Teil V / Die Gebote im Spiegel von Bitcoin
Kapitel 23
Die leiseren Gebote (zweites, sechstes und neuntes Gebot)
Bevor wir in dieses Kapitel eintreten, möchte ich eine Klarstellung machen, die mir wichtig ist. Wir haben in den vorhergehenden sieben Kapiteln je ein Gebot ausführlich behandelt, weil sich in jedem von ihnen eine starke, intellektuell tragfähige Verbindung zu Bitcoin herstellen ließ. Drei Gebote der zehn haben wir noch nicht behandelt. Das zweite, das sechste und das neunte. Wir behandeln sie in diesem Kapitel zusammen, und ich möchte gleich am Anfang sagen, warum.
Diese drei Gebote sind in ihrem ethischen und menschlichen Gehalt nicht weniger wichtig als die anderen. Sie haben sich seit dreitausend Jahren bewährt, sie schützen Dinge, ohne die menschliche Gemeinschaft nicht funktionieren kann, und sie haben in den großen Traditionen der Menschheit ihre Spiegelungen. Was sie aber nicht haben, ist eine direkte Bitcoin-Verbindung, die einer eigenständigen Behandlung über mehrere Seiten gerecht würde. Wir wollen in diesem Buch keine Verbindungen erzwingen, wo keine sind. Es wäre nicht ehrlich, in jedem Gebot eine starke Bitcoin-Linie zu konstruieren, weil das die Tragfähigkeit der starken Linien an den anderen Stellen abschwächen würde. Wo eine Brücke trägt, haben wir sie ausgebaut. Wo sie schmaler ist, würdigen wir die Gebote in ihrer Eigenständigkeit und ziehen nur die leisen Bezüge, die sich von selbst anbieten.
Damit ist auch gesagt, was dieses Kapitel ist und was es nicht ist. Es ist nicht eine Aneinanderreihung von drei Pflichtkapiteln im Sammeltarif. Es ist eine Würdigung dreier Gebote, deren Eigengewicht in der menschlichen Tradition liegt, nicht in einer Bitcoin-Resonanz. Es ist eine Pause vor der Auflösung, in der wir noch einmal in Erinnerung rufen, dass die zehn Gebote eine Ganzheit bilden. Nicht alle sprechen mit derselben Stimme zu Bitcoin. Aber alle umkreisen dieselbe Wirklichkeit dessen, was menschliches Zusammenleben tragen kann.
Beginnen wir mit dem zweiten Gebot.
Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. In der älteren Form lautet es, du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Es ist eines der Gebote, die in unserer säkularen Zeit auf den ersten Blick fern und etwas unzugänglich wirken. Wer den Namen Gottes nicht ohnehin als heilig empfindet, dem mag schwer verständlich sein, was sein Missbrauch eigentlich bedeuten sollte. Doch dieses Gebot reicht tiefer, als sein Wortlaut auf den ersten Blick zeigt, und es hat in jeder der drei großen monotheistischen Traditionen eine besondere Würde.
In der jüdischen Tradition ist der Name Gottes so heilig, dass er gar nicht ausgesprochen wird. Wo im Tanach der heilige Name JHWH steht, ein Tetragramm aus vier hebräischen Buchstaben, dessen genaue Aussprache im Lauf der Geschichte verloren gegangen ist, lesen die Gläubigen Adonai, was Herr bedeutet, oder Haschem, was einfach der Name heißt. Sie umgehen den Namen, weil sie ihn ehren. Es ist eine Form der Ehrfurcht, die in unserer plappernden, alles benennenden, alles kategorisierenden Welt fast antik wirkt. Sie sagt, dass es etwas gibt, das so groß ist, dass es nicht in unsere alltägliche Verfügbarkeit gehört, das nicht zu jeder Gelegenheit auf die Zunge gehört, das eine andere Form von Sprache verlangt als das, womit wir die Geschäfte des Tages erledigen.
Im Christentum hat sich die Tradition gemildert, der Name Gottes wird ausgesprochen, aber er soll nicht leer, nicht beiläufig, nicht zur Bekräftigung von Belanglosigkeiten verwendet werden. Die katholische Tradition hat zwar das Wort Gott und den Namen Jesu in Gebet und Liturgie geheiligt, aber gleichzeitig die alltägliche Verwendung in einer Form geregelt, die Respekt verlangt. Wer in einem konservativen Haushalt aufgewachsen ist, kennt diese Selbstverständlichkeit. Der Name Gottes wird nicht als Füllwort gebraucht, nicht als Fluch, nicht als rhetorische Verstärkung. Er gehört in einen anderen Bereich des Sprechens, in den Bereich des Gebets, des Bekenntnisses, der Ehrfurcht.
