Teil VI / Die Auflösung

Kapitel 24

Bitcoin ist keine Religion


Die vorhergehenden Kapitel dieses Buches haben eine These entwickelt, die in ihrer Reichweite groß ist. Sichtbar geworden ist, dass Bitcoin in einer historisch beispiellosen Weise einige der ältesten ethischen Mahnungen der Menschheit in technische Eigenschaften übersetzt. Das Eigentum, das durch Selbstverwahrung geschützt ist. Die Wahrheit der Aufzeichnung, die durch die Blockchain gesichert ist. Die Generationenkette, die durch knappes Geld wieder tragfähig wird. Der Rhythmus, der dem menschlichen Leben eine zeitliche Struktur gibt, die in einem permanent expandierenden Geldsystem verloren gegangen ist. All das ist ausgeführt und in den Spiegel der zehn Gebote gestellt.

Wer ein solches Buch schreibt, muss an einer bestimmten Stelle eine wichtige Klarstellung machen, weil die Reichweite der Aussage missverstanden werden könnte. Bitcoin ist keine Religion. Das muss klar und freundlich gesagt werden, weil es in der Bitcoin-Welt Strömungen gibt, in denen religiöse Töne anklingen, und weil es Leser geben könnte, die aus dem Bisherigen den falschen Schluss ziehen, das vorliegende Buch wolle Bitcoin zu einem Glaubensgegenstand machen. Es will das Gegenteil.

Beginnen wir mit der Frage, was eine Religion eigentlich ist. Die Antwort lässt sich nicht auf eine einzelne Definition reduzieren, weil Religionen sich in ihrer Gestalt voneinander unterscheiden. Es lassen sich aber einige Merkmale benennen, die in fast jeder Religion in irgendeiner Form vorkommen und die zusammen das ausmachen, was eine Religion von einer bloßen Weltanschauung, einer Philosophie oder einem Werkzeug unterscheidet.

Eine Religion bietet eine Antwort auf die letzten Fragen menschlichen Daseins. Sie spricht zur Frage, was der Sinn des Lebens ist, was nach dem Tod kommt, warum es Leid gibt und wie der Mensch in einer Welt zurechtkommen kann, die er sich selbst nicht ausgesucht hat. Sie reicht damit in eine Dimension, die wissenschaftliche oder technische Antworten von ihrer Natur her nicht erreichen können, weil die wissenschaftliche Methode auf intersubjektive Überprüfbarkeit angewiesen ist und die letzten Fragen sich dieser Überprüfbarkeit entziehen.

Eine Religion schafft eine Gemeinschaft von Menschen, die durch geteilte Überzeugungen, geteilte Riten und gemeinsame Geschichten miteinander verbunden sind. Diese Gemeinschaft ist mehr als eine zufällige Ansammlung von Anhängern. Sie ist eine soziale Wirklichkeit, in der Menschen sich aufeinander beziehen, einander tragen, einander prägen. Sie hat Heilige Schriften, in denen die zentralen Erfahrungen festgehalten sind. Sie hat heilige Orte, an denen Menschen sich versammeln. Sie hat heilige Zeiten, in denen das Profane in den Hintergrund tritt.

Eine Religion verbindet den Menschen mit dem, was über die rein materielle Welt hinausgeht. Sie öffnet eine Dimension, in der das Endliche auf etwas Unendliches verweist, das Bedingte auf etwas Unbedingtes, das Vergängliche auf etwas Bleibendes. Wie diese Dimension benannt wird, unterscheidet sich von Tradition zu Tradition. Gott, Brahman, Tao, Dharma, der Eine, das Unsagbare. Die Worte sind unterschiedlich, der Blick auf eine Wirklichkeit, die nicht in der materiellen Welt aufgeht, ist allen Religionen gemeinsam.

Wenn man Religion in dieser Weise bestimmt, ist sofort klar, dass Bitcoin nichts von alldem ist. Bitcoin ist eine technische Lösung für ein technisches Problem mit weitreichenden Folgen, aber es ist keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es sagt nichts darüber, was nach dem Tod kommt. Es bietet keinen Trost im Leid. Es schafft auch keine religiöse Gemeinschaft, jedenfalls keine in dem Sinne, in dem die großen Religionen Gemeinschaft schaffen. Es gibt eine Anwendergemeinschaft, eine technische und kulturelle Bewegung, aber das ist etwas anderes. Es gibt keine heiligen Schriften, sondern technische Dokumentationen und einen Quellcode. Es gibt keine heiligen Orte, sondern Server-Räume und Mining-Anlagen. Es gibt keine heilige Zeit, sondern eine zehnminütige Blockzeit, die jeden Tag, jede Nacht gleichermaßen läuft. Bitcoin öffnet keine transzendente Dimension. Es ist die Verkörperung einer mathematischen Idee in einem Netzwerk von Computern, und das ist alles.

