Teil I - Der Riss

Kapitel 3

Bitcoin als praktische Begegnung


Bevor ich Bitcoin verstand, hatte ich Bitcoin schon einmal gesehen und wieder weggelegt. Es muss um 2013 gewesen sein. Ich sah eine Dokumentation, in der es um Mining ging. Maschinen, Strom, Rechenleistung, irgendetwas in dieser Richtung. Ich erinnere mich nicht mehr an Details. Was ich noch weiß, ist, dass mir der Stoff interessant vorkam, aber nicht wichtig genug, um meine Aufmerksamkeit zu binden. Ich war zu dieser Zeit gesundheitlich angeschlagen. Unser Sohn war zwei Jahre alt. Es gab Dinge, die wichtiger waren als ein neues digitales Phänomen, das ein paar Technikbegeisterte beschäftigte. Ich blieb fokussiert auf das, was zählte. Bitcoin verschwand wieder aus meinem Blickfeld.

Drei oder vier Jahre später kam es zurück. Diesmal blieb es.

Was sich geändert hatte, war nicht Bitcoin. Bitcoin war zwischen 2013 und 2017 dasselbe Protokoll wie vorher. Was sich geändert hatte, war meine Bereitschaft, hinzusehen. Ich war im Beruf in ruhigerem Fahrwasser, unser Sohn war aus dem Kleinkindalter heraus, und ich hatte wieder Kapazität für eine Sache, die Zeit kostet, ohne sofort etwas zurückzugeben. Das ist eine wichtige Voraussetzung für Bitcoin. Wer keine Geduld hat, sich in etwas hineinzudenken, das sich der schnellen Erklärung entzieht, der wird nicht weit kommen. Bitcoin gibt sich nicht beim ersten Annähern preis. Es verlangt, dass man bleibt.

Mein Weg in die Sache war kein theoretischer. Ich habe nicht erst lange über die Eigenschaften eines guten Geldes nachgedacht, bevor ich gehandelt habe. Ich bin Praktiker. Ich wollte verstehen, indem ich tat. Und das hieß für mich: Mining.

Ich bestellte ASIC-Maschinen direkt aus China. Es waren spezialisierte Geräte, gebaut für einen einzigen Zweck, das Berechnen von SHA-256-Hashes. Mehr können sie nicht. Weniger auch nicht. Sie kommen in rechteckigen, schweren Aluminiumgehäusen, sind verkabelt mit dicken Netzteilen, brauchen Drehstrom, und sie machen, sobald man sie einschaltet, einen Lärm, den man in einer normalen Bürozimmer-Akustik nicht ausgehalten hätte. Wer einen Industrieventilator kennt, der bei voller Drehzahl läuft, weiß ungefähr, was da passiert. Es waren nur einige wenige Geräte, aber schon das reichte, um einen Raum spürbar zu verändern.

Die Lieferung kam in Kartons, die schwerer waren, als man bei der Bestellung vermutet hätte. Ich nahm sie ins Büro meiner Agentur, weil dort Platz war, weil dort eine vernünftige Stromversorgung lag und weil ich für die ersten Tage ohnehin täglich vor Ort sein musste, um die Geräte zu konfigurieren. Ich packte sie aus, baute sie auf, schloss sie an, verkabelte sie, richtete die Software ein, suchte die passenden Mining-Pools, prüfte die ersten Hashes. Es waren Tage und Nächte, in denen ich praktisch nichts anderes tat. Wer einmal selbst ein paar solcher Geräte in Betrieb genommen hat, kennt das. Es ist eine besondere Mischung aus Ingenieurarbeit, Geduld und einem leisen, kindlichen Staunen darüber, dass das alles tatsächlich funktioniert.

Diese erste Phase im Büro hatte einen Nebeneffekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich war damals mit meiner Agentur in einem Bürogebäude untergebracht, in dem mehrere Firmen ihren Sitz hatten. Auf unserer Etage kannten wir uns alle, man grüßte sich auf dem Flur, man traf sich in der Küche, man wechselte ein paar Worte. Ein Aufbau von Mining-Hardware im Büronebenraum bleibt in einer solchen Umgebung nicht unbemerkt. Der Lärm trug. Die Wärme, die solche Geräte abgeben, ist beträchtlich. Schon wenige davon geben genug Abwärme ab, dass ein Raum, der dafür nicht gebaut ist, innerhalb kürzester Zeit zur Sauna wird.

