Teil 2 / Das System

Kapitel 5

Was Geld eigentlich ist


Die meisten Menschen halten einen bestimmten Satz für selbstverständlich, der bei näherem Hinsehen nicht stimmt. Der Satz lautet, dass Geld eine Erfindung des Staates sei. Dass irgendwann in der Geschichte eine kluge Obrigkeit beschlossen habe, das mühsame Tauschwesen durch ein einheitliches Zahlungsmittel zu ersetzen, dass sie dieses Zahlungsmittel ausgegeben habe, und dass das Volk sich anschließend dankbar damit eingerichtet habe. Es ist eine schöne Geschichte. Sie ist nur leider falsch.

Geld ist nicht erfunden worden. Geld ist entstanden. Es ist über viele Generationen aus dem freien Handeln von Menschen herausgewachsen, die im Tausch miteinander Erfahrungen sammelten und dabei beobachteten, welche Güter sich besser eigneten, um zwischen zwei anderen Gütern zu vermitteln. Das geschah nicht durch einen einzelnen Beschluss, nicht durch einen Erfinder, nicht durch eine politische Verordnung. Es geschah als das, was man eine spontane Ordnung nennt. Eine gewachsene Form, die niemand entworfen hat und die trotzdem eine erstaunliche Funktionalität besitzt.

Der erste, der diesen Vorgang theoretisch sauber beschrieben hat, war Carl Menger, einer der Gründer der Österreichischen Schule, in seinem 1871 erschienenen Werk Grundsätze der Volkswirthschaftslehre und später ausführlicher in einem Aufsatz mit dem Titel Über den Ursprung des Geldes. Mengers Frage war im Kern eine sehr einfache. Wenn niemand das Geld erfunden hat, woher kommt es dann? Seine Antwort war, dass es aus einem ganz alltäglichen Problem hervorgeht, dem Problem der doppelten Übereinstimmung des Verlangens. Wer in einer reinen Tauschwirtschaft Brot will und Schuhe anzubieten hat, muss jemanden finden, der zugleich Brot anzubieten hat und Schuhe will. Solche doppelten Übereinstimmungen sind selten. Sie machen den Handel langsam und schwierig.

Aus dieser praktischen Schwierigkeit erwächst eine Lösung, die niemand beschließt, sondern die alle gemeinsam allmählich entdecken. Es gibt bestimmte Güter, die für viele Menschen begehrenswert sind, die sich gut aufbewahren lassen, die in handhabbaren Mengen vorkommen und die nicht so leicht zu beschaffen sind, dass jeder sie beliebig vermehren könnte. Wer in einer solchen Tauschwirtschaft ein solches Gut besitzt, wird feststellen, dass er es fast immer eintauschen kann, auch wenn er es selbst nicht braucht. Er nimmt es nicht, weil er es konsumieren will, sondern weil er weiß, dass er es später bei jemand anderem wieder einsetzen kann. Aus dieser Beobachtung, vielfach wiederholt über lange Zeiträume, wächst etwas, das wir heute Geld nennen. Ein Gut, das nicht mehr nur wegen seiner direkten Nützlichkeit gehalten wird, sondern wegen seiner Eintauschbarkeit.

Welche Güter diese Rolle übernehmen können, hängt von ihren Eigenschaften ab. Sie müssen begehrt sein, sonst will sie niemand annehmen. Sie müssen sich aufbewahren lassen, ohne zu verderben, sonst verlieren sie ihren Wert mit der Zeit. Sie müssen in genügend kleinen Einheiten teilbar sein, sonst kann man mit ihnen keine kleinen Geschäfte machen. Sie müssen sich transportieren lassen, sonst nutzen sie nur vor Ort. Sie müssen leicht erkennbar und schwer zu fälschen sein, sonst zerfällt das Vertrauen. Und vor allem müssen sie knapp sein. Sie dürfen sich nicht beliebig vermehren lassen. Ein Gut, das jeder im Garten ziehen kann, hat keine Chance, Geld zu werden. Es würde im selben Moment, in dem es als Tauschmittel verwendet wird, durch immer mehr Anbau entwertet, bis niemand mehr es annehmen wollte.