Diese Bescheidenheit ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke. Bitcoin ist groß genug, dass es Aufmerksamkeit verdient. Es ist nicht groß genug, dass es Anbetung verdient. Diese beiden Sätze gehören zusammen und tragen die ganze Klarstellung dieses Kapitels.

Es gibt nun in der Bitcoin-Welt Stimmen, die in einem anderen Ton sprechen. Es gibt Bitcoiner, die von Bekehrung reden, wenn sie meinen, dass jemand das System verstanden hat. Es gibt Stimmen, die von Bitcoin als der Erlösung sprechen, vom Genesis Block als der heiligen Stunde, von Satoshi Nakamoto als einem Heilsbringer. Es gibt Gemeinden, deren Mitglieder einander mit einer Inbrunst begegnen, die in einer rein technischen Anwendergemeinschaft erstaunlich wirkt. Es gibt sogar humorvolle religiöse Anspielungen, die in der Bitcoin-Kultur einen festen Platz haben.

Es wäre unfreundlich, das einfach abzutun. Diese religiösen Töne sind nicht zufällig entstanden. Sie sind ein menschliches Reagieren auf eine Entdeckung, die für viele Menschen in der Tat überwältigend war. Wer aus einer Welt kommt, in der das Geld nicht trägt, in der die Vermögen über die Generationen still entwertet werden, in der die Versprechen der Politik regelmäßig gebrochen werden, in der die Wahrheit der öffentlichen Kommunikation unter dem Druck verschiedenster Interessen steht, der erlebt in Bitcoin etwas, das er so noch nicht erlebt hat. Eine Stelle, die nicht lügt. Eine Größe, die nicht verhandelbar ist. Eine Regel, die jeden Tag dasselbe tut. Aus dieser Erfahrung ein Gefühl der Ehrfurcht zu ziehen, ist menschlich verständlich. Es ist sogar bezeichnend für das, was Menschen sehnen, wenn ihnen alles, woran sie sich orientieren wollten, im Lauf der Jahrzehnte unter den Händen weggebrochen ist.

Ich teile diese religiösen Töne in diesem Buch trotzdem nicht. Nicht weil ich nicht verstünde, woher sie kommen. Sondern weil sie zu dem, was Bitcoin tatsächlich ist, nicht passen und weil sie eine Erwartung in Bitcoin hineinlegen, die Bitcoin nicht einlösen kann. Wer Bitcoin als Erlöser feiert, wird enttäuscht werden, weil Bitcoin nicht erlöst. Es löst eine bestimmte technische Frage. Es hat weitreichende kulturelle, ökonomische und politische Folgen. Aber es erlöst keinen Menschen von seinen letzten Fragen, von seinem Leiden, von seinem Tod, von der Aufgabe, mit dem eigenen Begehren in einer Form umzugehen, die ihn nicht zerreißt.

Wenn das so klar gesagt wird, dann stellt sich die Frage, wie sich diese Klarstellung mit der zentralen These dieses Buches verträgt. Die vorhergehenden Kapitel haben immer wieder gezeigt, dass Bitcoin in Resonanz zu den zehn Geboten steht. Wie verträgt sich das mit der Aussage, dass Bitcoin keine Religion ist?

Die Antwort ist einfach und sie ist wichtig. Es geht in diesem Buch nicht darum, Bitcoin zu heiligen. Es geht darum, eine erstaunliche Beobachtung zu würdigen. Eine technische Erfindung kann Eigenschaften aufweisen, die in Resonanz zu sehr alten ethischen und religiösen Einsichten stehen. Das macht die Erfindung nicht heilig. Es macht die alten Einsichten lesbarer.

Ich möchte das in der Klarheit aussprechen, weil es das Herzstück der ganzen Klammer ist, die dieses Buch zusammenhält. Was die Menschheit über drei Jahrtausende als Norm formuliert hat, wer nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis ablegen, nicht den anderen seines Eigentums berauben soll, das hat in Bitcoin eine technische Form gefunden, die genau diese Mahnungen in einem klar abgegrenzten Bereich strukturell durchsetzt. Diese Beobachtung wertet Bitcoin nicht zu einer Religion auf. Sie wertet die alten Gebote nicht ab, indem sie behauptet, sie seien durch Technik überholt. Sie tut etwas anderes. Sie zeigt, dass die alten Gebote auf eine Wirklichkeit antworten, die so beständig ist, dass sich in der menschlichen Zivilisation jetzt eine Technik entwickelt hat, die sie in einer ihrer Dimensionen verkörpert.

