Teil III / Bitcoin
Kapitel 9
Wenn das System auf die Gesellschaft wirkt
Ein einfacher Gedanke trägt das ganze folgende Kapitel. Wenn ein Geldsystem bestimmte Verhaltensweisen belohnt und andere bestraft, dann werden über die Zeit immer mehr Menschen die belohnten Verhaltensweisen zeigen und immer weniger Menschen die bestraften. Das ist keine moralische Aussage über die Menschen. Es ist eine schlichte Folge dessen, wie Anreize wirken. Wer in einer Welt lebt, in der Sparen verliert, wird weniger sparen. Wer in einer Welt lebt, in der Schulden lohnen, wird mehr Schulden machen. Wer in einer Welt lebt, in der das Vorausschauen sich nicht rechnet, wird weniger vorausschauen. Das ist keine Schwäche der einzelnen Menschen, sondern die natürliche Reaktion auf Bedingungen, die sie häufig nicht einmal bewusst kennen, aber täglich spüren.
Im vorigen Kapitel ging es um die digitale Wahrheit und ihre technische Lösung. In diesem Kapitel kehren wir zurück in die Welt, in der Menschen leben, und schauen, wie das, was wir in den vergangenen Kapiteln theoretisch beschrieben haben, sich in ihren Lebensbedingungen niederschlägt. Es wird kein vergnügliches Kapitel, weil die Beobachtungen, die hier zur Sprache kommen, ernsthaft sind. Es wird aber auch kein anklagendes Kapitel, weil die Ursachen, von denen wir sprechen, nicht in den Menschen liegen, sondern in einem System, das sich nach seiner eigenen Logik weiterentwickelt hat.
Beginnen wir mit dem, was sich am unmittelbarsten zeigt. Mit dem Verhältnis der Menschen zu ihrem Geld.
Wer in einer Volkswirtschaft mit einem stabilen Geld aufwächst, in der die Kaufkraft eines Sparbuchs über Jahre nicht spürbar abnimmt, der lernt sehr früh, dass Sparen sich lohnt. Wer einen Teil seines Einkommens zurücklegt, baut über die Zeit ein Polster auf, das ihm Sicherheit gibt, Wahlfreiheit verschafft und in schwierigen Lebensphasen trägt. Solche Menschen entscheiden anders. Sie sind weniger erpressbar, weniger abhängig, weniger geneigt, kurzfristigen Versuchungen nachzugeben. Sie können nein sagen. Sie können warten. Sie können auf Gelegenheiten reagieren, die andere übersehen, weil sie keine Reserven haben.
In einer Volkswirtschaft mit einem Geld, das systematisch im Wert verliert, kippt diese Logik. Wer sein Geld zurücklegt, sieht zu, wie es weniger wird, ohne dass jemand sichtbar daran etwas tut. Die Reaktion liegt nahe. Man konsumiert lieber heute, was man morgen vielleicht nicht mehr bekommt. Man flieht in Vermögenswerte, die wenigstens mit der Inflation Schritt halten, Immobilien, Aktien, Edelmetalle, Bitcoin. Wer das nicht kann, weil sein Einkommen dafür nicht reicht oder weil ihm der Zugang dazu fehlt, bleibt zurück. Er ist der eigentliche Verlierer dieses Systems. Er hat keine Möglichkeit, sich zu schützen, und sein Geld auf der Bank wird Jahr für Jahr weniger.
Die Zahlen, die diese Verschiebung beschreiben, sprechen eine sehr klare Sprache. Die Sparquote der amerikanischen Haushalte ist vom Ende des Goldstandards bis heute von etwa vierzehn Prozent auf gut zwei Prozent gefallen. Was diese Zahl in Wirklichkeit bedeutet, ist mehr als eine statistische Auffälligkeit. Sie bedeutet, dass eine ganze Gesellschaft in zwei Generationen umgelernt hat. Sie hat aufgehört zu sparen, weil das Sparen nicht mehr trug. Sie hat gelernt zu konsumieren, weil der Konsum gehalten hat, was das Sparen nicht mehr halten konnte. Und sie hat gelernt, Schulden aufzunehmen, weil Schulden in einem inflationären System mit der Zeit ebenfalls an realer Last verlieren, jedenfalls solange Einkommen und Vermögenspreise im selben Tempo steigen.