Im Islam ist die Ehrfurcht vor den Namen Gottes ebenfalls zentral. Es gibt die berühmten neunundneunzig schönen Namen Gottes, die in der islamischen Tradition betrachtet, rezitiert und meditiert werden, jeder eine Annäherung an einen Aspekt der göttlichen Wirklichkeit, der für das Menschliche nie ganz erfassbar ist. Auch hier eine Form der sprachlichen Ehrerbietung, die unsere säkularen Gesellschaften weitgehend verlernt haben.
Das zweite Gebot warnt also vor einer bestimmten Art des Missbrauchs. Vor dem Missbrauch dessen, was als heilig gilt. Es ist ein zutiefst religiöses Gebot, und seine direkte Verbindung zu Bitcoin ist nicht da. Wir wollen sie nicht erzwingen. Was wir aber tun können, ist eine analoge Beobachtung über unsere Zeit machen, die zur Tradition dieses Buches passt.
Es gibt in unserer Zeit eine Form des sprachlichen Missbrauchs, die zwar keinen religiösen Gegenstand hat, die aber in ihrer Struktur dem ähnelt, was das zweite Gebot benennt. Es ist der Missbrauch hochwertiger Begriffe, die im öffentlichen Sprechen so leichtfertig verwendet werden, dass ihr ursprünglicher Gehalt erodiert. Wahrheit. Gerechtigkeit. Wissenschaft. Demokratie. Solidarität. Nachhaltigkeit. Klima. Toleranz. Vielfalt. Begriffe von hohem Wert, deren ehrlicher Gebrauch in einem freien Diskurs unverzichtbar wäre, die aber in den letzten Jahrzehnten zunehmend als Bekräftigungsformeln für politische Programme dienen, die mit dem ursprünglichen Gehalt der Begriffe oft nur noch eine entfernte Verwandtschaft haben. Die Beispiele stehen quer durch das politische Spektrum, und sie meinen nicht die Sache, die diese Begriffe bezeichnen. Wer den Gebrauch des Begriffs Klima kritisiert, ist nicht gegen die Natur. Wer den Gebrauch des Begriffs Demokratie kritisiert, ist nicht gegen die Herrschaft des Volkes. Was hier benannt wird, ist eine Mechanik, kein Lager. Wer einen dieser Begriffe ausspricht, schafft eine Stimmung, in der Widerspruch als unmoralisch erscheint. Wer ihn zurückweist, gilt als Gegner dessen, wofür der Begriff einmal stand.
Das ist nicht religiöser Missbrauch im engeren Sinne, und ich will hier keine Gleichsetzung machen. Aber es ist eine verwandte Struktur. Der Gebrauch eines hochwertigen Begriffs ohne den Respekt vor seinem Gehalt entwertet diesen Gehalt. Was als heilig oder als unverhandelbar galt, wird zur Floskel. Was als Maßstab gedient hat, wird zum Manipulationsinstrument. Eine Gesellschaft, die mit ihren wertvollsten Worten so umgeht, riskiert, dass diese Worte ihr abhanden kommen, wenn sie sie wirklich braucht.
Diese Beobachtung verbindet das zweite Gebot leise mit dem achten, dem Wahrheitsgebot. Wer den Namen einer Sache verunehrt, indem er ihn missbraucht, gibt damit eine Form des falschen Zeugnisses über die Sache selbst ab. Es gibt eine Verwandtschaft zwischen den beiden Geboten, die in der Tradition oft übersehen wurde, die in unserer Zeit aber bedeutsamer geworden ist als je zuvor.
Damit lassen wir das zweite Gebot stehen, in seiner eigenen Würde. Es spricht nicht direkt zu Bitcoin, aber es spricht zu einem Punkt, der in jeder Gemeinschaft wichtig ist. Die Ehrfurcht vor dem, was wir als wertvoll erkannt haben, und der respektvolle Umgang mit den Worten, in denen wir es ausdrücken.
Wir kommen zum sechsten Gebot.
Du sollst nicht ehebrechen. Es ist ein Gebot, das in unserer Zeit eine erstaunliche Erosion durchgemacht hat. Was vor zwei oder drei Generationen als selbstverständliche Grundlage einer Ehe galt, ist heute kulturell unter Druck geraten. Die Statistiken zu Scheidungen, zu Affären, zu Trennungen sind eindeutig. Die mediale Darstellung von Liebe und Partnerschaft hat sich verändert. Die Erwartungen, die Menschen an eine Partnerschaft haben, sind in vielen Fällen unrealistisch geworden. Die Bereitschaft, an einer schwierigen Phase festzuhalten, hat abgenommen.