Es gab einen Moment in dieser Zeit, an den ich mich besonders gut erinnere. Ein Kollege auf unserer Etage, ein Grafikdesigner, kam vorbei. Er sah die Maschinen, hörte das Geräusch, spürte die Wärme, und er sagte etwas, an das ich mich gerne erinnere. Er sagte, was ich da treibe, sei nichts anderes als das, was damals in den Niederlanden mit den Tulpen geschehen sei. Eine Blase. Kein innerer Wert. Kein intrinsischer Wert. Müll. Eine sinnlose Verschwendung von Energie.

Ich habe damals nicht groß widersprochen. Man widerspricht in solchen Momenten selten erfolgreich, weil das Gegenüber nicht in einem Gespräch ist, sondern in einer Position. Er hatte sich entschieden, was Bitcoin sei, bevor er sich damit beschäftigt hatte. Sein Urteil stand. Was ich vor ihm aufgebaut hatte, war für ihn der sichtbare Beweis dafür, dass er recht hatte. Ich war für ihn in dieser Sekunde nicht ein Unternehmer, der etwas Neues ausprobiert, sondern ein Clown, der einem Hype hinterherlief.

Was ich ihm damals nicht erklären konnte, weil ich selbst noch am Anfang stand und weil die richtigen Worte noch nicht da waren, ist das Folgende. Die niederländische Tulpenmanie des siebzehnten Jahrhunderts und Bitcoin sind so gegensätzlich, wie zwei Dinge nur sein können. In der Tulpenmanie wurde ein leicht zu produzierendes Gut, eine Blumenzwiebel, durch spekulative Erwartungen auf ein irrwitziges Preisniveau gehoben. Sobald die Erwartung kippte, kollabierte der Preis, weil das Angebot beliebig erweitert werden konnte. Es gab keine eingebaute Knappheit. Es gab keine Energie, die in das Produkt geflossen war und es vor Inflation geschützt hätte. Eine Tulpenzwiebel kann jeder vermehren, der Erde und Geduld hat.

Bitcoin ist das genaue Gegenteil. Die Knappheit ist nicht ein Versprechen, das eingehalten werden muss, sondern eine in das System eingebaute Eigenschaft. Es wird nie mehr als einundzwanzig Millionen Einheiten geben. Diese Zahl ist kein Marketingversprechen. Sie ist eine Regel im Code, die jeder, der das Netzwerk betreibt, in jeder Sekunde überprüft. Und die Energie, die in jeden einzelnen Block fließt, ist kein Abfall. Sie ist genau das, was Bitcoin gegen Manipulation schützt. Wer die Regeln ändern wollte, müsste mehr Energie aufbringen als alle anderen Teilnehmer zusammen. Das ist nicht theoretisch unmöglich, aber praktisch so teuer, dass es sich für niemanden lohnt. Energie ist hier nicht der Preis. Energie ist die Sicherheit selbst.

Diesen Gedanken hatte ich damals noch nicht in dieser Schärfe. Aber ich spürte, was er nicht sehen wollte. Vor mir stand keine Tulpe. Vor mir stand eine Maschine, die rund um die Uhr Strom verbrauchte, Wärme abgab, Geräusche machte und in jeder Sekunde an einem weltweiten Wettbewerb teilnahm, an dem in diesem Augenblick Hunderttausende andere Maschinen ebenfalls teilnahmen. Was diese Maschinen produzierten, war keine Blume. Es war eine Form von digitaler Wahrheit, die nur deshalb zustande kommen konnte, weil reale Energie investiert worden war.

Es gibt einen Satz, den ich erst Jahre später formulieren konnte, der aber genau diesen Gedanken trifft. Bitcoin verwandelt Energie in Sicherheit. Jeder Hash, der berechnet wird, kostet eine bestimmte, nicht reduzierbare Menge an elektrischer Arbeit. Diese Energie ist nicht weg, sie ist umgewandelt. In Wärme, ja, die weiter genutzt werden kann, aber auch in eine Eigenschaft des Systems, die sonst nicht erreichbar wäre. Die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu manipulieren. Die Unmöglichkeit, eine Einheit zweimal auszugeben. Die Unmöglichkeit, die Geldmenge willkürlich zu erweitern. Wer das einmal verstanden hat, lacht nicht mehr über den Energieverbrauch von Bitcoin. Er versteht ihn als das, was er ist. Den Preis für eine Eigenschaft, die kein anderes Geldsystem in der Geschichte je hatte.