In der Geschichte haben sehr viele Güter eine Zeit lang die Rolle von Geld gespielt. Auf der Pazifikinsel Yap waren es große steinerne Scheiben, die so schwer waren, dass man sie nicht bewegen konnte. Ihr Besitz wurde mündlich überliefert. Bei verschiedenen indigenen Völkern dienten Muscheln, etwa die Kaurischnecke, lange Zeit als Geld. In manchen afrikanischen Regionen war es Salz, das so knapp und so begehrt war, dass es zur Bezahlung von Löhnen dienen konnte. Daher kommt unser Wort Salär. Im sibirischen Pelzhandel waren es Felle. In japanischen Provinzen war es Reis. Es gab Tabak, Vieh, Tee, Stoffe. Eine erstaunliche Vielfalt von Gütern, die alle für eine bestimmte Zeit und in einer bestimmten Region die Rolle übernehmen konnten.

Und doch hat sich über die Jahrhunderte und über alle Kulturen hinweg eines davon abgesetzt. Gold. Es war nicht das einzige Edelmetall, das eine Rolle spielte, Silber war über lange Zeit fast ebenbürtig, aber Gold war das Beständigste. Es verband mehr Eigenschaften in sich, die ein Gut zum guten Geld machen, als jedes andere bekannte Material. Es lief nicht an, es verging nicht, es ließ sich präzise teilen, in kleinen Mengen prägen, leicht erkennen, schwer fälschen, und es konnte nicht beliebig hergestellt werden. Wer Gold abbaute, fand selten viel mehr, als die bekannte Welt davon insgesamt schon besaß. Die Zuwachsrate war über Jahrhunderte stabil bei etwa eineinhalb bis zwei Prozent pro Jahr. Ein neues Vorkommen konnte einen Schock auslösen, wie nach der Entdeckung der amerikanischen Silberminen im sechzehnten Jahrhundert in Europa zu beobachten war, aber im Großen blieb das Verhältnis von neu hinzukommendem Gold zu bereits vorhandenem Gold sehr klein. Die Österreichische Schule nennt diese Eigenschaft das Stock-to-Flow-Verhältnis. Je größer der vorhandene Bestand im Verhältnis zur jährlichen Neuproduktion, desto besser eignet sich ein Gut als wertaufbewahrendes Geld. Gold hatte hier in der Menschheitsgeschichte den unangefochtenen Spitzenplatz, bis Bitcoin kam, das diese Eigenschaft auf eine neue Weise verwirklicht.

An dieser Stelle könnte ich jetzt in die ausführliche Geschichte des Goldes einsteigen, in die Münzprägung der Lyder, in die römischen Aurei, in die Goldwährungen des neunzehnten Jahrhunderts. Vieles davon hat Saifedean Ammous in Der Bitcoin-Standard mit einer Klarheit beschrieben, die ich hier nicht zu übertreffen versuche. Wer in die historische Tiefe einsteigen will, findet bei ihm den umfassendsten Zugang im deutschsprachigen Raum, der einem Laien zugemutet werden kann. Mir geht es in diesem Buch um einen anderen Punkt, der über die reine Geldgeschichte hinausreicht.

Der Punkt ist dieser. Geld ist seinem Wesen nach kein staatliches Produkt, sondern ein Produkt menschlichen Handelns. Wenn eine Gesellschaft sich freiwillig auf ein bestimmtes Geld einigt, dann tut sie das nicht, weil eine Autorität es ihr verordnet hat, sondern weil dieses Geld in der Praxis die besten Eigenschaften gezeigt hat. Es hat sich bewährt, und auf seiner Bewährung beruht sein Wert. Wer in der Antike einen römischen Aureus annahm, tat das nicht primär, weil der römische Kaiser es so wollte, sondern weil der Aureus eine bestimmte Menge Gold enthielt, die jeder selbst überprüfen konnte. Sobald die Kaiser anfingen, den Goldanteil zu reduzieren, das nennt man Münzverschlechterung, brach das Vertrauen ein, und mit dem Vertrauen brach am Ende auch die Wirtschaft, die auf diesem Geld aufbaute. Eine Geschichte, die sich übrigens in den folgenden zweitausend Jahren so oft wiederholt hat, dass man sie als Naturgesetz der Geldgeschichte ansehen kann. Sobald die Stelle, die das Geld ausgibt, anfängt, an seiner Knappheit zu drehen, beginnt der Niedergang.