Wir wollen das in diesem Buch nicht moralisierend behandeln. Jede Ehe hat ihre eigene Geschichte, und es steht uns nicht zu, über das Scheitern einzelner Partnerschaften zu urteilen. Was wir aber sagen können, ist eine zivilisatorische Beobachtung. Die Ehe ist eine der ältesten und stabilsten Institutionen, die die Menschheit hervorgebracht hat. Sie schützt nicht nur die Liebe zweier Menschen, sondern auch die Kinder, die aus dieser Liebe hervorgehen, und durch sie die nächste Generation. Eine Gesellschaft, in der die Ehe in großem Maßstab nicht mehr trägt, gerät in eine Form der Instabilität, die viele andere Probleme nach sich zieht.
Was das sechste Gebot in seinem Kern schützt, ist die Treue. Nicht nur die sexuelle Treue im engeren Sinne, sondern die umfassendere Treue zu einem Menschen, mit dem man sein Leben verbinden will. Diese Treue ist keine selbstverständliche menschliche Eigenschaft. Sie ist eine Leistung, an der gearbeitet werden muss, ein Tag nach dem anderen, durch alle Phasen einer langen Beziehung. Sie ist auch nicht nur eine Frage des Wollens, sondern eine Frage der Haltung. Und sie hängt, mehr als oft gesehen wird, an einer dritten Größe, die in diesem Buch noch nicht so deutlich zur Sprache gekommen ist. Sie hängt am Respekt.
Ich erlaube mir an dieser Stelle eine persönliche Beobachtung, weil mir das Thema wichtig ist. Eine Beziehung kann sehr vieles aushalten, wenn der Respekt zwischen den Beiden gewahrt bleibt. Sie kann auch sehr vieles haben, wovon man denken könnte, dass es die Voraussetzungen für Stabilität wären, und sie trägt trotzdem nicht, wenn der Respekt fehlt. Ich kann für mich selbst sagen, dass ich in über zwanzig Jahren Beziehung zu meiner Frau kein einziges Schimpfwort gegen sie ausgesprochen habe, keine Beleidigung, keinen offenen Streit. Das hat nichts damit zu tun, dass wir nie unterschiedlicher Meinung wären oder dass wir nie eine schwierige Phase hätten. Es hat damit zu tun, dass der Respekt für uns beide eine Grenze ist, hinter die wir nicht zurückfallen. Der Respekt fordert eine Form der Zurückhaltung, die in einem heftigen Moment schwer ist. Er fordert ein Stück objektives Denkvermögen, das sich nicht von der Welle der eigenen Affekte mitreißen lässt. Wenn diese Zurückhaltung gegeben ist, dann trägt eine Verbindung, auch wenn sie durch unruhige Phasen geht.
Ich sage das nicht, um mein eigenes Leben zu verklären. Ich sage es, weil ich in der Lebenspraxis erfahren habe, dass die Treue, von der das sechste Gebot spricht, nicht im Großen, sondern im Kleinen gewinnt oder verliert. Sie gewinnt in den hundert kleinen Momenten eines Tages, in denen man sich entscheidet, den anderen zu achten, statt ihn zu verletzen. Sie verliert in den hundert kleinen Momenten, in denen Achtsamkeit nachlässt. Eine Ehe ist nicht eine einzelne große Entscheidung am Anfang, die dann durch das Leben trägt. Sie ist eine kontinuierliche Praxis des Respekts, die in jedem Augenblick erneut geleistet werden muss.
Die direkte Verbindung zu Bitcoin gibt es bei diesem Gebot nicht. Es gibt aber eine indirekte Beobachtung, die ich hier nur anstoßen möchte. Wir haben in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt, wie das gegenwärtige Geldsystem auf die Familienstrukturen wirkt. Die Notwendigkeit, dass beide Partner arbeiten, um sich ein normales Leben leisten zu können. Der wachsende Druck auf die Zeit, die für die Beziehung selbst zur Verfügung steht. Die ständige Sorge um materielle Sicherheit, die andere Sorgen verdrängt. Eine andere Form von Geld, das einer Familie wirklich erlaubt, in stabilen Verhältnissen zu leben, ohne dass die ökonomische Bedrängnis die Beziehung mit aufzehrt, würde der Treue mittelbar Raum geben. Sie würde sie nicht erzeugen, weil Treue eine Frage der Haltung ist und keine Frage des Bankkontos. Aber sie würde die Voraussetzungen verbessern, unter denen Treue gelebt werden kann.