Was in den Vereinigten Staaten gemessen wurde, lässt sich in den meisten entwickelten Ländern in ähnlichen Tendenzen beobachten, wenn auch in unterschiedlichen Tempi und Ausprägungen. In Deutschland ist die Sparquote länger hoch geblieben als anderswo, ist aber seit Jahren auf dem Rückzug, vor allem bei jüngeren Haushalten. Die Verschuldung der Privathaushalte hat über alle westlichen Gesellschaften hinweg historische Höchststände erreicht. Was die Generation meiner Großmutter noch als anständige Lebensführung verstanden hat, das Vermeiden von Schulden, das Zurücklegen für magere Zeiten, das Bauen auf eigene Mittel, ist in einer Welt, in der das Geld jährlich an Wert verliert, ökonomisch zu einer Bürde geworden. Was Tugend war, ist Nachteil geworden.
Diese Verschiebung wirkt nicht nur in den Geldbeziehungen. Sie wirkt tiefer, weil Geld der Übersetzer ist, mit dem Menschen ihre langfristigen Pläne in praktische Schritte zerlegen. Wenn das Geld seine Verlässlichkeit verliert, dann verlieren auch die Pläne ihre Verlässlichkeit, die auf diesem Geld aufbauen.
Das zeigt sich an einem Bereich, in dem die Folgen besonders deutlich sichtbar sind. Beim Wohnen.
Wer in Deutschland in den siebziger oder achtziger Jahren ein Haus bauen wollte, brauchte dafür eine bestimmte Anzahl von Jahresgehältern. Die Größenordnung lag, je nach Region, in einem überschaubaren Bereich von drei bis sechs Jahresgehältern eines durchschnittlichen Angestellten oder Handwerkers. Es war eine Anstrengung, aber eine Anstrengung, die ein einzelner Verdiener mit einer Familie in einem Berufsleben aufbringen konnte. Es war das Modell der Generation meiner Eltern.
Heute ist diese Größenordnung verschwunden. In den Ballungsräumen liegt das Verhältnis von Hauspreis zu Jahresgehalt oft bei zehn, fünfzehn oder mehr Jahresgehältern, in Großstädten wie München bei zwanzig und darüber. Das ist nicht eine kontinuierliche Verteuerung, die mit normalem Wachstum erklärbar wäre. Es ist eine systematische Entkopplung, die genau dort einsetzt, wo wir sie historisch erwarten würden. Nach 1971. Wer die Daten ansieht, die das Verhältnis zwischen Hauspreisen und Einkommen über die letzten hundert Jahre vergleichen, sieht ein Bild, das nicht zu missdeuten ist. Bis 1971 verläuft die Linie in einem schmalen Korridor. Nach 1971 löst sie sich von den Einkommen und steigt steil nach oben. Sie steigt nicht, weil die Häuser besser geworden wären. Sie steigt, weil sie zum Fluchtort für ein Geld geworden sind, das anderswo entwertet wird. Wer sich in einem inflationären System absichern will, kauft, was nicht beliebig vermehrbar ist. Das treibt die Preise für genau diese Güter weiter in die Höhe. Was dabei verloren geht, ist die Möglichkeit für die nachkommenden Generationen, in dasselbe Modell des Hausbaus einzutreten, das ihren Eltern noch offenstand.
Das ist keine vorgehaltene Anklage. Es ist die kühle Beschreibung eines Mechanismus. Wer Häuser hat, profitiert von der Geldmengenausweitung, weil seine Häuser nominell im Wert steigen. Wer keine hat, sieht sich vom Eigentum systematisch ausgeschlossen, weil seine Ersparnisse die Preisentwicklung nicht einholen können. Das ist der Cantillon-Effekt, übersetzt in die Lebenswirklichkeit junger Familien, die heute Mitte dreißig oder Anfang vierzig sind und bei aller Anstrengung kaum mehr eine Aussicht haben, das zu schaffen, was ihre Eltern in derselben Lebensphase erreicht haben.
Damit sind wir bei einer weiteren Folge, die mit den Geldbeziehungen eng verwoben ist und die sich in jeder Statistik der letzten Jahrzehnte zeigt. Bei den Familienstrukturen.
Familien gründet man, wenn man eine Zukunft sehen kann. Man heiratet, wenn man glaubt, dass Bindung sich lohnt. Man bekommt Kinder, wenn man glaubt, dass man ihnen etwas wird mitgeben können, was es wert ist, weitergegeben zu werden. Diese ganz schlichten Voraussetzungen sind nicht erst durch Bitcoiner formuliert worden, sondern sind Grundvoraussetzungen menschlichen Zusammenlebens seit es Gesellschaften gibt.