Diese Einsicht hat eine sehr unbequeme Konsequenz, sobald man sie auf unsere heutige Welt anwendet. Unser heutiges Geld, der Euro, der US-Dollar, der japanische Yen, das britische Pfund, ist kein Geld, das aus dem freien Handeln vieler Menschen hervorgegangen ist. Es ist Geld, das von Stellen ausgegeben wird, die das Monopol auf seine Schöpfung haben. Eine Notenbank, gestützt durch ein gesetzliches Annahmegebot, das uns alle dazu verpflichtet, dieses Geld zu nehmen, ob wir wollen oder nicht. Wer in Deutschland heute ein Geschäft betreibt und versucht, statt Euro etwa Gold oder Silber als Zahlungsmittel zu fordern, läuft schnell in rechtliche Schwierigkeiten. Was wir Geld nennen, ist also nicht das Ergebnis einer freien Wahl der Marktteilnehmer, sondern das Ergebnis einer rechtlichen Setzung. Vom lateinischen fiat, es werde, kommt der Begriff Fiat-Geld. Es ist Geld, weil eine Stelle entschieden hat, dass es Geld sein soll, und weil eine andere Stelle, der Gesetzgeber, jeden dazu verpflichtet, es als Geld anzunehmen.

Das wäre an sich noch kein Problem, wenn diese Stelle das Monopol auf die Geldschöpfung verantwortungsvoll ausüben würde. Wenn sie sich der Disziplin unterwerfen würde, die ein knappes Gut wie Gold ihr früher von außen aufgezwungen hat. Wenn sie also die Geldmenge in einem Verhältnis halten würde, das der wachsenden Wirtschaft entspricht, und niemals darüber hinaus expandieren würde. Aber genau das tut sie nicht. Sie kann es nicht tun, weil die politischen Anreize, mehr Geld zu schaffen, immer stärker sind als die Anreize, weniger zu schaffen. Wer mehr Geld in die Welt setzt, kann mehr Ausgaben finanzieren, mehr Probleme übertünchen, mehr Erwartungen bedienen. Wer weniger schafft, muss unpopuläre Entscheidungen treffen, Sparmaßnahmen verlangen, Begrenzungen aussprechen. Die Versuchung, in Richtung mehr zu gehen, ist eingebaut und dauerhaft. Die Konsequenzen sind das, was wir im ersten Teil dieses Buches in seinen Symptomen schon beschrieben haben.

An dieser Stelle möchte ich kurz innehalten und etwas Persönliches einflechten, weil mir bei diesem Stoff immer wieder ein Bild aus meiner Kindheit einfällt.

Ich komme aus einfachen Verhältnissen. In unserem Haushalt gab es keinen Überfluss. Alles musste durch Leistung erwirtschaftet werden, durch harte Arbeit. Geld war nicht etwas, was selbstverständlich da war, sondern etwas, was ein Mensch durch Anstrengung in die Welt brachte. Meine Großmutter hat das auf eine Weise gelebt, an die ich heute oft denke, wenn ich über diese Fragen schreibe. Sie hatte eine kleine Landwirtschaft, vorwiegend zur Selbstversorgung, und daneben einen winzigen Kiosk. Es war wirklich nur ein Fenster zur Straße, neben dem eine Klingel hing. Wer etwas wollte, klingelte. Meine Großmutter kam, an jedem Tag der Woche, bis spät in den Abend. Sie verkaufte Getränke, Eis, Zigaretten, ein paar Kleinigkeiten. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist, dass die Leute bei ihr nicht nur eine ganze Packung Zigaretten kaufen konnten, sondern auch einzelne Zigaretten, für ein paar Pfennige das Stück. Sie verstand, was kaum jemand mehr verstand. Auch das kleinste Geschäft trug etwas bei. Sie lebte den Spruch Kleinvieh macht auch Mist.

