickelt. Ich empfinde Konsum häufig eher als anstrengend denn als angenehm. Wer einmal ehrlich hinterfragt, was er tatsächlich braucht und was nur Begleitgeräusch eines ständig angestachelten Wollens ist, kommt zu einem unbequemen Ergebnis. Ein großer Teil dessen, was wir konsumieren, ist nicht nötig. Er ist in der Summe sogar belastend, weil er Raum, Zeit und Aufmerksamkeit fordert, die wir an anderer Stelle viel sinnvoller einsetzen könnten.
Es gibt einen alten Satz, der diese Erfahrung gut trifft. Alles, was man besitzt, besitzt einen. Wer ein Haus besitzt, muss es pflegen, instandhalten, versichern. Wer ein Auto besitzt, muss es warten, betanken, parken. Wer Kleidung besitzt, muss sie waschen, sortieren, aussortieren. Wer einen Schrank voller Dinge besitzt, muss diese Dinge organisieren, suchen, irgendwann entsorgen. Das alles ist nicht unangenehm im Einzelnen. In der Summe wird es zu einer Belastung, die uns die eigene Aufmerksamkeit raubt. Wer sinnloses Eigentum von sinnvollem Eigentum unterscheiden kann, hat eine Freiheit gewonnen, die in unserer Konsumkultur selten geworden ist. Diese Erkenntnis muss man allerdings mitbringen, sonst funktioniert das nicht. Die Konsumkultur trainiert uns systematisch zum Gegenteil, dazu, immer wieder neue Dinge zu wollen, deren Anschaffung uns dann beschäftigt, bis das nächste Wollen sich meldet.
Eine zweite Folge dieser Dynamik ist eine ökologische. Eine Gesellschaft, die ständig konsumiert, verbraucht ständig Ressourcen und produziert ständig Abfall. Was an Material aus der Natur entnommen wird, kehrt am Ende meist als Abfall dorthin zurück, oft in Formen, die die Natur nicht aufnehmen kann. Die ökologischen Krisen unserer Zeit haben viele Ursachen, aber eine zentrale ist die Konsumkultur, die ein Geldsystem erzwingt, das ohne dauerndes Wachstum nicht funktionieren kann. Wer darüber nachdenkt, was die Natur tatsächlich schonen würde, kommt nicht zuerst auf neue Subventionsprogramme oder neue Verordnungen. Er kommt darauf, dass eine Gesellschaft mit weniger Konsum die Natur einfach weniger belasten würde. Und eine Gesellschaft mit einem stabileren Geld hätte den ökonomischen Druck zum permanenten Konsum nicht mehr in derselben Form.
An dieser Stelle kommen wir zur Frage, was Bitcoin in diesem Zusammenhang bedeutet.
Es wäre falsch zu behaupten, dass Bitcoin das menschliche Begehren abschaffen würde. Bitcoin ändert nichts am Menschen, wie er ist. Das mimetische Begehren wird in einer Bitcoin-Welt nicht weniger menschlich sein als in jeder anderen Welt. Die kulturelle Anstachelung des Wollens wird auch in einer Welt mit Bitcoin weiter stattfinden, jedenfalls so lange, wie wir in einer kulturellen Umgebung leben, die diese Anstachelung als selbstverständlich betrachtet. Bitcoin ist keine Lösung für das Begehren als anthropologisches Problem. Es ist keine Antwort auf die Diagnose des Buddha, des Augustinus, des Girard. Diese Antwort muss jeder Mensch für sich selbst finden, in der Form, die ihm zugänglich ist.
Was Bitcoin aber tut, ist, eine der äußeren Bedingungen zu verändern, unter denen die Konsumkultur in den letzten fünfzig Jahren so mächtig geworden ist. In einer Welt mit Bitcoin lohnt sich das Sparen wieder. Wer auf einen Konsum heute verzichtet, hat morgen mehr, nicht weniger. Wer Schulden macht, zahlt sie in einem Geld zurück, das mindestens so viel wert ist wie zum Zeitpunkt der Aufnahme, möglicherweise mehr. Die ökonomischen Anreize verschieben sich, und mit ihnen die kulturellen Erwartungen. Eine Gesellschaft, in der das Sparen wieder trägt, wird nicht über Nacht zu einer Gesellschaft der inneren Zurückhaltung. Aber sie wird die kulturellen Voraussetzungen für eine Mäßigung des Begehrens wieder anbieten, die in einem inflationären System systematisch unterminiert werden.
Es ist eine bescheidene Aussage. Sie behauptet nicht, dass Bitcoin den Menschen besser macht. Sie behauptet, dass Bitcoin dem Menschen eine Umgebung anbietet, in der er die Tugenden der Mäßigung, der Sparsamkeit, der inneren Ruhe leichter leben kann als in einem System, das ihn permanent in das Gegenteil treibt. Das ist nicht Erlösung. Das ist eine sanfte Verschiebung der äußeren Bedingungen, die das innere Leben mitprägen.
Damit verbindet sich das Bitcoin-Thema mit einer sehr alten Einsicht der spirituellen und philosophischen Traditionen, die wir am Anfang dieses Kapitels skizziert haben. Buddha sprach von der Notwendigkeit der inneren Loslösung. Augustinus von der Ordnung des Begehrens. Spinoza vom Verstehen der eigenen Affektkraft. Girard von der Erkenntnis der mimetischen Verstrickung. Sie alle haben in unterschiedlichen Sprachen darauf hingewiesen, dass die wahre Freiheit des Menschen nicht im immer Mehr liegt, sondern im rechten Maß. Die Konsumkultur unserer Zeit hat diese Einsicht in einer historisch beispiellosen Weise unterminiert. Eine Welt mit gesundem Geld würde sie nicht direkt zurückbringen, aber sie würde ihr wieder die ökonomischen Voraussetzungen geben, unter denen sie für mehr Menschen erfahrbar werden könnte.
Mit dem zehnten Gebot haben wir in unserer Reihe einen besonderen Punkt erreicht. Es ist das letzte der Gebote, deren Verbindung zu Bitcoin in einer eigenen ausführlichen Behandlung getragen hat. Sieben Gebote haben wir nun in dieser Form besprochen. Das erste Gebot mit der Frage nach den falschen Göttern unserer Zeit. Das dritte Gebot mit der Frage nach dem Rhythmus. Das vierte Gebot mit der Frage nach der Generationenkette. Das fünfte Gebot mit der Frage nach dem Leben und seinen unausgesprochenen Bedrohungen. Das siebte Gebot mit der Frage nach dem Eigentum. Das achte Gebot mit der Frage nach der Wahrheit. Und nun das zehnte Gebot mit der Frage nach dem Begehren.
Es bleiben drei Gebote, die in unserer Reihe noch nicht behandelt sind. Das zweite Gebot, du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. Das sechste Gebot, du sollst nicht ehebrechen. Das neunte Gebot, du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Diese drei Gebote sind in ihrem ethischen Gehalt nicht weniger wichtig als die anderen. Ihre Verbindung zu Bitcoin ist aber leiser. Wir wollen sie nicht erzwingen, wo sie nicht von selbst trägt. Es wäre nicht ehrlich, in jedem Gebot eine starke Bitcoin-Verbindung zu konstruieren, wo eine starke nicht vorhanden ist. Was wir aber tun können, ist, diese drei Gebote in einem gemeinsamen Kapitel zu behandeln, in dem ihre Eigenständigkeit gewürdigt wird, ohne dass wir sie in unsere These hineinpressen.