Was geschieht mit diesen Voraussetzungen in einem System, in dem die Zukunft ökonomisch immer unsicherer aussieht, in dem das eigene Haus für die meisten unerreichbar geworden ist, in dem beide Partner arbeiten müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen, und in dem die kulturellen Botschaften eines weiten Teils der Medien und der akademischen Welt zudem nahelegen, dass Familie als Lebensform eigentlich überholt sei? Was geschieht, lässt sich in den Daten ablesen, und es ist erschütternd, wenn man es zum ersten Mal nebeneinander stellt.
Die Heiratsquote in den westlichen Gesellschaften ist seit den siebziger Jahren in praktisch allen Ländern deutlich gefallen. Das Alter bei der ersten Eheschließung ist gestiegen, in Deutschland inzwischen jenseits der dreißig. Die Geburtenrate ist über alle entwickelten Länder hinweg unter das Reproduktionsniveau gefallen, in einigen Ländern wie Südkorea oder Italien dramatisch. Die Zahl der Singlehaushalte hat sich in den letzten fünfzig Jahren in den meisten europäischen Großstädten mehr als verdoppelt. Die Zahl der Paare ohne Kinder steigt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Und die Zahl junger Erwachsener, die im Alter, in dem ihre Eltern längst eine eigene Familie gegründet hatten, noch bei den Eltern wohnen, hat in vielen Ländern Niveaus erreicht, die man bisher nur aus südeuropäischen Ländern kannte und für eine kulturelle Besonderheit hielt.
Jede dieser Entwicklungen lässt sich einzeln auch mit anderen Erklärungen versehen. Die Bildungsexpansion, die Frauenemanzipation, der Wertewandel, individuelle Lebensentscheidungen. All das spielt eine Rolle. Was aber auffällt, ist die Gleichzeitigkeit. Alle diese Entwicklungen setzen ziemlich genau in derselben Phase ein, in den siebziger Jahren, und sie verschärfen sich über die Jahrzehnte parallel zueinander. Wer die Geldgeschichte und die Familiengeschichte nebeneinander auf eine Zeitleiste legt, sieht zwei Linien, die sich nicht aus dem Blick verlieren. Sie laufen parallel. Sie reagieren auf dasselbe.
Mir kommt an dieser Stelle ein Bild aus dem Vortrag von Professor Bagus in den Sinn, den ich in Kapitel 4 ausführlich gewürdigt habe. Er sprach darin, mit Rückgriff auf die Frankfurter Schule und ihre Vertreter Adorno, Marcuse und Horkheimer, von einer Strategie der Relativierung. Es sei kein Frontalangriff auf die bürgerliche Kultur gewesen, sondern ein leises in Frage Stellen aller traditionellen Bindungen, ein Hinzufügen anderer Formen neben den vorhandenen, ein langsames Ausdünnen dessen, was vorher selbstverständlich war. Die traditionelle Familie sei nicht abgeschafft worden. Sie sei nur in eine Reihe gestellt worden mit vielen anderen Formen, die alle gleich gut seien, gleich wertvoll, gleich legitim. Über die Zeit hat dieses gleich gut die Mehrheit zu einer Minderheit gemacht und das, was einmal die Norm war, in den Rang einer Option unter vielen verschoben.
Das ist eine Beobachtung, die unabhängig davon zutrifft, wie man persönlich zu den verschiedenen Lebensformen steht. Es geht hier nicht um eine moralische Wertung dessen, wer wie leben soll. Es geht um den Befund, dass eine bestimmte Lebensform, in der über Generationen hinweg Eltern und Kinder, Großeltern und Enkel, Verwandtschaft und Nachbarschaft ein dichtes Netz von Beziehungen und Verpflichtungen bildeten, in vielen westlichen Gesellschaften systematisch dünner geworden ist. Das hat nichts mit individuellen Schwächen der Beteiligten zu tun. Es hat mit Anreizen zu tun, mit ökonomischen Bedingungen, und mit einer kulturellen Begleitung, die diese Entwicklung als Befreiung deutet, während sie für viele eher als Vereinsamung ankommt.
Die wachsende Zahl der Single-Haushalte, die wachsende Zahl der Paare ohne Kinder, die wachsende Zahl der Familien, in denen die Großeltern weit weg leben und die Kinder ihre eigenen Großeltern kaum kennen, ist die alltägliche Erscheinungsform dessen, was geschieht. Es geschieht nicht durch böse Absicht. Es geschieht durch das Zusammenwirken vieler Faktoren, und einer dieser Faktoren, einer der unsichtbarsten und einer der wirkungsmächtigsten, ist das Geldsystem, das langfristige Bindungen ökonomisch entwertet hat.