Wir kommen zum neunten Gebot.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Es ist die innere Seite des sechsten Gebots, so wie das zehnte die innere Seite des siebten war. Es bezieht sich auf das Begehren, das der Tat vorausgeht. Wer nicht begehrt, was einem anderen gehört, wird auch nicht ehebrechen. Die Tradition, die diese beiden Gebote auseinanderhält, hat gut verstanden, dass das menschliche Handeln nicht erst beim Tun beginnt, sondern viel früher.
Wir haben in Kapitel 22 das Begehren in seiner allgemeinen Form ausführlich behandelt. Was dort gesagt wurde, gilt auch hier. Das Begehren ist eine Wurzel, aus der vieles wächst, was im Außen seine Folgen hat. Wer mit seinem Begehren nicht arbeitet, der wird von ihm gearbeitet. Wer es versteht und nicht jedem seiner Impulse folgt, gewinnt eine innere Freiheit, die in der Konsumkultur unserer Zeit selten geworden ist.
Spezifisch zum neunten Gebot lässt sich ergänzen, dass die mimetische Theorie von René Girard, die wir im vorigen Kapitel kennengelernt haben, gerade in diesem Bereich besonders erhellend ist. Das Begehren nach dem Partner eines anderen Menschen ist häufig nicht eine spontane Anziehung, sondern eine Form des mimetischen Wettbewerbs. Was begehrenswert ist, wird oft erst dadurch begehrenswert, dass es schon einem anderen gehört. Wer das durchschaut, hat eine Möglichkeit, sich aus diesem Mechanismus zu lösen. Wer es nicht durchschaut, bleibt darin gefangen, ohne zu verstehen, was eigentlich in ihm arbeitet.
Auch hier wieder keine direkte Bitcoin-Verbindung. Wieder eine leise Beobachtung darüber, dass das Innere des Menschen die wahre Arena der Gebote ist, und dass kein technisches System diese Arena ersetzen kann. Bitcoin schützt Eigentum, sichert Aufzeichnungen, gibt dem Sparen seine Bedeutung zurück. Es lässt das Innere des Menschen unberührt. Was im Herzen aufsteigt, bleibt eine Aufgabe, die jeder mit sich selbst auszumachen hat.
Damit haben wir die drei leiseren Gebote in ihrer Eigenständigkeit gewürdigt. Sie sind nicht weniger wichtig als die anderen sieben. Sie sprechen nur leiser in unsere These hinein, und das ist gut so. Die zehn Gebote sind keine Marketing-Kampagne, in der jedes Gebot mit gleicher Lautstärke dasselbe Lied singt. Sie sind eine Verdichtung menschlicher Erfahrung, und in dieser Verdichtung gibt es Stimmen, die zu unserer Zeit sehr direkt sprechen, und andere, die ihre eigene, leisere Würde haben. Beides hat seinen Platz.
Mit diesem Kapitel endet Teil V des Buches. Wir haben alle zehn Gebote betrachtet, sieben in eigenen Kapiteln, drei in dieser gemeinsamen Würdigung. Die These dieses Buches, dass Bitcoin in einer historisch beispiellosen Weise einige der ältesten ethischen Mahnungen der Menschheit in technische Eigenschaften übersetzt, hat sich in den vorhergehenden Kapiteln aus verschiedenen Richtungen gezeigt. Es ist nicht eine vollständige Übersetzung. Es sind nicht alle zehn Gebote in derselben Tiefe. Es ist eine Verbindung, die in einigen Punkten tief greift und in anderen leiser bleibt. Aber es ist eine Verbindung, die in der Geschichte der Menschheit noch nicht gesehen wurde, und sie ist es wert, dass wir sie auf den letzten Seiten dieses Buches noch einmal in ihrer Ganzheit betrachten.
Das ist die Aufgabe des sechsten und letzten Teils. Wir haben den langen Weg durch die zehn Gebote nun zurückgelegt. Es bleibt noch, einen Schritt zurückzutreten und das Bild als Ganzes zu sehen. Dazu gehört auch eine Klarstellung, die in einer Welt, in der Bitcoin schnell als etwas mehr als ein Geldsystem stilisiert wird, von größter Bedeutung ist. Bitcoin ist keine Religion. Was es ist, was es nicht ist, und was bleibt, wenn man den Kreis dieses Buches durchschritten hat, das ist die Frage der letzten drei Kapitel.