Nach einigen Wochen im Agenturbüro war klar, dass die Maschinen nicht dauerhaft dort bleiben konnten. Der Stromverbrauch, die Wärme, der Lärm, all das war auf Dauer mit einem normalen Bürobetrieb nicht vereinbar. Ich brachte die wenigen Geräte in ein Rechenzentrum in den Niederlanden, das sich auf das Hosting solcher Hardware spezialisiert hatte. Dort liefen sie noch eine Weile weiter. Ich wartete und administrierte sie aus meinem Büro heraus. Ich sah die Hashrate, ich sah die Effizienz, ich sah die Pool-Statistiken, ich sah, wann ein Gerät ausfiel und nachjustiert werden musste. Es war ein kleiner Ausschnitt eines viel größeren Ganzen, den ich aus der Distanz beobachtete und dessen Wesen mir mit jedem Monat klarer wurde.

In dieser Zeit, in der ich die Maschinen täglich beaufsichtigte, ohne dass sie mehr direkt vor mir standen, geschah etwas, das schwer zu beschreiben ist. Ich fing an, das System nicht mehr als Geldsystem zu betrachten, sondern als Naturphänomen. Die Hashrate, die weltweit eingesetzte Rechenleistung, schwankte mit Strompreisen, mit der Hardware-Generation, mit Standortwechseln großer Miner, mit dem Wetter in den Regionen, in denen Wasserkraftwerke Bitcoin sicherten. Es war ein lebendiges Gefüge, das auf physikalische Bedingungen reagierte und sich dabei selbst stabilisierte. Niemand steuerte es. Niemand musste es steuern. Es funktionierte, weil die Regeln des Spiels jedem Teilnehmer denselben Anreiz gaben, ehrlich zu sein.

Wer von außen darauf blickt, sieht Stromverbrauch und Maschinenlärm. Wer von innen darauf blickt, sieht etwas anderes. Er sieht ein System, das die Eigenschaften eines Naturgesetzes hat. Es belohnt nicht den Lautesten, nicht den Mächtigsten, nicht den, der die besseren Beziehungen hat. Es belohnt den, der reale Arbeit geleistet hat, in einer Form, die jeder andere Teilnehmer überprüfen kann. Wer das einmal gesehen hat, kann es nicht mehr ungesehen machen.

Die Geschichte mit diesem Grafikdesigner hat übrigens noch ein Nachspiel, das ich an dieser Stelle gerne erzähle. Wir sind beide aus dem damaligen Bürogebäude längst ausgezogen, haben uns aber über die Jahre gelegentlich wiedergesehen. Irgendwann im Laufe des Jahres 2024, ich glaube, es war im Gespräch nebenbei, erzählte er mir, dass er inzwischen selbst Bitcoin gekauft habe. Ohne große Erklärung, ohne Rückgriff auf das, was er sieben Jahre zuvor gesagt hatte. Es war einfach so. Ich habe in diesem Moment nichts dazu gesagt, weil es nichts zu sagen gab. Menschen kommen an. Manche früher, manche später. Manche durch eigene Erfahrung, manche durch das, was sie über die Jahre beobachten. Was zählt, ist nicht, wer wann angekommen ist, sondern dass jemand seinen Weg gegangen ist, in seinem eigenen Tempo, aus seinen eigenen Gründen. Genau das hat dieses Buch im Kern zu vermitteln. Es gibt keine Eile, und es gibt keine Schuld. Es gibt nur die Frage, ob man bereit ist, hinzuschauen, wenn der eigene Moment gekommen ist.

Was ich in dieser Phase noch nicht hatte, war die ökonomische und philosophische Sprache für das, was ich da beobachtete. Die Hardware kannte ich. Den Code, zumindest in seinen Grundzügen, kannte ich. Die Wirtschaftsgeschichte, die geldtheoretischen Hintergründe, das alles kam erst danach. Es war fast wie ein Lehrling, der sich zuerst die Hände schmutzig macht, bevor er versteht, in welchem Handwerk er sich da befindet. Ich war damals an Bitcoin durch die Hardware gebunden, durch die tägliche Arbeit, durch die konkrete Erfahrung, dass dieses System existiert und funktioniert. Was ich noch nicht hatte, war eine Antwort auf die Frage, warum es so funktioniert, wie es funktioniert. Und warum das, was es tut, nicht nur eine technische Spielerei ist, sondern etwas, das eine größere Bedeutung hat.

Die Antwort kam von einer Seite, mit der ich nicht gerechnet hatte. Sie kam aus einer ökonomischen Schule, die ich aus der Schule nicht kannte, weil sie dort schlicht nicht vorgesehen war. Sie hatte einen Namen, der zunächst altbacken klang. Die Österreichische Schule. Und sie sollte mir in den folgenden Jahren das geben, was die Hardware nicht geben konnte. Einen Rahmen, in dem das, was ich praktisch erlebt hatte, eine logische und historische Einordnung bekam.

Dieses Kapitel im interaktiven Reader lesen →