Hier möchte ich einen Gedanken einflechten, der mit dem zusammenhängt, was in einem späteren Teil dieses Buches noch ausführlich zur Sprache kommen wird. Es gibt in allen großen kulturellen Traditionen der Menschheit eine Form der Ehrerbietung gegenüber den Eltern, gegenüber den Vorfahren, gegenüber denen, die vor uns waren. Es ist nicht zufällig, dass diese Form in so vielen verschiedenen Kulturen aufgetaucht ist. Sie reagiert auf eine grundlegende menschliche Erfahrung. Jeder Mensch verdankt sein Leben Menschen, die vor ihm waren. Jede Generation lebt von dem, was die Generation vor ihr aufgebaut hat. Jede Zukunft wächst aus einer Vergangenheit, die nicht von uns gemacht wurde, sondern die wir vorgefunden haben.
In einer Welt, in der das, was die Vorfahren aufgebaut haben, durch ein systematisch entwertendes Geld nicht mehr stabil weitergegeben werden kann, verändert sich auch das Verhältnis zwischen den Generationen. Es geht weniger um Erbe, mehr um Liquidation. Was die Eltern aufgebaut haben, reicht heute oft kaum mehr, um den Kindern den Einstieg zu ermöglichen, den sie selbst noch hatten. Das ist nicht die Schuld der Eltern und nicht die Schuld der Kinder. Es ist die Folge eines Systems, das die Generationenkette nicht mehr verlässlich trägt. Eine Gesellschaft, die ihre Älteren und ihre Jüngeren nicht mehr in einer gemeinsamen langen Linie sehen kann, sondern jede Generation für sich, verliert etwas, das sie im Innersten zusammenhält.
Damit kommen wir zu einer dritten Folge, die das Bild abrundet. Zum Konsumverhalten.
Wenn Sparen nicht trägt und Bindung schwierig wird, dann muss der Mensch seine Bedürfnisse anders erfüllen. Er muss sich Wert, Zugehörigkeit und Ausdruck dort holen, wo er sie schnell bekommen kann. Die moderne Konsumwelt hat darauf eine Antwort entwickelt, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. Marken sind nicht mehr Hinweise auf Qualität, sondern Identitätsangebote. Statussymbole sind nicht mehr seltene Auszeichnungen für besondere Leistungen, sondern Massenprodukte, die man auf Kredit erwerben kann. Die ganze westliche Konsumkultur funktioniert über einen permanenten Kreislauf von Bedürfniserzeugung, Bedürfniserfüllung und sofortiger Folgebedürfniserzeugung, ohne dass der Mensch jemals an einen Ort käme, an dem er sagen könnte, jetzt ist genug.
Das ist nicht zufällig so. Es ist die ökonomisch logische Konsequenz daraus, dass Geld, das im Wert verliert, möglichst schnell ausgegeben werden muss, dass Kredite in einem inflationären System die Konsumenten von morgen schon heute zu Konsumenten machen, und dass eine Wirtschaft, die nur über immer mehr Verkauf funktioniert, ihre Werbung und ihre kulturellen Botschaften entsprechend ausrichtet. Die Kultur, in der wir leben, ist nicht das Ergebnis einer freien Wahl der Menschen zwischen verschiedenen kulturellen Möglichkeiten. Sie ist die kulturelle Begleitung eines bestimmten Wirtschaftssystems, das genau diese Form von Verhalten braucht, um zu funktionieren.
Was diese Konsumkultur mit den Menschen macht, lässt sich an einem leisen Maßstab ablesen, der in den letzten Jahrzehnten ebenfalls auffällig geworden ist. Die mentale Verfassung der Menschen in den entwickelten Ländern. Die Zahlen zu Angststörungen, Depressionen, Burnout, Vereinsamung, Suchtverhalten haben in den letzten dreißig Jahren so deutlich zugenommen, dass selbst die offiziellen Statistiken die Lage nicht mehr beschönigen können. Das hat viele Ursachen. Aber eine davon, eine der unausgesprochenen, hängt sehr direkt mit der Frage zusammen, in welchem Geld und in welcher Wirtschaft Menschen leben und welche Lebensbilder dieses System ihnen aufdrängt.