Das ist nicht weniger eindrucksvoll, weil es Bitcoin nicht als Religion etabliert. Es ist sogar eindrucksvoller, weil es Bitcoin in seine richtige Bescheidenheit zurücksetzt und die alten Einsichten in ihrer Würde stehen lässt. Bitcoin ist nicht der neue Gott. Es ist ein technisches Werkzeug, das uns zeigt, dass die alten Gebote nicht überholt sind, sondern dass sie auf Wirklichkeiten antworten, die in jeder Zeit Geltung haben und die sich in jeder Zeit neu zeigen können.

An dieser Stelle möchte ich noch einen Gedanken anfügen, der für mich wichtig ist und der zur Tonart dieses Buches gehört. Vielleicht ist Bitcoin nicht nur die Verkörperung einer technischen Möglichkeit. Vielleicht ist es auch ein Spiegel, der unserer Zeit vorgehalten wird. Ein Spiegel, in dem wir sehen können, was uns abhanden gekommen ist, und worauf wir uns besser besinnen sollten, bevor wir das, was uns trägt, vollständig aufgeben.

Eine Welt, die zunehmend kollektivistisch denkt, in der die Eigenverantwortung an staatliche Stellen abgegeben wird, in der die Wahrheit unter den Druck politischer Programme gerät, in der das Eigentum als Verhandlungsmasse gilt, in der die Familienstrukturen unter der ökonomischen Bedrängnis erodieren, in der das Geld nicht mehr trägt, in der der Sinn für das rechte Maß im permanenten Konsumieren verschwindet, ist eine Welt, die in eine Richtung läuft, die sich historisch immer wieder als problematisch erwiesen hat. Die kollektivistischen und etatistischen Großideologien des zwanzigsten Jahrhunderts, der Sowjetkommunismus, der Nationalsozialismus, der Maoismus, das Pol-Pot-Regime, haben mehr Leid verursacht als jede andere ideologische Strömung. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass der normative Relativismus, der Nihilismus und der dauernde Interventionismus den nötigen Raum bekommen, in dem sie sich entfalten können. Eine starke Demokratie braucht eigenständige Menschen. Ein solcher Mensch braucht Eigentum, Wahrheit, Verantwortung, Familie, ein Geld, das trägt. Was Bitcoin tut, ist eine Bedingung dieser Stärke wieder herstellen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

In diesem Sinne ist Bitcoin kein Gott und kein Götze. Es ist ein Spiegel und ein Werkzeug. Es sagt uns nicht, wer wir sein sollen. Es schafft Bedingungen, unter denen wir die Frage neu stellen können, wer wir sein wollen. Diese Frage ist eine, die jeder Mensch für sich selbst beantworten muss. Sie ist die Frage, mit der die großen Religionen, die großen philosophischen Traditionen, die großen ethischen Lehrer der Menschheit immer befasst waren. Bitcoin nimmt diese Frage niemandem ab. Bitcoin macht sie nur wieder hörbar, indem es einige der falschen Antworten aus dem Weg räumt, die in den letzten Jahrzehnten unter dem Etikett der Steuerbarkeit, der Solidarität, der Stabilität, der Modernität verkauft worden sind.

Mit dieser Klarstellung schließt sich der Bogen, der mit dem ersten Gebot in Kapitel 16 begonnen hat. Dort war vom Götzendienst die Rede, der überall dort entsteht, wo Menschen ihr letztes Vertrauen in Stellen setzen, die diese Verehrung nicht verdienen. Hier nun ist zu sagen, dass auch Bitcoin nicht zum Adressaten eines solchen Vertrauens werden darf. Wer einen Gott hat, sollte ihn behalten. Wer keinen hat, wird auch in Bitcoin keinen finden. Was Bitcoin uns gibt, ist nicht eine Antwort auf die letzten Fragen. Was Bitcoin uns gibt, ist die technische Voraussetzung dafür, dass wir die letzten Fragen wieder mit klarem Kopf stellen können.

Damit endet dieses Kapitel mit einer Beobachtung, die zum nächsten und letzten reflektierenden Kapitel hinüberführt. Wir sind durch die ökonomische Diagnose, durch die Begegnung mit der Österreichischen Schule, durch die Bitcoin-Erkenntnis, durch die Verbindung mit Naturgesetzen, Werten und Religion und schließlich durch die zehn Gebote gegangen. Was bleibt nun, wenn man diesen Kreis durchschritten hat? Was nimmt man mit aus einer solchen Reise, jenseits der einzelnen Argumente und der einzelnen Beobachtungen?

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