Sie war sparsam, sie war fleißig, sie nutzte selbst die kleinsten Erfolgsaussichten. Erst viel später wurde mir bewusst, was ich da als Kind beobachtet hatte. Sie hat mir das, was die Österreichische Schule eine niedrige Zeitpräferenz nennt, vorgelebt, ohne den Begriff je gehört zu haben. Sie verzichtete heute auf den schnellen Genuss, um morgen etwas zu haben. Sie sparte das, was übrig blieb, statt es auszugeben. Sie nahm jede Gelegenheit wahr, auch wenn der Gewinn klein war, weil sich aus vielen kleinen Beträgen über die Zeit etwas aufbauen ließ. Ich habe das damals selbstverständlich in mich aufgenommen, als die Art, wie Menschen mit Geld umgehen. Erst als ich später Mises las und das Konzept der Zeitpräferenz theoretisch begegnete, fiel mir auf, dass ich mit der Österreichischen Schule längst in Berührung gekommen war, ohne es zu wissen. Meine Großmutter war eine Praxeologin, ohne ein Buch über Praxeologie je gesehen zu haben. Sie handelte aus einer Lebensweisheit heraus, die wusste, was knappes, ehrliches Geld bedeutet und wie man mit ihm umgeht.

Wenn ich heute über die Lage unseres Geldsystems nachdenke, kommt mir oft dieses Bild zurück. Die Klingel, die Stimme der Großmutter, die einzelne Zigarette, das Bewusstsein, dass ein Pfennig ein Pfennig ist und dass aus vielen Pfennigen ein Heller wird. Das ist eine Welt, die zu meinen Großeltern selbstverständlich gehörte und die in einem Geldsystem, das jedes Jahr einen messbaren Teil der eigenen Ersparnisse verschwinden lässt, schwer aufrechtzuerhalten ist. Wer in einem solchen System sparsam ist, wird systematisch enteignet. Wer schuldenbasiert konsumiert, wird systematisch belohnt. Das ist nicht ein Vorwurf an die Menschen, die sich an die veränderten Anreize anpassen. Das ist eine Beobachtung über ein System, das die Tugenden meiner Großmutter bestraft und die Schwächen ihres Gegenteils belohnt.

Ich kehre zum Hauptthema zurück. Geld, so haben wir gesehen, ist seinem Wesen nach eine spontane Ordnung. Es entsteht aus dem freien Handeln vieler Menschen, die über lange Zeiträume herausfinden, welches Gut sich am besten eignet, um zwischen anderen Gütern zu vermitteln und Wert über die Zeit zu tragen. Die Geschichte hat in dieser Frage eine sehr klare Antwort gegeben. Gold war über Jahrtausende das beste Geld, das die Menschheit kannte. Nicht weil ein Staat es so bestimmt hätte, sondern weil seine Eigenschaften alle Anforderungen am besten erfüllten.

Und dann, im zwanzigsten Jahrhundert, ist etwas geschehen, was bis dahin in dieser Form nie geschehen war. Die Bindung des Geldes an einen knappen Rohstoff wurde aufgehoben. Nicht in einem einzelnen Schritt, sondern in mehreren Etappen, deren letzte und entscheidende auf das Jahr 1971 datiert ist. Ab diesem Jahr lebt die ganze Welt in einem Geldsystem, das keine harte Bindung mehr an etwas Knappes hat. Was ein Dollar, ein Euro, ein Yen wirklich wert ist, hängt seither nicht mehr davon ab, was an knappem Material dahintersteht, sondern davon, was die Stelle, die das Geld ausgibt, bereit ist zu tun, um seinen Wert zu erhalten oder zu schwächen.

Was dieser Bruch im Großen bedeutet, was er auslöst, wie er bis in die feinsten Verästelungen unseres heutigen Lebens hineinwirkt, davon handelt das nächste Kapitel.

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