Auch das Verhältnis zur natürlichen Welt verändert sich in einem solchen System. Eine Wirtschaft, die nur über permanentes Wachstum funktioniert, eine Konsumkultur, die nur über permanentes Neuwollen läuft, ein Geld, das durch ständige Ausweitung in der Welt bleibt, all das setzt ungeheure Mengen an Energie und Material voraus. Diese Mengen werden der Natur entnommen, und sie werden zum allergrößten Teil als Abfall an sie zurückgegeben. Wer sich fragt, warum die ökologischen Probleme unserer Zeit trotz aller technischen Möglichkeiten nicht kleiner, sondern größer werden, findet hier eine Antwort, die nicht in der Technik liegt, sondern im Geldsystem, das die technische Entwicklung antreibt. Es ist nicht so, dass Menschen mutwillig die Natur zerstören wollten. Es ist so, dass das System, in dem sie wirtschaften, sie unaufhörlich dazu zwingt, immer mehr zu produzieren, zu kaufen, zu verbrauchen, abzubauen. Wer in diesem System weniger produziert, weniger verkauft, weniger wächst, gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das System belohnt das, was die Natur belastet, und bestraft das, was sie schonen würde.
An dieser Stelle könnte das Kapitel pessimistisch werden. Es soll das nicht. Es soll im Gegenteil einen Punkt machen, der wichtig ist und der dieses Buch in seiner ganzen Anlage trägt. Was wir hier beschreiben, sind keine Naturgesetze. Es sind Folgen eines Systems, das von Menschen gemacht ist und das von Menschen verändert werden kann. Es ist nicht unausweichlich, in einem Geld zu leben, das systematisch im Wert verliert. Es ist nicht unausweichlich, dass Familien zerfallen, dass Häuser unerschwinglich werden, dass Konsumkultur die Menschen erschöpft, dass die Natur immer mehr belastet wird. All das sind Folgen einer Entscheidung, die historisch einmal getroffen wurde und die jederzeit wieder anders getroffen werden könnte.
Mir kommt an dieser Stelle eine Bemerkung des argentinischen Präsidenten Javier Milei in den Sinn, die er im Januar 2024 in einer vielbeachteten Rede in Davos gemacht hat. Er sagte sinngemäß, er wolle keine Schafe hüten, er wolle Löwen entfesseln. Das ist ein Bild, das in seiner Schärfe vielleicht europäische Ohren irritiert. Es bringt aber etwas auf den Punkt, was zu unserem Thema gehört. In einer Welt, in der Menschen ihre Eigenverantwortung wahrnehmen können, in der sie für ihre Leistung Anerkennung bekommen, deren Wert sich nicht im Lauf weniger Jahre auflöst, in der sie eigene Häuser bauen, eigene Familien gründen, eigene Unternehmen aufbauen, eigene Vermögen über Generationen hinweg weitergeben können, in einer solchen Welt entstehen Menschen, die anders durch ihr Leben gehen. Selbstbestimmte Menschen, die ein Leben mit Eigenverantwortung führen, gefüllt mit Leistung und Anerkennung, in stabilen Gemeinschaften. Eine Demokratie aus solchen Menschen ist etwas grundsätzlich anderes als eine Demokratie aus Menschen, denen das System das Vorausschauen abgewöhnt hat.
Welche dieser Welten eine Gesellschaft anstrebt, ist eine politische Frage, die jede Generation für sich neu beantworten muss. Was sich unabhängig von dieser Antwort sagen lässt, ist, dass ein anderes Geld andere Menschen formen würde. Wer in einem Geld lebt, das seinen Wert behält, wird langfristiger denken, weil sich langfristiges Denken lohnt. Wer in einem Geld lebt, in dem Sparen wieder trägt, wird wieder sparen. Wer in einem Geld lebt, das Generationen verbinden kann, wird Generationen wieder als zusammengehörig sehen. Die Veränderung des Geldes wäre keine Heilung aller Probleme, aber sie würde die Anreize so verschieben, dass das, was die meisten Kulturen der Menschheitsgeschichte als Tugenden geschätzt haben, sich wieder lohnen würde.
Daraus ergibt sich eine Frage, die für alles Weitere entscheidend ist. Gibt es ein solches Geld? Hat jemand ernsthaft daran gearbeitet, eine Alternative zu schaffen, bevor Bitcoin im Jahr 2008 erstmals präsentiert wurde? Und wenn ja, wer waren diese Menschen, welche Ideen haben sie entwickelt, und wie hängen ihre Vorarbeiten mit dem zusammen, was wir heute kennen?